Teiresias‘ Geschlechtswechsel und die Tücken der Wahrheit

Da mein heutiger Text zum blinden Seher Teiresias, der einen Teil seines Lebens im Körper einer Frau verbracht hat, etwas länger geworden ist, unterteile ich ihn in drei Rubriken. Die zweite Rubrik ist für manche Leserinnen und Leser vielleicht etwas zu althistorisch. Wenn es Euch zu viel wird, überspringt sie einfach und geht zum Comic in Kapitel III über.

I. Rezeption des Teiresias

II. Die antiken Quellen zu Teiresias

III. Das Comic „Tiresias“ von Serge Le Tendre und Christian Rossi

I. Die Rezeption des Teiresias

Die Mythen um Teiresias sind derart faszinierend, dass seine Rezeption in bedeutenden Werken der Neuzeit quasi vorprogrammiert war. So treffen wir ihn in Dantes „Göttlicher Komödie“ (Anfang 14. Jh.), in John Miltons „Paradise Lost“ (1667) und in T.S. Elliots „The Waste Land“ (1922). Virginia Woolfs „Orlando: A Biography“ (1928) überträgt Episoden des Mythos in die Zeit der Queen Elisabeth I. Die Band Genesis kommt 1973 auf ihn im Lied „The Cinema Show“ zu sprechen und die Rockband Styx erwähnt ihn 1977 in „Castle Walls„, während Project Pitchfork 2009 gleich ein ganzes Album (Dream, Tiresias!) nach ihm benennen.[1] Es ist wohl wenig überraschend, dass aufgrund des doppelten Geschlechtswandels, den Teiresias durchlebt – vom Mann zur Frau und dann wieder zum Mann -, der französische Film „Tiresia“ (2003) auf Basis des Mythos die Geschichte einer modernen Transgender-Person erzählt. (Diese und weitere Beispiele findet Ihr in der englischen und der deutschen Wikipedia.) Auffällig ist hingegen, dass sich die Phantastik bei der Rezeption des Teiresias bisher eher zurückgehalten hat. Jedoch bin ich zufällig auf eine moderne Comic-Adaption gestoßen, die ich weiter unten besprechen werde.[2]

Odysseus befragt Teiresias im Totenreich. Johann Heinrich Füsslin (1780-1785) [gemeinfrei]
II. Die antiken Quellen zu Teiresias

Zunächst aber sollten wir uns ausführlich mit den antiken Mythen um Teiresias beschäftigen, wobei ich mich aufgrund der verschiedenen Überlieferungsstränge dazu entschieden habe, nicht alle Zeugnisse zu einer Biographie des Teiresias zu vermischen, sondern mich – weitestgehend – von den ältesten Quellen zu den jüngsten vorzuarbeiten. Dieses Vorgehen ist zwar etwas schwieriger für Euch zu lesen, dafür zeigt es aber exemplarisch, was sich in der Regel für eine komplizierte Quellenlage hinter vielen Mythen verbirgt, die wir bei Gustav Schwab etc. immer so schön als zusammenhängende Geschichten präsentiert bekommen. Außerdem gibt es im Internet so viele falsche Informationen über Teiresias, dass es vielleicht ganz sinnvoll ist, die Quellen etwas ausführlicher vorzustellen.

Zunächst einmal ist zu sagen, dass Teiresias ein „sprechender“ Name ist, der sich von „teírea“ ableiten dürfte, was so viel wie „Himmelszeichen“ bedeutet. Da Teiresias in den Mythen als Seher in Erscheinung tritt, ist sein Name also im Sinne von „Zeichendeuter“ zu verstehen. Überraschender Weise ist Teiresias im ältesten Zeugnis, das ich finden konnte, bereits tot. Denn in der „Odyssee“ (8. oder 7. Jh. v.Chr.) heißt es, dass der Seher Teiresias noch im Totenreich um Rat gebeten werden konnte, da Persephone von allen Toten einzig ihm den Verstand gelassen habe (10,490-495). So wird er im Hades von Odysseus aufgesucht, der ihn hinsichtlich seiner Heimfahrt nach Ithaka befragt, wobei Teiresias währenddessen einen goldenen Stab in der Hand hält (11,90-151). Im frühgriechischen Epos „Epigonoi“ erfahren wir dann erstmals etwas über Teiresias‘ Tochter Manto, die ebenfalls Seherin war. Nachdem Theben von den Söhnen der „Sieben gegen Theben“ eingenommen worden war, weihten diese Manto in Delphi dem Gott Apollon als gebührenden Anteil an der Kriegsbeute. Leider sind aus diesem Werk nur wenige Sätze erhalten, sodass womöglich aus dieser Zeit schon verschiedene andere Aspekte stammen, von denen uns andere Autoren erst wesentlich später erzählen (s.u.).

