Römer und Votadini im Comic „Nicnevin and the Bloody Queen“

Worum geht es in „Nicnevin and the Bloody Queen“?

In „Nicnevin and the Bloody Queen“ geht es um eine Linie von Frauen, die von einer alten keltischen Göttin abstammen und trotz der Unterdrückung durch Römer und Christentum in Northumberland altes Wissen über Heilkunst etc. bewahren konnten, was sie in den Augen Außenstehender wie Hexen erscheinen ließ. Nun ergibt es sich, dass jemand versucht, die alte Größe des Stammes der Votadini wiederherzustellen und mit Hilfe der Göttin ein neues Zeitalter einzuläuten. Um dieses Ziel zu erreichen, begeht diese Person Ritualmorde, bei der sie wie keltische Druiden mit einer Sichel bewaffnet ist. Ihr gegenüber steht Nicnevin, die jüngste Nachfahrin der gleichnamigen Göttin …

Nicnevin and the Bloody Queen
Die Protagonistin Nicnevin aka Nissy in „Nicnevin and the Bloody Queen“

Die Darstellung der Votadini im Comic „Nicnevin and the Bloody Queen“

Der Comic stellt die Votadini, die heute auch als Goddodin bezeichnet werden, als einen großen Volksstamm dar, dessen Siedlungsgebiet sich von der Region Lothian im Norden bis zum Fluss Tweed im Süden erstreckte und dementsprechend im heutigen Schottland anzusiedeln ist. Die gesamten britischen Inseln waren zu jener Zeit ein Flickenteppich solcher Stämme und Königreiche, die einander bekriegten, letztlich aber doch über eine gemeinsame Kultur verfügten, die reich an Kunst, Wissen und Glauben gewesen sei.

Von dieser Kultur sei heute kaum noch etwas bekannt, da die Römer im Rahmen ihrer wilden Zerstörung der britischen Welt die Priester ermordet und die verschiedenen Sprachen unterdrückt hatten. Die Votadini waren an den Ereignissen als Komplizen der Römer teilweise nicht unbeteiligt, doch konnten sie nicht ahnen, auf was ihre Kooperaton hinauslaufen würde. Wir erfahren all dies aus dem Mund des Hobbyhistorikers Reginald Levvy, genannt Reggie, der bei einem Vortrag über die Votadini außerdem die Meinung vertritt, dass römische Herrschaft und christliche Gedankenwelt sich miteinander verschworen hätten, um die Erinnerung an jenen Stamm sowie die anderen britischen Völker, auf die auch Stonehenge zurückzuführen sei, auszulöschen. Reggie beendet seinen Vortrag mit den Worten:

If we don’t remember where we came from, how can we ever hope to understand who we are?

Später erfahren wir von Reggie, dass eine Befestigungsanlage auf dem Hügel Traprain Law der Sitz der Könige der Votadini war.

 

Nicnevin and the Bloody Queen
Die Geschichte der Votadini in „Nicnevin and the Bloody Queen“

Die Votadini in der modernen Geschichtsschreibung

Nachdem Gaius Iulius Caesar bereits 55/54 v.Chr. erste römische Feldzüge nach Britannien unternommen hatte, sollte die eigentliche Eroberung der Insel erst 43 n.Chr. unter der Herrschaft des Kaisers Claudius einsetzen. Britannien war von nun an ein Bestandteil des Römischen Reiches, bis dieses sich in der ersten Hälfte des 5. Jh. n.Chr. wieder von der Insel zurückziehen musste.

Allerdings war es den Römern nie gelungen, Britannien gänzlich zu besetzen. Um 122 n.Chr. ließ Kaiser Hadrian den nach ihm benannten Grenzwall errichten, um sein Herrschaftsgebiet gegen nördliche Völker wie die Pikten abzusichern. Sein Nachfolger Antoninus Pius errichtete weiter im Norden einen zweiten Grenzwall, der sich jedoch nicht halten ließ und daher um 165. n.Chr. aufgegeben wurde, sodass der Hadrians Wall dauerhaft die Nordgrenze blieb.

