Stephen King über Horror: Danse Macabre (Buchbesprechung)

Wenn man sich dem Themenfeld Horror annähern möchte, bietet es sich an, vom Großmeister zu lernen. Werfen wir also einen Blick darauf, was Stephen King in seinem Buch Danse Macabre zum Horror als Genre zu sagen hat. Aufgrund des Themenschwerpunkts von fantastischeantike.de werde ich mich dabei auf einzelne Aspekte konzentrieren. Es versteht sich von selbst, dass King auf etwas weniger als 500 Seiten wesentlich mehr zu sagen hat als das, was ich hier referiere.

Was ist Horror?

Bekanntlich ist kaum etwas schwieriger, als Begriffe wir Phantastik, Fantasy oder Horror zu definieren. Das weiß auch Stephen King, der solche Definitionen ohnehin langweilig findet und sich daher lieber dem Begriff über Beispiele annähern möchte als ihn zu definieren. Jedoch ist er bereit, drei unterschiedliche Ebenen von Horror festzulegen: terror (Schrecken, Grauen), horror (Entsetzen) und revulsion (Ekel, Abscheu) (S. 36f.).

Unter terror versteht Stephen King das Grauen, das entsteht, wenn uns eigentlich nichts Schreckliches gezeigt wird, sondern unsere Phantasie und unsere Vorstellungskraft sich auf Basis von Andeutungen ein eigenes Bild dessen entwerfen, was geschehen sein mag. Für King handelt es sich hierbei um die feinste Ebene von Horror.

Horror ist eine etwas weniger feine Ebene als terror, da uns Dinge hier direkter präsentiert werden, wobei mit diesen Dingen offensichtlich etwas nicht stimmt, sie also gegen die Regeln der Realität verstoßen, wie etwa Monster oder lebende Mumien.

Bei revulsion schließlich wird es richtig eklig, da es hier um spritzende Gedärme oder Ähnliches geht.

Das zyklische Horror-Genre

Interessant ist eine These Kings, die davon ausgeht, dass sich das Horror-Genre grundsätzlich immer einer gewissen Beliebtheit erfreue, es aber alle 10, 20 Jahre eine ganz besondere Popularität genieße, die mit politischen oder wirtschaftlichen Krisen einhergehe. Weniger erfolgreich sei Horror hingegen in Zeiten, in denen die Menschen in ihrer Realität mit schrecklichen Ereignissen konfrontiert waren, wie zum Beispiel im 2. Weltkrieg oder der unmittelbaren Nachkriegszeit.

Monster und Unsterblichkeit

Für King sind Horror-Erzählungen – unabhängig von der Intention der jeweiligen Kulturschaffenden – allegorisch bzw. symbolisch zu verstehen. Horror ermöglicht den Rezipientinnen und Rezipienten auf symbolische Art und Weise Gefühle oder Emotionen auszuleben, die im Alltag weniger gesellschaftsfähig werden.

Back to the roots: Stevens, Shelley und Stoker

Obwohl sich King in Danse Macabre primär mit dem Horror-Genre Jahre 1950-1980 widmet, hält er es für sinnvoll, auf drei Werke zu sprechen zu kommen, denen er eine grundlegende Bedeutung für das Genre beimisst. Bei diesen Werken handelt es sich um Mary Shelleys Frankenstein, Bram Stokers Dracula und Robert Louis Stevensons Dr. Jekyll and Mr. Hyde, zu deren Prägekraft zählt, dass das namenlose Ding, der Vampir und der Werwolf  als Archetypen feste Bestandteile unseres „myth-pool“ (Burt Hatlen) geworden sind. Den Geist als wichtigen Archetypen klammert King hier zunächst aus, da er sich nicht so schön auf eine besonders prägende literarische Vorlage zurückführen lässt.

In Bezug auf Frankenstein unterstreicht er, dass es sich um eine Außenseiter-Story handelt und es wohl zu den Stärken der Geschichte zählt, dass man nie so genau weiß, wer eigentlich das wahre Monster ist, Victor Frankenstein, seine Kreatur oder die Menschen die letztere äußerst schlecht behandeln. Die ungeheure Popularität führt King jedenfalls eher auf die Verfilmungen als auf die Romanvorlage zurück, zumal heute nicht wenige glauben, dass Frankenstein der Name des Monsters sei. Für King entspricht Frankensteins Kreatur dem Archetypen ‚Thing Without a Name‘. Für uns ist besonders interessant, dass King Victor Frankenstein als Paradeexemplar des verrückten Wissenschaftlers sieht, der in einer Traditionslinie mit Faust, Daidalos, Prometheus und Pandora stehe (S. 31).