In der „Melampodie“, einem Werk, das in der Antike wohl fälschlich Hesiod zugeschrieben wurde und vermutlich aus dem 6. Jh. v.Chr. stammt, erfahren wir, dass Teiresias auf dem Berg Kyllene zwei Schlangen erblickte, die gerade damit beschäftigt waren, sich fortzupflanzen. Nachdem er die Schlangen aus nicht genannten Gründen verletzt hatte, wurde er in eine Frau verwandelt. Später traf er die beiden Schlangen erneut und wurde wieder zum Mann. Da Teiresias also zunächst in eine Frau und später wieder in einen Mann verwandelt worden war, suchten Zeus und Hera ihn wegen einer Streitfrage auf. Das Götterpaar diskutierte nämlich, wer beim Geschlechtsverkehr das größere Vergnügen habe, der Mann – so Hera – oder die Frau – so Zeus. Da Teiresias dies aus beiden Perspektiven beurteilen konnte, teilte er das sexuelle Vergnügen in 10 Teile, von denen ein Teil auf den Mann, aber 9 oder sogar 10 Teile auf die Frau fallen. Hera gefiel diese Antwort gar nicht und blendete ihn deshalb zur Strafe. Zeus hingegen verlieh dem nun Erblindeten die Gabe eines Sehers und verlängerte seine Lebensspanne auf die Dauer von sieben Generationen (Ps.-Hesiod fr. 211f. [275f. MW]). Da sich die nur in Auszügen erhaltene „Melampodie“ ausführlich mit der Geschichte verschiedener Seher beschäftigte, ist davon auszugehen, dass sie ursprünglich viele weitere Informationen zu Teiresias beinhaltete.

Aus dem Umstand, dass sich Teiresias in der Melampodie direkt an Zeus wendet und den Gott mit „mein Herr“ anspricht, um sich dann über dessen Umgang mit ihm zu beklagen, wird gelegentlich geschlussfolgert, dass er ein Priester des Zeus gewesen sei. Laut Pindars erster Nemeischer Ode, die sich auf das Jahr 476 v.Chr. bezieht und kurz danach entstanden sein muss, war Teiresias eindeutig ein Priester des Zeus (Nem. 1,60). Bei Sophokles hingegen wird Teiresias eher mit Apollon in Verbindung gesetzt (Oid. T. 285; 375f.), was auch auf den Lille-Papyros zutrifft, der einen Text des Stesichoros wiedergibt, der im 6. Jh. v.Chr. lebte. Übrigens wird Teiresias in den Tragödien von seiner Tochter oder auch von einem Jungen begleitet, weil er als Blinder auf deren Augenlicht angewiesen ist, um gewisse Riten durchzuführen oder Zeichen deuten zu können (Eur. Phoen. 834ff.; Soph. Ant. 1010ff.).

Pherekydes von Athen (5. Jh. v.Chr.) erklärt die Blindheit des Teiresias anders als oben beschrieben. Demnach habe er Athene nackt beim Baden gesehen, weshalb die Göttin ihm die Hände auf die Augen gelegt und dadurch geblendet habe. Da die Nymphe[3] Chariklo, die Mutter des Teiresias, gute Beziehungen zu Athene pflegte, bat sie die Göttin darum, ihrem Sohn das Augenlicht zurückzugeben. Zwar konnte Athene dies nicht bewirken, doch gab sie Teiresias dafür die Gabe, die Sprache der Vögel zu verstehen. Außerdem gab sie ihm einen Stab, mit dessen Hilfe er sich fortbewegen konnte wie ein Sehender. (FGrH 3 F 92 = Apollod. 3,6,6 [3,69]). Kallimachos von Kyrene (4./3. Jh. v.Chr.) erzählt eine ähnliche Geschichte. Auch hier beobachtet Teiresias Athene beim Baden und wird dafür mit Blindheit gestraft. Nach Fürsprache der Chariklo macht die Göttin den jungen Mann zum größten aller Seher und zu einem Experten für die Deutung des Vogelflugs. Außerdem erhält er wiederum den oben angesprochenen Stab, eine lange Lebenspanne und das Privileg, später im Reich der Toten seinen Verstand bzw. sein Bewusstsein zu behalten (s.o.). Auch erfahren wir, dass Eures der Vater des Teiresias ist (Kallimachos hymni 5).

