Der Hexer: Nilfgaard und zwei Römische Reiche

In der von Andrzej Sapkowski geschaffenen Welt des Hexer-Universums liegt der Fokus auf dem vom europäischen Mittelalter inspirierten nördlichen Teil eines namenlosen Kontinents. Die dort angesiedelten Königreiche und Fürstentümer sind wie mittelalterliche Feudalstaaten organisiert. Der südliche Teil besteht aus dem Königreich Nilfgaard. Für die großen Reiche der Hexer-Welt lässt sich aufgrund der jeweiligen Wappen-Gestaltung schnell die dazugehörige Inspiration des Autors aus unserem Europa schließen.

Wappengestaltung basierend auf bekannten Flaggen

Das einflussreichste Königreich, Redanien, besitzt – wie das polnische Heimatland des Autors – ein Banner mit den Farben Rot und Weiß, sowie einen Adler als Wappentier. Das südlicher gelegene Temerien zeigt in seinem Wappen drei silberne Linien auf schwarzem oder (in den Videospielen) blauem  Grund. Insofern weist es starke Ähnlichkeit mit dem Wappen des Königreichs Frankreich auf. Auf dem Wappen Cintras sind drei Adler, in Anlehnung an das englische Königreich, abgebildet.

Schwieriger zuzuordnen sind hingegen die Wappen der weiteren Hexer-Königreiche: Kaedwen, das als großes Land mit rauem Klima und weiten Wäldern beschrieben wird, führt ein schwarzes Einhorn auf goldenem Grund als Wappentier. Die Farbwahl könnte zwar eine Anlehnung an das Heilige Römische Reich andeuten. Die Beschreibung der Landschaft, die Gestaltung der Uniformen und die Tatsache, dass es sich bei der berühmtesten Einheit der Kaedwener Armee um die leichte Kavallerie, ausgestattet mit Bibermützen, handelt, wecken jedoch eher Assoziationen mit Russland. Die Farben Schwarz auf Gold finden sich außerdem auch auf dem Wappen des russischen Kaiserreiches.

Ein Wappen in Schwarz, Rot, Gold

Ein weiteres Königreich, Aedirn, deutet schon in der optischen Gestaltung seines Banners in den Farben Schwarz, Rot und Gold auf eine Anlehnung an Deutschland hin. Verstärkt durch seine Beschreibung als vergleichsweise industrialisiertes Königreich, scheint Aedirn eine mittelalterliche Version des modernen Deutschlands darzustellen. Das Hexer-Universum umfasst zudem einige vorgelagerte Inseln, die von einem nordisch geprägten „Wikingervolk“ bewohnt werden.

Die mittelalterliche Welt wird von Monstern und Rassenunruhen zwischen den dominierenden Menschen und den zunehmend unterdrückten nicht-menschlichen Bewohnern, wie z. B. Zwergen und Elfen, in Unruhe versetzt. Obendrein streiten die Könige untereinander um Ländereien. Zauberer und Zauberinnen, welche die Herrscher beraten, spielen darüber hinaus ihr ganz eigenes Spiel. All diese Konflikte verblassen jedoch im Vergleich zu der alles überschattenden Bedrohung des Nordens durch das südlich gelegene Kaiserreich Nilfgaard.

Das Römische Kaiserreich als Vorbild

Nilfgaards Geschichte ist ohne Zweifel an der des Römischen Kaiserreiches orientiert. Am Fluss Alba soll aus mehreren Siedlungen die Stadt Nilfgaard entstanden sein. Dessen Einwohner sollen sowohl von den dort vorher lebenden Elfen, als auch von den menschlichen Siedlern abstammen. Durch Eroberungen der ersten Nachbarn wuchs Nilfgaard immer weiter. Zunächst war Nilfgaard ein Königreich, bevor ein adeliger Senat dann den König entmachtete. Nilfgaard expandierte in der Folge immer weiter und die eroberten Gebiete wurden als Provinzen oder Vasallenstaaten mit lokalen Herrschern von begrenzter Autonomie eingegliedert. Der Senat wurde im Laufe der Zeit vom Militär entmachtet, an dessen Spitze der sogenannte Imperator stand, der anschließend das Kaiserreich Nilfgaard begründete. Seitdem wird Nilfgaard autoritär und mit strenger und eiserner Faust von einem Kaiser regiert.

