Die Rezeption der Stadt Petra in ‚Middle-earth: Shadow of War‘

Die Felsenstadt Petra – ein Weltkulturerbe

Die Felsenstadt Petra befindet sich 80 km vom Roten Meer entfernt im heutigen Jordanien. Petra gehört seit 1985 zum UNESCO-Weltkulturerbe und ist eine der meistbesuchten Sehenswürdigkeiten der Region. Wie die angehende Historikerin und Islamwissenschaftlerin Dilara Uygun 2016 im Rahmen eines Projektes für die Forschungsklasse Welterbe an der Universität zu Köln festgestellt hat, spielt die Einstufung als Weltkulturerbe jedoch anscheinend kaum eine Rolle bei der Entscheidung der Tourist:innen, die Stadt Petra zu besuchen.[1]

Die Beliebtheit Petras könnte mit der allgemeinen Bekanntheit der Bilder dieser Stadt zusammenzuhängen. Denn mehrere Filme benutzen die Stätte als Kulisse oder Handlungsort. So sehen wir Petra beispielsweise in Sindbad und das Auge des Tigers (Wanamaker 1977) oder in Transformers – Die Rache (Bay 2009), wo es als Grab des Optimus Prime fungiert. Mit Abstand am berühmtesten dürfte Petra jedoch als Aufbewahrungsort des Heiligen Grals in Indiana Jones und der letzte Kreuzzug (Spielberg 1989) sein. Das Bild Petras ist jedenfalls so prägend für die architektonische Darstellung von Wüstenstädten geworden, dass es mit der Veröffentlichung der zweiten Erweiterung des Videospiels Middle-earth™: Shadow of War™[2], The Desolation of Mordor[3] im Jahr 2018 auch Einzug in Mittelerde hielt.

In Mittelerde auf den Spuren von Indiana Jones

Anders als im Hauptspiel ist der Protagonist dieser Erweiterung nicht der Waldläufer Talion, sondern der Hauptmann der Garnison Gondors in Minas Ithil, Baranor. Nachdem aus Minas Ithil in Folge der Eroberung der Festung durch den Hexenkönig Minas Morgul wurde, ist Baranor auf der Flucht und sucht nach einer Möglichkeit, sich an den Streitkräften Mordors zu rächen. Zu diesem Zweck reist er nach Lithlad, um dort Söldner anzuwerben.

Lithlad liegt an der südöstlichen Grenze Mordors, nahe der Wüsten Harads im Süden von Tolkiens Mittelerde und ist optisch von Ödland und vereinzelten Oasen geprägt. In bester Dune-Manier sind die gefährlichsten Räuber unter der Erde lebende Werwürmer. Bei den Söldnern angelangt, findet Baranor heraus, dass diese unter dem Kommando seines Bruders stehen. Baranor ist gebürtiger Haradrim und kam erst im Kindesalter als Geisel nach Gondor.[4] Baranor muss schnell erkennen, dass er reichlich finanzielle Überzeugungskraft leisten muss, wenn er die Söldner dazu bringen will, mit ihm die Orks aus Lithlad zu vertreiben.

Werwurm in Mittelerde
Ein Werwurm in The Desolation of Mordor (© Warner Bros. Interactive)

Das Hauptquartier der Söldner und weitere Gebäude in der sandigen Gegend weisen architektonische Anlehnungen an Petra mit bisweilen sogar fast identische Strukturen auf. Vor allem das so genannte Schatzhaus des Pharaos sticht diesbezüglich hervor. Leider haben diese Gebäude nur eine rein dekorative Funktion, während Baranor die Truppen Mordors bekämpft. Zwischen den einzelnen Kämpfen kann Baranor die Gegend erkunden und, wie der Indiana Jones von Mittelerde, nach Aufzeichnungen der untergegangen Númenórer suchen. Mithilfe des Zwerges Torvin kann er die aufgezeichneten Waffen dieser „Atlanter von Mittelerde“[5] nachbauen und in seinen Kämpfen nutzen.

Petra Mittelerde
Baranor vor der Felsenstadt Lithlad in The Desolation of Mordor (© Warner Bros. Interactive)

Petra- die berühmte Hauptstadt des unbekannten Volkes

Es scheint das Schicksal der Erbauer von Petra sein, dass ihre Schöpfung große Bekanntheit erlangt hat, während sie selbst im Sand der Zeit in Vergessenheit geraten sind. Deshalb soll zum Schluss dieses Artikels kurz auf die Erbauer eingegangen werden. Petra war die Hauptstadt der Nabatäer. Der Name Petra ist eine Fremdbezeichnung, die sich vom griechischen Wort pétros (πέτρος) ableiten dürfte und das erste Mal bei Diodor auftaucht.[6] Inschriften belegen den Namen „Raqmu“. Zwar ist die nähere Umgebung seit dem Neolithikum besiedelt, die ältesten Spuren im Stadtgebiet weisen aber auf das 4. Jh. v. Chr. hin. Der Aufstieg Petras begann im ersten Jahrhundert vor Christus.