Da spätere Menschen – wie z.B. Schüler im Athen des 5. Jh. v.Chr. – nicht immer alles verstehen konnten, was in den homerischen Werken geschrieben steht, wurden Anmerkungen und Kommentare verfasst, die man teilweise auf den Handschriften einfügte oder auch in separaten Schriften sammelte. (Wenn wir heute Goethe lesen, werden wir ja auch mit Wörtern etc. konfrontiert, die wir nicht mehr so ohne weiteres verstehen können.) Solche Anmerkungen und Kommentare nennt man Scholien und die für uns namenlosen Verfasser Scholiasten. Die Scholien zur Odyssee scheinen größtenteils zwischen dem 5. Jh. v.Chr. und dem 1. Jh. n.Chr. verfasst worden zu sein, wobei hier sicherlich die Gelehrten in der Bibliothek von Alexandria eine gewisse Rolle spielten. Jedenfalls wird in diesen Scholien zu den oben angeführten Stellen aus der „Odyssee“ angemerkt, dass Teiresias sich in eine Frau verwandelt habe, weil die Schlange, die er schlug, weiblich war. Später schlug er dann die männliche Schlange und wurde wieder zum Mann (Schol. Hom. Od. 10,494). Auch zu den „Phoinikerinnen“ des Euripides besitzen wir Scholien, in denen es in Anlehnung an Peisandros, einen Mythographen aus hellenistischer Zeit, heißt, dass Teiresias mit seiner Frau Xanthe zwei Söhne (Pharmenos, Phersekerdes) und die Töchter Chloris und Manto gehabt habe (Schol. Eurip. Phoiniss. 834). Auch Schol. Pind. Nem. 9,57 bezeichnet Chloris als eine Tochter des Teiresias.

Odysseus befragt den Geist des Teiserias in der Unterwelt. Süditalien/Sizilien um 380 v.Chr. [gemeinfrei]

Der römische Dichter Ovid (43 v.Chr.-17 n.Chr.) berichtet in seinen Metamorphosen von dem bereits angesprochenen Streit zwischen Hera und Zeus. An neuen Informationen erfahren wir, dass Teiresias 7 Jahre als Frau gelebt hatte, bevor er im 8. Jahr erneut auf die Schlangen traf und wieder zum Mann wurde. Statt des Berges wird nun ein grüner Wald zum Schauplatz des Geschehens und Ovid sagt auch, dass Teiresias‘ Sprüche und Voraussagen immer ohne Fehler waren (3,316-350).

Die sogenannte „Bibliothek des Apollodor„, die aus dem 1. oder 2. Jh. n.Chr. stammt, fügt nun viele der uns bereits bekannten Informationen zusammen, erwähnt aber auch Aspekte, von denen bisher noch nicht die Rede war. So wird noch die Variante genannt, dass Apollodor von den Göttern mit Blindheit bestraft wurde, weil er als Seher den Menschen deren Geheimnisse verraten habe. Außerdem wird der Seher als ein Nachfahre des Udaios bezeichnet, einem der thebanischen Stammväter (3,6,6). Spannend ist, dass auch hier Teiresias Tochter Manto als Kriegsbeute nach Delphi gebracht wird, wir in diesem Kontext aber auch etwas über Teiresias erfahren. Dieser befindet sich währenddessen nämlich auf der Flucht vor den Eroberern Thebens und stirbt in diesem Rahmen, als er aus der Quelle Tilphusa[4] trinkt (3,7,3f.). Diodor (1. Jh. v.Chr.) hat in seinem Geschichtswerk ebenfalls von der Flucht des Teiresias aus Theben und der Weihung der Manto gesprochen, nicht aber vom Tod des Sehers (4,66,4-5). Pausanias (2. Jh. n.Chr.) berichtet, dass nicht nur Manto, sondern auch ihr Vater zum Orakel gebracht werden sollte, Teiresias unterwegs jedoch in der Nähe von Haliartia verstorben sei, nachdem er Wasser aus der Quelle Tilphusa getrunken habe. Bei Haliartia habe sich dementsprechend auch sein Grab befunden, während in Theben ein Kenotaph (leeres Grab oder Ehrenzeichen für einen Toten) zu finden sei (7,3,1; 9,18,4 u. 9,33,1. Vgl. Strab. 9,2,27). Als Grund für den Tod gibt Athenaios (um 190 n.Chr.) in Anlehnung an Aristophanes – gemeint ist wohl der Grammatiker (3. bis 2. Jh. v.Chr.) – an, dass Teiresias wegen seines hohen Alters die Kälte des Wassers nicht vertragen habe (2,15). Da die „Bibliothek des Apollodor“ und Pausanias beide Bezug auf die Überlieferung aus dem „Epigonoi“-Epos nehmen, der uns wie gesagt nur in wenigen Auszügen erhalten ist, könnte es gut sein, dass der Tod des Teiresias schon in diesem frühen Werk in einem Zusammenhang damit stand, dass Manto nach Delphi gebracht wurde. Pausanias (9,11,3) berichtet uns übrigens auch von einer weiteren Tochter des Teiresias: Historis. Über Manto ist Teiresias übrigens der Großvater von deren Sohn Mopsos, der ebenfalls als Seher fungierte (Strabon 9,5,22 u. 14,1,27).