Während Victor in Frankenstein aus innerem Antrieb heraus beschließt, Gott zu spielen und Leben zu schaffen, liegt bei Bram Stokers Dracula ein Schrecken vor, der (scheinbar unausweichlich) von außen in die Welt der Protagonistinnen und Protagonisten eindringt, was King zu einer grundsätzlichen Unterscheidung von Horror-Erzählungen in diesem Sinne führt. Bei Dracula handle es sich außerdem u.a. um eine sehr deutliche Allegorie auf Oralsex und Machtverhältnisse zwischen (unfreiwilligen) Sexualpartnern. Den Zombie sieht King als eine ebenfalls untote Variante des Vampirs, bei dem das Trinken von Blut durch Kannibalismus ersetzt wird.

In Dr. Jekyll and Mr. Hyde erkennt King die Grundlage zum Archetypen Werwolf. Denn hier gehe es um den Kampf zwischen ‚Es‘ und ‚Über-Ich‘ bzw. dem apollinischen Potenzial in jedem Menschen und seinen dionysischen Gelüsten oder härter formuliert der apollinischen Fassade der Normalität und dem dionysischen Psychopathen, letztlich also um die unterschiedlichen Seelen in unserer Brust oder das Monster in uns. Zu diesem Archetypen zählt King auch Norman Bates aus Psycho. Interessanterweise geht King davon aus, das klassische Werwolf-Erzählungen fast immer – sei es nun bewusst oder unbewusst – den Mythos um Narziss aufgreifen (S. 316f).

Ein autobiographisches Päuschen

In diesem Kapitel thematisiert Stephen King, dass die Leute immer wieder von ihm erfahren wollen, was in seiner Kindheit geschehen sei, das dazu führte, dass er Horrorgeschichten schreibt. King geht jedoch davon aus, dass Schreiben auf Talent sowie Übung beruhe und es sinnfrei sei, in den Biographien der Autor*innen nach Gründen zu suchen, weswegen sie über ein bestimmtes Thema schreiben. Denn das Interesse sei unabhängig von der Biographie vorgegeben und die eigentliche spannende Frage wäre lediglich, wann und wie eine Person entdeckt, für ein bestimmtes Themenfeld geschaffen zu sein.

In seinem Fall sprang der Funke über, als er mit etwa 10 bis 12 Jahren eine Bücherkiste seines Vaters fand, den er nie richtig kennengelernt hatte. Hier stieß er zum ersten Mal in seinem Leben auf ernsthafte Fantasy- und Horrorliteratur, wobei ihn besonders H.P. Lovecraft prägen sollte.

Ausgehend vom ersten Film, an den Stephen King sich erinnern kann, dem Jack Arnold-Klassiker Creature from the Black Lagoon (1954), beschäftigt sich der Rest dieses Kapitels mit dem Verhältnis zwischen Kindern und dem, was diese als Horror wahrnehmen.

Horror im Radio

Mit Radiohörspielen erreichen wir ein Format des Horror-Genres, das heute im öffentlichen Bewusstsein keine große Rolle mehr spielt, in Stephen Kings Jugend in den 50er Jahren aber immerhin noch in der Endphase seiner Blüte stand. So erfahren wir von Sendungen wie der CBS-Radio-Produktion Suspense, die es zwischen 1942 und 1962 auf beachtliche 946 ausgestrahlte Hörspiele brachte, oder von der Sendung Inner Sanctum (1941-1952), deren Programm immer mit einer knarzenden Tür begann.

Im Folgenden geht es einerseits darum, dass das Radio gegenüber Film und Fernsehen den gewaltigen Vorteil hat, seinem Publikum nicht zeigen zu müssen, wovor es sich fürchten soll, sondern rein akustisch mit der Phantasie der Hörerinnen und Hörer spielen kann, wobei Arch Oboler als Meister dieser Kunst bezeichnet wird. Andererseits glaubt King jedoch, dass es aufgrund der heutigen Gewohnheiten nur noch schwer möglich sei, einem größeren Publikum Horror über das Radio zu vermitteln. Nichtsdestotrotz ermuntert er seine Leserinnen und Leser zum Ende dieses Abschnitts, doch einfach mal in diese alten Meisterwerke reinzuhören.

Stephen King Danse Macabre
Stephen King: Danse Macabre (Photo: Michael Kleu)

Der moderne amerikanische Horrorfilm – Text und Subtext

Vom Radio geht es weiter zu den Horrorfilmen des Zeitraums zwischen 1950 und 1980, die Stephen King im vorgegebenen Rahmen natürlich nicht in ihrer Gesamtheit besprechen kann. Zur Systematisierung der zu besprechenden Filme bezieht er sich auf Text und Subtext, wobei mit Subtext eine tiefere Bedeutungsebene der eigentlichen Erzählung (also dem Text) gemeint ist, die sich erst durch Interpretation ergibt.