Die Nabatäer wurden Bundesgenossen der Römer und Petra wurde zum bedeutenden Handelsumschlagplatz. In Petra lässt sich ein Nebeneinander von nabatäischer und römischer Architektur und Ästhetik beobachten. Ein Bruch zwischen den Römern und den Nabatäern führte zur römischen Annexion des Nabatäerreiches und zur Einrichtung der Provinz Arabia im Jahr 106 n. Chr. Durch den Aufstieg der Stadt Bostra zur Provinzhauptstadt und einer Verlagerung des Karawanenhandels nach Palmyra kam es zu einem stetigen Bedeutungsverlust der Stadt Petra, die fortan nur noch als ein regionales Zentrum in Erscheinung trat.

Anmerkungen

[1] http://welterbe.uni-koeln.de/petra1 (abgerufen am 9.2.2021)

[2] Middle-earth™: Shadow of War™, Monolith Productions, 2017, WB Games.

[3] Middle-earth™: Shadow of War™. The Desolation of Mordor Story Expansion, Monolith Productions, 2018, WB Games.

[4] Das Spiel vermischt die verschiedenen menschlichen Verbündeten von Sauron. Tolkien trennt zwischen Korsaren aus Umbar, den Stämmen der Haradrim aus der Wüste, welche die elefantenähnlichen Mûmakil in die Schlacht führen und den Ostlingen, die alle auf rassischen Stereotypen basieren. Vielleicht wurde deshalb diese Trennung bewusst aufgehoben.

[5] Vgl. zu Númenor und Atlantis ausführlich Michael Kleu: Plato’s Atlantis and the Post-Platonic Tradition in Tolkien’s Downfall of Númenor, in: Hamish Williams (Hg.): Tolkien and the Classical World, Zürich/Jena 2021, XXX-XXX.

[6] Diod. 19, 95-98.

Literatur

Michael Kleu: Plato’s Atlantis and the Post-Platonic Tradition in Tolkien’s Downfall of Númenor, in: Hamish Williams (Hg.): Tolkien and the Classical World, Zürich/Jena 2021, XXX-XXX.

Thomas Leisten: Art. „Petra“, in: Der Neue Pauly 8 (2000), 657-658.

Isabel Toral-Niehoff: Art. „Nabataioi“, in: Der Neue Pauly 9 (2000), 665-666.

 

3 Kommentare zu „Die Rezeption der Stadt Petra in ‚Middle-earth: Shadow of War‘

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  1. Ich kannte bislang nur eine Videospiel-Umsetzung von Petra, und zwar die in Knights of the Temple (2004). Dort ist tatsächlich auch das reale Petra „gemeint“ und entsprechend heißt der Ort dort auch so. Ich kann aber nicht einschätzen, wie dicht die Gestaltung dem Original folgt, zumal es Jahre her ist, dass ich Knights of the Temple gespielt habe.

    Es ist interessant zu sehen, dass die Stadt nun auch in die HdR-Lore Eingang hält und sich die Entwickler dabei so dicht am Original bewegten. Da ist es wirklich schade, dass sich die Gebäude nicht auch im Inneren erkunden lassen.

    1. ‚Knights of the Temple‘ ist völlig an mir vorübergegangen, obwohl ich spätestens seit Umberto Ecos ‚Das Foucaultsche Pendel‘ sehr an der Thematik interessiert bin. Vielleicht bekomme ich es mal irgendwo in die Finger.

    2. Knights of the Temple kenn ich leider auch noch nicht, was aber aufällt ist leider oft, dass Petra als Kulisse verwendet wird losgelöst von dem historischen Kontext. Anders als z.B. das flavische Amphitheater in Rom. Petra scheint mehr mit dem heiligem Gral oder den Tempelrittern verbunden zu sein. Als mit seinem Nabatäischem Ursprung, was sehr Schade ist.
      Überspitzt formuliert: Die Stätte wird völlig losgelöst von ihren Erbauern und ihrer funktion rezipiert. Deshalb wollte ich diese zumindestens ein Wenig würdigen. Ich befürchte nämlich das diese auch bei einem größeren Einbezug Petras in die Handlung unbeachtet bleiben können. Es wäre aber denoch trotzdem schön in den Gebäuden zu wandeln, da geht es mir wie dir

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