Phlegon von Tralleis (2. Jh. n.Chr.), mit dessen antiken Wundergeschichten wir uns bereits in einem anderen Beitrag beschäftigt haben, greift ebenfalls die Geschichte des Teiresias auf und leitet die Verwandlung von der uns bereits bekannten Geschichte mit der Schlange ab. Neu ist, dass Phlegon berichtet, dass Teiresias als Frau mit einem Mann geschlafen hat und das Apollon ihm erklärt, dass er sich wieder in einen Mann verwandeln könne, wenn er bei einer erneuten Begegnung mit den Schlangen diesmal die andere verwunden würde. Als Ort gibt er wie die „Bibliothek des Apollodor“ den Kithairon-Gebirgszug an (Mirab. 4).

Laut Photios (820-891 n.Chr.) soll Ptolemaios Chennos (1. Jh. n.Chr.) von sieben Metamorphosen des Teiresias gesprochen haben. Auch Eustathios von Thessalonike bezieht sich im 12. Jh. n.Chr. in seinem Homer-Kommentar auf ein Klagegedicht mit dem Titel „Teiresias“, das sieben Metamorphosen des Sehers beinhaltet habe (ad Hom. Od. 10,494). Es ist umstritten, von wem dieses heute verlorene Gedicht stammt, doch könnte es aus hellenistischer Zeit (323-30 v.Chr.) stammen.

Es gibt noch viele weitere Autoren, die die Geschichte aufgreifen, wobei sich gelegentlich diverse Abweichungen einschleichen.[5] Nicht einzeln aufzählen werde ich an dieser Stelle die Prophezeiungen des Teiresias, der auch mit der Zeugung des Herakles und mit dem Mythos um Narziss in Verbindung steht. Erwähnt seien aber seine Verknüpfung mit der Geschichte des Oidipus und seine Präsenz in den großen Tragödien (Aischylos, Sophokles, Euripides).

Sowohl in der englischen als auch in der deutschen Wikipedia habe ich diverse weitere Angaben gefunden, die ich nicht in den Quellen finden konnte, z.B. dass Teiresias als Frau eine Priesterin der Hera gewesen sei oder dass er als Frau seine Tochter bekommen habe. Auch steht in der Wikipedia, dass Hera ihn bestraft habe, weil er Zeus das größte Geheimnis der Frauen verraten habe. Letzteres steht jedoch definitiv nicht in den Quellen, sondern ist eine Interpretation von Nicole Loraux.[6] Wenn man jedoch ein wenig recherchiert, findet man einige deutschsprachige populärwissenschaftliche Bücher, Romane etc. die das alles einfach so aus der Wikipedia übernommen zu haben scheinen.

Wir können zusammenfassen, dass der Seher Teiresias als Figur schon sehr früh bekannt war. Die Kommentare der Scholiasten belegen, dass es wohl noch mehr Material über den Seher gegeben haben muss, das uns heute nicht mehr zur Verfügung steht. Wie gesagt, könnte vieles bereits im „Epigonoi“-Epos und besonders auch in der „Melampodie“ gestanden haben, die wohl ausführlich über verschiedene berühmte Dichter berichtete. Dass es ein Grab bei der Quelle Tilphusa gibt, könnte darauf hindeuten, dass Teiresias ursprünglich mit diesem Orakelort in Verbindung gebracht wurde, aufgrund seiner Verknüpfung mit dem Oidipus-Mythos aber bereits früh nach Theben umverlegt wurde. Die Geschlechtsumwandlung wird in der Forschung einerseits ganz grundsätzlich damit erklärt, dass man eben einen Grund brauchte, weshalb Zeus und Hera Teiresias bezüglich ihrer Streitfrage um Rat baten.[7] Spannender erscheint mir die Überlegung, dass das Orakel bei der Quelle Tilphusia vielleicht wie Delphi irgendwann dazu übergegangen war, statt auf männliche auf weibliche Seher bzw. Seherinnen zurückzugreifen, was sich dann in der hier beschriebenen Form im Mythos widerspiegelte.[8] Typisch ist jedenfalls für die griechische Mythologie, dass sich nicht alle Informationen unter einen Hut bringen lassen und man damit leben muss, dass es häufig unterschiedliche Versionen gibt, was an unserem konkreten Fall z.B. an unterschiedlichen Angaben zu den Töchtern und natürlich ganz besonders an der Frage zu sehen ist, wie Teiresias erblindet ist.