Da Horrorfilme in der Regel auf ein großes Publikum ausgerichtet sind, ist der Subtext insofern gesellschaftlich relevant, als er sich auf Phänomene der realen Welt bezieht, die zum Zeitpunkt der Entstehung größere Gruppen beschäftigen. Dabei kann es sich um konkrete soziale, politische, kulturelle oder ökonomische Phänomene handeln, während es gleichzeitig auch zeit- und kulturübergreifende Themen wie den Tod gibt, wobei beides gelegentlich ineinander übergehen kann.

In diesem Zusammenhang kommt King zu der interessanten These, dass The Excorcist (1973) in Westdeutschland nur mäßig erfolgreich im Kino war, weil man dort zu diesem Zeitpunkt aufgrund von terroristischen Anschlägen andere Sorgen gehabt hätte als in den USA, in denen man sich über das als schlecht empfundene, aber letztlich relativ harmlose Benehmen der Jugend aufregte, wohingegen sich in der BRD dann aber Dawn of the Dead (1978) einer enormen Beliebtheit erfreute. Während der Subtext des ersten Films laut King also nicht die Sorgen der westdeutschen Gesellschaft berührt habe, habe der zweite Film dort genau den Nerv der Zeit getroffen.

Jedenfalls folgt nun eine Besprechung ökonomischer (The Amityville Horror, 1978) politischer (z.B. Kalter Krieg), technischer (Atomkraft in den 1950ern), sozialer (Carry, 1976; The Stepford Wives, 1975) und mythisch-märchenhafter (z.B. Angst vor Dunkelheit oder Tod; Furcht um das Augenlicht) Albträume oder Ängste im Horrorfilm.

Der Horrorfilm als Junk Food

Im nächsten Kapitel kommt King auf Filme zu sprechen, die er als weniger gelungen betrachtet. Genaugenommen geht es um Filme, die zum Teil richtig schlecht sind. Dennoch schauen Horror-Fans wie King auch diese Filme, weil man ja nie wissen kann, welche unentdeckte Perle sich in der ungeheuren Masse weniger inspirierter Produktionen verbergen mag. Außerdem helfe das Ansehen schlechter Filme dabei, besser zu verstehen, was gute Filme eigentlich ausmacht.

Fernsehproduktionen

Während die vorherigen beiden Abschnitte Kinofilme ins Zentrum ihrer Aufmerksamkeit rückten, kommt King nun auch auf Fernsehproduktionen zu sprechen, die dem Horror-Genre zuzuordnen sind. Auch wenn es der Horror im hier relevanten Zeitraum im Fernsehen alles andere als leicht gehabt habe, werden mit Thriller (1960-1962), Outer Limits (1963-1965), Kolchak: The Night Stalker (1974-1975) und Twilight Zone (1959-1965) Serien vorgestellt, die King für besonders gelungen hält.

Horror in der Literatur

Am bei weitem umfangreichsten fällt das Kapitel über Horror in der Literatur aus. Da natürlich auch hier kein umfassender Überblick über alle Werke geboten werden kann, die zwischen 1950 und 1980 veröffentlicht worden sind, konzentriert sich Stephen King auf 10 Romane, die seines Erachtens zum Besten zählen, was das Horror-Genre zu bieten hat, und gleichzeitig dessen gesamtes thematisches Spektrum abdecken.

Los geht es hier mit Peter Straubs Ghost Story (1979), bei deren Vorstellung wir dann auch endlich mehr über den Archetyp Geist erfahren. Für King spielt der Geist, den er für den mächtigsten der vier Archetypen hält, eine herausragende Rolle in unserem Mythen-Pool. Dementsprechend vergleicht er die Bedeutung des Geists für eine Horror-Erzählung mit der des Mississippis für Mark Twains Huckleberry Finn. Am Rande sei erwähnt, dass King davon ausgeht, dass Straub in Ghost Story den Mythos um Narziss aufgreift (S. 315).

Danach erfahren wir mehr über Geschichten, die von Spukhäusern handeln. Hier wählt King als hervorragende Beispiele Anne Rivers Siddons The House Next Door (1979) und besonders Shirley Jacksons The Haunting of Hill House (1959) aus. Die nächste Station ist Ira Levins Rosemary’s Baby (1967), bei dem u.a. urban paranoia im Vordergrund steht, bevor es dazu passend bei Jack Finneys The Bodysnatchers (1955) mit small-town paranoia weitergeht. Mit Ray Bradburys Something Wicked This Way Comes (1962), das sich schwer einzelnen Kategorien zuordnen lässt, kehren wir schließlich wieder zum bereits eingangs angesprochenen Konflikt zwischen apollinischen und dionysischen Wesenszügen zurück.