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Screenshot aus dem Videospiel „The Witcher 3“

Der Gründungsmythos von Romulus und Remus

Bei der Geschichte Nilfgaards handelt es sich um eine komprimierte Form der römischen Geschichte. Verschiedene Siedlungen am Fluss Tiber entwickelten sich zu einem von einem König beherrschten Stadtstaat. Auch im römischen Gründungsmythos findet sich die Verbindung zweier Kulturen. Zum einen sollen Romulus und Remus die Nachfahren des Trojaners Aeneas gewesen sein, zum anderen raubten die Gefolgsleute der Zwillinge ihre ersten Frauen von den Sabinern. Diesen sabinischen Frauen gelang es dabei dennoch, einen Krieg aus Rache zu verhindern und ihre Verwandten dazu zu bewegen, sich mit ihren (neuen römischen) Ehemännern zu versöhnen. Die ersten Römer entstammten gemäß dieser Version der Verbindung der Sabinerinnen mit den Anhängern des Romulus.

Von Alleinherrschern und gesellschaftlichen Klassen

Das skizzierte Hexer-Universum weist noch weitere Parallelen zur römischen Antike auf: Auch in Rom wurde der letzte König Tarquinius Superbus vertrieben und eine Republik unter der Dominanz eines aristokratischen Senates eingesetzt. Diese Staatsform wurde jedoch mit Caesar und endgültig mit Augustus, also von einem Feldherrn mit dem Titel „Imperator“ (dt. der Oberbefehlshaber), in eine kaiserliche Alleinherrschaft umgewandelt.

Die strukturelle Rezeption des Römischen Reiches setzt sich in allen Bereichen des Nilfgaardischen Reiches fort. Anders als im feudal geprägten Norden der Hexer-Welt, gibt es in Nilfgaard durchaus Sklaverei und Gladiatorenkämpfe. Auf der einen Seite wird Nilfgaard als organisierter Staat mit Rechtssicherheit und Gleichstellung für Nicht-Menschen gezeigt. Das Recht in Nilfgaard unterscheidet dabei nicht zwischen den freien Bürgern, ganz gleich, ob diese aus dem Kernland oder den Provinzen stammen.

Auf der anderen Seite trennt die Gesellschaft dennoch stark zwischen Nilfgaardern aus den Kernregionen um die Hauptstadt Nilfgaard herum und zwischen den in das Reich eingegliederten Einwohnern der eroberten Provinzen. Darüber hinaus gibt es die außerhalb des Imperiums lebenden Barbaren. Auch im Römischen Reich spielte es bis in die späte Republik und die Zeit des Prinzipats vor allem in der Aristokratie eine wichtige Rolle, ob man aus einer alteingesessen Patrizier-Familie aus Rom oder aus einer anderen Region Latiums, Italiens oder gar aus den Provinzen stammte.

Sol Invictus und der Kult der großen Sonne

Die Staatsreligion in Nilfgaard ist der Glaube an die Große Sonne. Das Oberhaupt der Religion ist der Imperator von Nilfgaard, der gleichzeitig auch Hohepriester der Großen Sonne ist. Das Wappen des Kaiserreiches zeigt zudem eine silberne Sonne auf schwarzem Grund.

Auch in der römischen Antike gibt es dazu ein Äquivalent. In der sogenannten „Reichkrise des 3. Jahrhunderts“ wurde das Römische Reich von inneren und äußeren Unruhen erschüttert. Im Norden des Reiches spaltete sich das Gallische Sonderreich mit seiner Hauptstadt Colonia Claudia Ara Agrippinensium (Köln) ab, während sich im Osten die Witwe des Herrschers von Palmyra zur Imperatorin ausrufen ließ. Diese Spaltung wurde schließlich durch Kaiser Aurelian überwunden, der auch auch den Kult des Sol Invictus, des unbesiegten Sonnengottes, durch die Eröffnung eines Tempels am 25. Dezember 274 n. Chr. in Rom einführte.