Comic „Tiresias“ (Photo: Michael Kleu)

III. Das Comic „Tiresias“ von Serge Le Tendre und Christian Rossi

Nachdem wir jetzt also mit der Überlieferung des Teirsias-Mythos vertraut sind, wenden wir uns dem Teiresias-Comic von Serge Le Tendre (Text und Szenario) und Christian Rossi (Zeichnung und Farben) zu, dessen deutsche Übersetzung wie das französische Original aus dem Jahr 2011 stammt. Zehn Jahre zuvor wurde die Geschichte schon einmal in zwei Bänden in Frankreich publiziert. Es ist nicht die erste Zusammenarbeit von Le Tendre und Rossi, die sich mit der griechischen Antike beschäftigt. Bereits 1996 haben beide zusammen „Hera zum Ruhm“ (La Gloire d’Héra) publiziert, das hier ebenfalls in Kürze besprochen werden wird.

Im Comic ist Teiresias jedenfalls ein junger thebanischer Mann, der als Sohn von Everes und Chariklo vorgestellt wird und gleichermaßen sexuelle Beziehungen zu Frauen wie zu Männern pflegt, wobei sein eigenes Wohlergehen immer im Vordergrund steht, während ihn die Gefühle anderer Menschen nicht sonderlich interessieren. Gleich zu Beginn wird durch einen Blocktext klargestellt, dass wir uns in einer Zeit befinden, in der die Götter noch uneingeschränkt über Griechenland herrschen, also im Mythos. Später wird die Regierungszeit des mythischen Königs Laios, des Vaters des Oidipus, als zeitlicher Rahmen gegeben.

Die Männer kommen zu Beginn des Comics aus einem siegreichen Krieg zurück. In den Tagen danach erfährt ein Mann von einem Priester des Apollon, was gerade im Olymp geschieht, nämlich der Streit zwischen Zeus und Hera um die Frage, ob Mann oder Frau größere Lust beim Geschlechtsverkehr empfinden. Daraus ergibt sich ein Streitgespräch, das letztlich dazu führt, dass Teiresias Athene beleidigt, indem er einer ihrer Priesterinnen zu Nahe tritt.

Kurze Zeit später schiebt Teiresias, der, wenn er als Soldat dargestellt wird, immer einen korinthischen Helm auf dem Kopf sitzen hat, den er wie Perikles so trägt, dass man sein Gesicht erkennen kann (siehe Bild), beim Kithairon-Gebirge Wachdienst. Da kommt eine weibliche Kriegerin angeritten, die er für eine Amazone hält und derart begehrt, dass er sich von ihr in einen Wald locken lässt, wo er schließlich einen heiligen Hain erreicht. Hier trifft er auf den Gott Pan, der seine Späße mit Teiresias treibt, bis die nicht sichtbare Athene eingreift, die klarstellt, dass der junge Mann unter ihrem Schutz stehe. Nachdem Pan sich zurückgezogen hat, spricht die Göttin ihr Urteil über Teiresias und wirft einen Stab oder Speer zu Boden, von dem aus zwei Schlangen über den jungen Mann herfallen, wodurch dieser zu einer wunderschönen Frau wird.

Die Verwandlung des Teiresias (Ausschnitt aus „Tiresias“) Photo: Michael Kleu

Es dauert eine Weile, bis Teiresias diese Verwandlung realisiert und akzeptiert. Jedenfalls gibt er sich nun als seine kürzlich verstorbene Schwester Thya aus, um weiter in seinem Haus wohnen bleiben zu können, während Teiresias als vermisst oder desertiert gilt. (Die Schwester ist kurz zuvor verstorben, was sich noch nicht herumgesprochen hat, weil sie als Einsiedlerin an einem anderen Ort gewohnt hat.)