Im Anschluss geht es mit Richard Mathesons The Shrienking Man (1956) weiter, einer klassischen „survival story“, die sich um (die Angst vor) Machtverlust dreht. Um auch – zum Zeitpunkt der Niederschrift – aufstrebende junge britische Autoren zu berücksichtigen, werden nun Ramsey Campbell (The Doll Who Ate His Mother, 1976) und James Herbert (The Fog, 1975) vorgestellt. Das Kapitel endet schließlich mit einem ganz großen Namen: Harlan Ellison. Stellvertretend für Ellisons Gesamtwerk bespricht King dessen Kurzgeschichtensammlung Strange Wine (1978), aus der an dieser Stelle die Kurzgeschichte Hitler Painted Roses genannt sei, in der neben dem im Titel aufgeführten Diktator u.a. auch Caligula als einer der Bewohner der Hölle in Erscheinung tritt.

Die etwas mehr als 150 Seiten dieses Kapitels sind oft mit längeren Kommentaren der Autorinnen oder Autoren der vorgestellten Bücher oder mit Einschätzungen von Expertinnen und Experten der Literaturwissenschaft versehen. Auch gibt es bei jeder sich bietenden Gelegenheit kleinere Exkurse, bei denen auch andere literarische Werke angeschnitten werden.

Horror und Moral – Horror und Magie

Ausgehend von der gelegentlich gestellten Frage, ob es eigentlich moralisch vertretbar ist, Horror-Erzählungen zu erfinden und seinen Lebensunterhalt damit zu verdienen, mit den Ängsten der Menschen zu spielen, macht sich Stephen King im letzten Kapitel ein paar abschließende Gedanken zu seinem Beruf und zum Genre. Schön ist in diesem Zusammenhang seine Überlegung, durch übernatürliche Erzählungen das schlummernde Kind in seiner Leserschaft zu wecken und die Augen wieder für etwas zu öffnen, was Erwachsene nur zu leicht vergessen: der Sinn für das Magische.

Nachwort und Anhänge

Nach einem sehr kurzen Nachwort folgt ein erster Anhang mit einer Liste von etwa 100 ausgewählten Filmen des Horror-Genres der Jahre zwischen 1950 und 1980. Daran schließt sich im zweiten Anhang eine ebensolche Liste für Bücher an. In beiden Fällen hat King Werke, die ihm besonders gelungen erscheinen, mit einem Sternchen versehen. Das Buch endet dann mit einem Index, der zwar grundsätzlich sehr hilfreich ist, teilweise aber auch Fragen aufwirft: So findet man im Index „oral sex“ und „orgasm“, das Wörtchen „Katharsis„, das gelegentlich im Buch Erwähnung findet, sucht man indes vergebens …

Fazit

Danse Macabre ist ein sehr unterhaltsames Buch, das die Geschichte des Horror-Genres des Zeitraums von 1950-1980 mit vielen autobiographischen Elementen vermischt und dementsprechend stark von der Perspektives seines Autors geprägt ist. King gelingt es mit diesem Buch, eine gewaltige Neugierde auf die von ihm empfohlenen Werke zu wecken und seiner Leserschaft auf angenehm unakademische aber trotzdem durchaus tiefgreifende Weise näherzubringen, was es mit dem Horror-Genre auf sich hat. Aus theoretischer Sicht erscheinen mir die Einteilung in die vier Archetypen (zu denen man vielleicht noch das Spukhaus hinzuzählen könnte) sowie die Unterscheidung zwischen von innen und von außen kommendem Horror als besonders spannend.

Aus heutiger Sicht ist auffällig, dass Frauen in Danse Macabre etwas zu kurz kommen, was natürlich zum Teil mit dem hier besprochenen Zeitraum zusammenhängt. Auch ist King manchmal etwas hart in seiner Kritik. Wenn er sich über Kritiker*innen, Akademiker*innen, Lehrer*innen und schlechte Filme lustig macht, ist das eine Sache. Bei der Bewertung der Schreibkunst einzelner Autor*innen wäre ich persönlich allerdings etwas vorsichtiger gewesen.

Schließen möchte ich diese Buchvorstellung mit einem Zitat aus dem Vorwort der Auflage von 2010, das genau das anspricht, was ich selbst am Horror am liebsten mag:

A good horror story is one that functions on a symbolic level, using fictional (and sometimes supernatural) events to help us understand our deepest real fears.“ (S. xi)

Literaturangabe

Stephen King: Danse Macabre, London 2012 (erweiterte Ausgabe der Erstausgabe von 1981).

 

Michael Kleu

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