Aurelian verband den Kult um Sol mit seiner Person. In der Forschung wird allerdings auch diskutiert, ob der Kult auf frühere Sonnenkulte aus den östlichen Provinzen, wie dem des Sol Indiges, zurückgeht oder es sich tatsächlich um eine Neuschöpfung des Aurelian handelt.

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Der erste Band der Hexer-Reihe von Andrzej Sapkowski (Photo: Paula Randerath)

Bekannte Zitate

Eine weitere Parallele zwischen der Welt des Hexers und dem Römischen Reich ist die Übertragung von historischen Zitaten. Der Barde Rittersporn verwendet im zweiten Videospiel die Abwandlung eines Zitates, welches dem heiligen Augustinus zugeschrieben wird. Er sagt: „Wenn du in Nilfgaard bist, handle wie die Nilfgaarder.“

Eine weitere Übertragung findet sich im Buch „Die Dame vom See“. Dort werden die Ereignisse einer großen Schlacht zwischen Nilfgaard und den nördlichen Königreichen beschrieben. Es wird berichtet, dass im Umland des Schlachtfeldes innerhalb der Bevölkerung verschiedene Legenden über das Schicksal des nilfgaardischen Befehlshabers kursieren. In einer dieser Versionen soll er zum Schlachtfeld zurückgekehrt sein. Dort soll er die Kaiser Augustus von Sueton als Reaktion auf die Nachricht der Niederlage des Varus zugeschriebenen Worte ausgerufen haben: „Gibt mir meine Legionen zurück.“  Danach nahm er sich wie auch der römische Befehlshaber Varus das Leben.

Historische Anleihen in der visuellen Gestaltung

Besonders in den Computerspielen von „CD Projekt Red“ wird in der Gestaltung der Nilfgaarder noch eine weitere historische Inspiration deutlich, vor allem für die Armee des Kaiserreichs. In ihren schweren Plattenrüstungen und beim Einsatz von Kriegshämmern erinnern die Soldaten Nilfgaards an die Soldaten des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation im späten Mittelalter. Dieser Eindruck wird auch durch die spätmittelalterliche und frühneuzeitliche Kleidung der Nilfgaarder Adeligen verstärkt.

Der Entwickler des Hexer-Spiels entschied sich zudem auch dafür, die silbernen Sonnen auf den Bannern Nilfgaards durch goldene zu ersetzen. Dadurch ähneln sie sehr stark dem schwarzen Adler auf goldenem Grund des Kaisers des Heiligen Römischen Reiches. Die Farben Gold/Gelb und Schwarz haben sich in den Farben der deutschen Post erhalten, da zunächst die Boten die Farben des Kaisers trugen.

Mittelalterliches Interesse an der Antike

Die Verbindung und Gleichsetzung des Heiligen Römischen Reiches mit dem antiken Römischen Reich ist dabei keine neuzeitliche Neuerung. Sie entspricht ganz dem Selbstverständnis des mittelalterlichen Kaiserreiches, welches sich als Fortsetzung des Römischen Reiches verstand. Denn nach der christlichen Weltreichlehre war die Geschichte in vier Weltreichen begründet, dem der Babylonier, der Perser, der Makedonen und der Römer. Danach folgte der Weltuntergang, weshalb man das Römische Reich fortführen musste. Durch die Theorie der Translatio imperii wurde die Herrschaft der Römischen Kaiser auf die fränkischen und deutschen Kaiser übertragen. Im Byzantinischen Reich dauerte das Oströmische Reich jedoch noch bis ins 15. Jahrhundert fort.

The Witcher Der Hexer
Plakat der Netflix-Serie zu „The Witcher“ (© Netflix)
Roman Haenssgen

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