Natürlich muss Teiresias/Thya nun erst einmal als Frau zurechtkommen, wenn es etwa darum geht, in einem Peplos (langes griechisches Frauengewand) eine Treppe hinunterzugehen ohne sich den Hals zu brechen. Auch muss er sich daran gewöhnen, seinen Sklaven Juba als Begleitung mitnehmen zu müssen, wenn er in die Stadt möchte. Sein Platz ist nun, gemäß griechischer Gepflogenheiten, das Haus und es gelingt ihm nicht immer, in seiner neuen Rolle zu bleiben. Die Männer begehren zwar seinen weiblichen Körper, doch wundern sie sich darüber, dass diese Traumfrau sich mit dem Gang eines „Bauerntrampels“ fortbewegt. Jedenfalls versucht Teiresias nun, Athene gnädig zu stimmen und sucht deren Tempel auf, wo er von der Göttin erfährt, dass er noch einen harten Weg vor sich hat und erst wieder in einen Mann verwandelt wird, wenn er sich für das Wesen aufopfere, das ihm das liebste auf der Welt ist.

In seiner Rolle als Thya erfährt Teiresias nun, dass die Frauen ihn zwar sexuell schätzen, ihn ansonsten aber für einen wenig intelligenten Egomanen halten. (Die Frauen erinnern ein wenig an die lüsternen „Weiber“ aus den Komödien des Aristophanes, wobei teilweise auch die Lysistrata-Thematik ganz leicht angedeutet wird.) Nur Calypto, der eine homoerotische Beziehung zu Teiresias pflegte und erst kürzlich von ihm verlassen worden ist, ist der Überzeugung, dass der Verschwundene im Inneren ein guter, aber unglücklicher Mensch gewesen ist. Und genau dieser Calypto, der bisher nur homoerotische Neigungen verspürt hatte, verliebt sich nun in Thya, wobei er dadurch natürlich unwissend seiner ursprünglichen Liebe Teiresias treu bleibt. Langer Rede kurzer Sinn: Thya heiratet Calypto und gebiert ihm eine Tochter namens Manto. Als glückliche Familie ziehen sie auf das Land und es hat den Anschein, als wäre Teiresias nun als Frau ein glücklicher und erfüllter Mensch geworden. Als jedenfalls der Tag kommt, der natürlich kommen musste, und Thya sich für das aufopfert, was ihr am liebsten auf der Welt ist und zwei Schlangen erscheinen, um sie in einen Mann zurückzuverwandeln, fleht sie Athene vergeblich an, dies nicht zu tun, weil sie endlich glücklich ist.

Teiresias‘ Anpassungsschwierigkeiten als Frau (Ausschnitt aus „Tiresias“) Photo: Michael Kleu

Da Teiresias als Mann sein Familienleben nicht fortsetzen kann, zieht er sich gebrochen an die Hänge des Olymps zurück, um fortan als einsamer Schäfer zu leben, in dessen Höhle übrigens ziemlich viele tote Schlangen von der Decke hängen. Hier erscheinen dann eines Tages Hera und Zeus, um Teiresias die große Frage nach der sexuellen Lust zu stellen. Hera warnt ihn, doch sagt Teiresias, dass es kein größeres Gefühl als die Schwangerschaft gebe, was Zeus natürlich nicht als Antwort gelten lässt, da es ihm um die sexuelle Lust geht. Teiresia schwärmt weiterhin traurig von der Erfahrung der Geburt, bevor er schließlich sagt, dass die Frau zehnmal mehr Lust empfinde als der Mann. Hera ist außer sich, da Teiresias als ehemalige Frau seine Geschlechtsgenossinnen verraten habe, indem er Zeus das größte Geheimnis der Frauen mitgeteilt hat. Hera blendet Teiresias also und Zeus fertigt ihm aus zwei der toten Schlangen einen Stab, bevor er ihn zu einem Seher macht, der in seinem Namen immer die Wahrheit sprechen soll.

