Automata: The Devil’s Machine – Ovids Pygmalion in einem Gothic-Horror-Film

In einem früheren Artikel, in dem ich mich ausführlich mit dem Zauber künstlicher Frauen von der Antike bis heute auseinandergesetzt habe und der als Grundlage für den vorliegenden Text dient, habe ich den Film „Automata“ angekündigt, der zwischenzeitlich auch unter dem Namen „The Devil’s Machine“ veröffentlicht wurde. Der Film basiert auf einem Drehbuch von Sarah Daly. Regie führte Lawrie Brewster.

Die – spoilerfreie – Handlung von „Automata“

Dr. Brendan Cole, ein Experte für den Ingenieur Alexander MacIntosh, wird angeworben, die Echtheit einer kürzlich wiederentdeckten lebensgroßen mechanischen Puppe zu überprüfen, bei der es sich womöglich um die sogenannte „Infernal Princess“ handelt.

Der Legende nach liebte im Jahr 1763 ein General im Preußen Friedrichs des Großen seine Tochter Talia1 so sehr, dass er aus Angst sie zu verlieren von Alexander MacIntosh eine beinahe lebendig erscheinende mechanische Puppe von ihr anfertigen ließ. Dieses Automaton konnte gewisse Kunststücke vorführen und erschien den Menschen, die es sehen durften, wie ein Wunder. So konnte die Puppe, die in Anlehnung an Talias Kosenamen „Princess“ als „Immortal Princess“ bezeichnet wurde, eine ihrer Hände zum Kuss hinhalten, einen Brief schreiben, sich verbeugen, „God save the king“ sagen und einen Tanz aufführen.

Doch bald schon ereignete sich eine Tragödie. Die echte Talia verschwand spurlos, woraufhin sich ihr Vater zum Puppenebenbild seiner Tochter zurückzog und dort nach einiger Zeit verstarb. Und er sollte nicht der einzige Tote bleiben. Denn alle Menschen, die das Automaton gesehen und bewundert hatten, starben plötzlich mit Mord, Suizid und Wahnsinn verbundene unnatürliche Tode, sodass bald schon die Rede von einem Fluch der „Infernal Princess“ aufkam. Die Familie des Generals vernichtete alle Zeugnisse der Puppe, bis diese schließlich auch selbst auf ungeklärte Weise verschwand. Da sich Dr. Brendan Cole in seinen Studien gegen die Existenz der „Infernal Princess“ ausgesprochen und sie als Mythos eingestuft hat, scheint er nun aufgrund seiner großen Skepsis der geeignete Mann zu sein, um die in einer vergessenen schottischen Kapelle aufgefundene Puppe auf ihre Echtheit zu überprüfen.

Da es sich um einen Gothic-Horrorfilm handelt, versteht sich von selbst, dass sich hinter der „Infernal Princess“ ein schreckliches Geheimnis verbirgt. Hat Alexander MacIntosh wirklich ein künstliches Ebenbild von Talia geschaffen oder hat er womöglich etwas ganz anderes getan?

Gegen Ende des Filmes treten noch mit Hundemasken versehene Männer auf, die laut Lawrie Bresters Audiokommentar einem Seth-Kult angehören, was die eigentliche Erzählung jedoch nicht berührt und auch nicht weiter vertieft wird.

Photo: Michael Kleu
„Automata“ und die klassische Antike

Dass sich Lawrie Brewster, Sarah Daly und die übrigen beteiligten Filmschaffenden den antiken Wurzeln ihrer Thematik bewusst sind, belegt allein der Titel des Films, der mit „Automata“ auf die altgriechische Bezeichnung für mechanische Maschinen zurückgreift, die gewisse Kunststücke vorführen oder nützliche Tätigkeiten durchführen konnten. (Dass man sich entschied, auch „The Devil’s Machine“ als Titel zu verwenden, mag darauf hindeuten, dass man davon ausging, dass heute nur noch wenige den Begriff „Automata“ richtig einordnen können. Weshalb der Plural (Automata) statt des Singulars (Automaton) verwendet wurde, bleibt das Geheimnis der Filmschaffenden. Wahrscheinlicher ist hinsichtlich der Namensänderung womöglich, dass man Verwechslungen mit dem gleichnamigen Film mit Antonio Banderas vermeiden wollte.)

Ganz deutlich wird es dann, wenn ein Brief vorgelesen wird, den die Puppe im Rahmen ihrer Kunststücke geschrieben zu haben scheint:

Art hid with art,

so well performed the cheat,

it caught the carver with his own deceit.

He knows ‚tis madness, yet he must adore,

and still the more he knows it, loves the more.

The flesh, or what so seems, he touches oft,

which feels so smooth, he believes it soft,

Fired with his thought, at once he strained the breast,

and on the lips a burning kiss impressed.

Dr. Coles Stieftochter Rose erkennt sogleich, dass es sich hier um eine Geschichte aus Ovids „Metamorphosen“ handelt, in der sich der Bildhauer Pygmalion in eine von ihm selbst geschaffene Statue verliebt, wie Ihr in meinem Artikel zum Zauber künstlicher Frauen noch einmal ausführlicher nachlesen könnt. Natürlich ist die Statue kein Automaton, also keine mechanische Puppe, doch passt der Bezug dennoch, da sich Pygmalion in künstliches „Leben“ verliebt.

Im Bonus-Material zum Film erzählt Lawrie Brewster eine kurze Geschichte der Automata, die er mit Homer beginnen lässt. Aus der griechischen Mythologie zählt er die Werke des Hephaistos sowie den künstlichen Wächter Talos als Beispiele auf. Ausführlich könnt Ihr diese Geschichten in meiner Zusammenfassung dieser und weiterer antiker Erzählungen lesen.

Ausschnitte aus Automata (Photo: Michael Kleu)
Fazit

Lawrie Brewster kam die Idee zu dem Film, als er ein Automaton in Ken Russels „Gothic“ (1986) sah und feststellte, dass dieses Thema im Horrorgenre bisher unterrepräsentiert war. Sarah Daly ließ sich dann beim Verfassen des Drehbuchs u.a. von „Dornröschen“ inspirieren (s.o.). Film und Bonusmaterial lassen außerdem keinen Zweifel daran, dass für den Film frühneuzeitliche Automata-Erzählungen und italienische Gothic-Horror-Filme die eigentliche Grundlage bildeten.

Nichtsdestotrotz hat Lawrie Brewster bei seinen Recherchen auch die antiken Automata entdeckt und zumindest im Bonusmaterial zum Film präsentiert, während es zumindest Pygmalion in den Film geschafft hat, obwohl es hier nicht um ein Automaton geht. Dennoch passt die Rezeption, da Pygmalions Geschichte und „Automata“ beide von der Liebe zu einer unbelebten Rekonstruktion einer Frau handeln. Natürlich gibt es einen zentralen Unterschied: Bei Pygmalion geht die Geschichte gut aus …

 

Anmerkungen

  1. Der Name Talia leitet sich indirekt von einem antiken Vorbild ab. Denn Sarah Daly sagt in einem Interview, das zum Bonusmaterial des Films gehört, dass sie den Namen vom Märchen „Sonne, Mond und Thalia“ übernommen hat, bei dem es sich um eine wesentlich düstere Vorlage für „Dornröschen“ handelt. Die Thalia dieses Märchens weist gewisse Ähnlichkeiten mit der sizilischen Geliebten des Zeus auf, die denselben Namen trägt.

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