Im „Tagespiegel“ schrieb Thomas Hummitzsch in einer Besprechung, dass das vorliegende Comic am Mythos gescheitert sei und eher „pseudoerotischen Kitsch“ darstellen würde, womit er auf die nicht gerade sparsam eingesetzte nackte Haut etc. in der Geschichte zu sprechen kommt. Unabhängig davon, ob das Werk nun als Comic gut ist oder nicht, haben dessen Schöpfer etwas getan, was man auch schon in der Antike getan hat, wie ich oben ziemlich ausführlich anhand der antiken Zeugnisse nachzuzeichnen versucht habe: Sie haben einen alten Stoff aufgegriffen und teilweise umgewandelt, angepasst oder neuinterpretiert. So haben Le Tendre und Rossi sich eine mehr oder weniger befriedigende Begründung für die Verwandlung des Teiresias ausgedacht, was nachvollziehbar ist, da die Geschichte mit den Schlangen allein wohl für eine heutige Leserschaft nicht ausgereicht hätte. So ist es dann Athene, die für die Metamorphose verantwortlich gemacht wird, was vermutlich auf ihre tatsächliche Rolle im Mythos hinsichtlich der Erblindung des Teiresias zurückzuführen ist. Dass Teiresias als Frau ein Kind gebiert, habe ich in keiner antiken Quelle gefunden, doch passt dies gut zum zentralen Thema des Comics, dass Teiresias erst als Frau Erfüllung findet und somit zuvor vielleicht schlichtweg im falschen Körper gelebt hat. So ist ja auch Calypto ebenso in Teiresias als Frau verliebt, wie er ihn zuvor als Mann geliebt hat. Es gehört dann natürlich zur Tragik der Geschichte, dass Teiresias‘ Leben regelrecht zerstört wird als Athene ihn wieder in einen männlichen Körper zwingt. Insofern bin ich mir nicht ganz sicher, ob der Comic am Mythos gescheitert ist, oder ob er nicht einfach die vorhandenen Elemente für ein paar spannende Fragen genutzt hat, die heute durch aktuell sind.

Bei der Szene mit Hera und Zeus folgen Le Tendre und Rossi Nicole Loraux‘ Interpretation vom Geheimnis der Frauen, was sogar noch dadurch unterstrichen wird, dass in der Szene wie bei Loraux‘ Argumentation Heras Funktion als Göttin der Ehe angesprochen wird. (Letztlich wäre es natürlich nicht sonderlich überraschend, wenn französische Kulturschaffende ein französisches Werk der Forschungsliteratur zu Rate gezogen hätten.) Überhaupt gibt es viele kleine Details und Anspielungen, über die man sich als Fan der Antike freuen kann. Ich bin weder Experte für Archäologie noch für Kunstgeschichte, weswegen mir möglicherweise in den Zeichnungen diverse Fehler entgangen sein mögen, doch erscheint mir die dargestellte Welt abgesehen von Kleinigkeiten weitgehend glaubhaft. Diejenigen, die auch das Kapitel II dieses Beitrags gelesen haben, werden jedenfalls manches in meiner Zusammenfassung des Comics auf die entsprechenden antiken Quellen zurückführen können. Als witzig habe ich auch die Idee empfunden, dass sich ein Charakter als Dionysos verkleidet, um bei Thya Eindruck zu schinden, gibt es doch in „Die Bakchen“ des Euripides einen größeren Zusammenhang zwischen Dionysos und Teiresias.

Hera und Zeus suchen Teiresias in seiner Höhle auf (Ausschnitt aus: Tiresias) Photo: Michael Kleu

Nicht so schön finde ich ein paar Unregelmäßigkeiten in der deutschen Übersetzung. Wir folgen in Deutschland ja bei der Transkription soweit es eben geht der griechischen Vorgabe, während man im Englischen wie auch im Französischen der lateinischen Schreibweise griechischer Wörter folgt. Daher hätte es eigentlich Kalypto statt Calypto, Nikias statt Nicias, Chariklo statt Chariclo, Kithäron statt Cithäron etc. heißen müssen, zumal das Comic bei anderen Wörtern durchaus der in Deutschland üblichen Schreibweise folgt. Aus Teiresias Vater Eueres wird Everes gemacht, den man dann aber versehentlich mit einem weiblichen Artikel versehen hat. Ich bin mir auch nicht ganz sicher, ob es im Altgriechischen den Vornamen Herpes gab. Definitiv unpassend finde ich die Verwendung des Begriffs „Grenadiere“ bei antiken Soldaten. Ich bin auch nicht ganz glücklich damit, dass Vorzeichenleser im Comic als „Auguren“ bezeichnet werden, was für mich durch und durch römisch ist und nichts im griechischen Mythos zu suchen hat. Einschränkend muss ich aber zugeben, dass das Wort mittlerweile womöglich so eingedeutscht wurde, dass es für viele vielleicht auch im griechischen Kontext anwendbar ist. Ähnlich verhält es sich wohl mit „Paria“, das mir persönlich im griechischen Kontext falsch vorkommt, aber laut Duden im Deutschen bildungssprachlich im allgemeineren Sinne verwendet werden kann.

Ich wiederhole, was ich schon einmal in Bezug auf True Blood Staffel 2 gesagt habe: Wenn eine Geschichte der Phantastik dazu führt, dass ich mich fast schon manisch tagelang durch Quellen und Forschungsliteratur arbeite, hat sie sich zumindest für mich gelohnt.[9] Und wenn Menschen, die nicht beruflich mit Geschichte, Klassischer Philologie etc. zu tun haben, durch das Comic dazu inspiriert werden, vielleicht auch etwas tiefer in die Materie einzutauchen, ist doch viel gewonnen. Und letztlich sind es auch die Neuinterpretationen, die keinen geringen Anteil daran haben, antike Mythen lebendig zu halten.

 

[1] Ein kurzer Blick auf die Titel der Alben von Project Pitchfork legt den Eindruck nahe, dass hier hinsichtlich der Antikenrezeption einiges zu finden sein dürfte. Für eine Band, die sich nach dem Unterweltfluss Styx benennt, gilt das natürlich ebenso. Und wo wir gerade dabei sind: Genesis übernahmen ihren Namen natürlich mit dem 1. Buch Mose ebenfalls aus der Antike.

[2] Ich hatte für die German ComicCon im Winter 2018 in Dortmund um einen Presseausweis gebeten, was abgelehnt werden musste, da schon alle vergeben waren. Filipe Tavares, die zuständige Person, fand mein Projekt jedoch so interessant, dass er mir zwei Comics zuschicken ließ, die für meine Thematik relevant sind. Natürlich wird auch das zweite Comic bei Gelegenheit hier besprochen werden.

[3] Nymphen sind eine Art weiblicher Naturgeister, die häufig Sexualpartner von Göttern und Menschen sind, weshalb nicht wenige Heroen etc. von ihnen abstammen.

[4] Hier lebte ursprünglich die Quellnymphe Tilphusa, bis sie Apollon verdrängte. Es scheint eine Konkurrenz zwischen den Orakelstätten in Delphi und der bei der Quelle Tilphusa gegeben zu haben, die sich in verschiedenen Mythen widerspiegelt (Hom. h. 3,244-276; 3,375-387).

[5] Teilweise variiert z.B. der Ort der Begegnung mit den Schlangen. Auch wird gelegentlich gesagt, dass Hera Teiresias die Hand abgeschlagen habe, was darauf zurückzuführen ist, dass der Wortlaut einer älteren Überlieferung falsch interpretiert wurde, was ein spannendes Beispiel dafür darstellt, aus welchen Gründen Mythen sich im Laufe der Zeit verändern können. Gelegentlich soll eine der Schlangen getötet, statt nur geschlagen oder verwundet worden sein. Manchmal trampelt Teiresias auf der Schlange herum, statt sie mit einem Stock zu schlagen. Jeweils einmal werden auch eine andere Mutter bzw. ein anderer Vater angegeben. Da Aktaion die Göttin Artemis nackt erblickte und dafür natürlich ebenso bestraft wurde wie Teiresias, kommt es hier einmal zu einer Verwechslung. Für eine ausführliche Auflistung der jeweiligen Quellen und ihrer Inhalte vgl. mit Interpretation Gherardo Ugolini: Teiresias. Untersuchungen zur Figur des Sehers Teiresias in den mythischen Überlieferungen und in der Tragödie, Tübingen 1995.

[6] Nicole Loraux: Les expériences de Tirésias. Le féminin et l’homme grec, Paris 1989. Vgl. zu meiner Aussage, dass es sich hier um eine moderne Interpretation handelt, die nicht direkt durch die Quellen belegt wird, Gherardo Ugolini: Teiresias. Untersuchungen zur Figur des Sehers Teiresias in den mythischen Überlieferungen und in der Tragödie, Tübingen 1995, S. 60f.

[7] Gherardo Ugolini: Teiresias. Untersuchungen zur Figur des Sehers Teiresias in den mythischen Überlieferungen und in der Tragödie, Tübingen 1995, S. 59. Auf den folgenden Seiten stellt Ugolini dann verschiedene tiefergehende Interpretationen vor.

[8] Friedrich Schwenn, RE VI A 1 (1934), s. v. Teiresias, Sp. 130.

[9] Ein großes Danke geht diesbezüglich an Eva Keblowski und Sara Telwede, die so nett waren, mir Material aus der Bibliothek zu schicken, auf das ich gerade keinen Zugriff hatte.

 

Literatur:

Gherardo Ugolini: Teiresias. Untersuchungen zur Figur des Sehers Teiresias in den mythischen Überlieferungen und in der Tragödie, Tübingen 1995.

Friedrich Schwenn, RE VI A 1 (1934), s. v. Teiresias, Sp. 129-132.

Außerdem habe ich die entsprechenden Einträge im DNP (Der Neue Pauly) und in der Wikipedia genutzt.

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