Im aufgegebenen Gebiet zwischen den beiden römischen Wällen siedelten Stämme, die die römischen Straßen und Militäranlagen weiternutzten und scheinbar mit Rom verbündet waren. Es sind jedenfalls keine Konflikte mit diesen Stämmen überliefert, deren Siedlungsgebiet wohl als Pufferzone zu den nördlicheren Völkern diente.

Aufgrund archäologischer Zeugnisse sind uns von diesen zwischen den Wällen lebenden Völkern die Votadini am besten bekannt, wobei wir davon ausgehen, dass der Hügel Traprain Law mit seiner römischen Befestigungsanlage das Zentrum von deren sich über die Region Lothian erstreckenden Herrschaftsgebiet bildete. Es gilt als sicher, dass die Votadini die Grundlage für das frühmittelalterliche Königreich der Gododdin legten.

Nicnevin and the Bloody Queen
Die Heiligtümer der Votadini in „Nicnevin and the Bloody Queen“

Feenkönigin und Dreifaltige Göttin

Im Comic werden die schottische Feenkönigin Nicnevin, die gälischen Sagengestalten Caileach sowie die iro-keltische Göttin Brigid mit der Theorie der Dreifaltigen Göttin vermischt, was mir auch mit neopaganen Vorstellungen einer Dreifachen Göttin der Kelten zusammenzuhängen scheint. Dabei dürfen auch Druiden nicht fehlen.

Von dieser Konstruktion aus einzelnen Elementen der keltischen Mythologie ist an dieser Stelle relevant, dass die Dreifaltige Göttin sich aus den Aspekten alte Frau, Mutter und Jungfrau zusammensetzt, was gewisse Parallelen zu den besonders auch im Rheinland von Römern, Kelten und Germanen verehrten Matronen aufweist. Und von den Matronen kommen wir schnell zu den ebenfalls im Rheinland prominenten Juffern, bei denen es sich um weibliche Sagengestalten handelt, die – zumindest in der Darstellungsweise des 19. Jh. – über eine gewisse Ähnlichkeit zu Feen verfügen, was sich zum Beispiel im Namen der Juffer Fey (auch Vey oder Fay geschrieben) widerspiegelt.

Unser Hobbyhistoriker Reggie geht im Comic jedenfalls der Theorie der Dreifaltigen Göttin folgend davon aus, dass pagane Götterwelten in der Regel von bedeutenden Göttinnen dominiert wurden und dass der bereits angesprochene Hügel Traprain Law mit Eildon Hill und Yeavering Bell, die über ähnliche Festungsanlagen verfügen, ein Dreieck bildet, das symbolisch für die drei Aspekte der Göttin steht.

Helen Mullane vermischt also hinsichtlich der dreifachen Göttin verschiedene antike Elemente mit späteren Aspekten, wodurch eine ununterbrochene Kontinuitätslinie von der Antike bis heute konstruiert wird. Innerhalb des Comics führt dieses Konstrukt jedenfalls zu einem in sich stimmigen Ergebnis.

Nicnevin and the Bloody Queen
Nicnevin und ihr Gefolge in „Nicnevin and the Bloody Queen“

Die Ermordung der Priester

Mit den ermordeten Priestern, die im Comic kurz angesprochen werden, sind sicherlich die keltischen Druiden gemeint. Tatsächlich ließen die Kaiser Tiberius und Claudius Druiden verfolgen, sodass diese letztlich aus den keltischen Siedlungsgebieten in Kontinentaleuropa verschwanden und nur noch in Britannien vorzufinden waren. Ein religiöses Zentrum der Druiden auf der Isle of Man zerstörten die Römer im Jahr 61 n.Chr. Allem Anschein nach existierten die Druiden in Britannien aber noch bis in die frühmittelalterliche Zeit, sodass zumindest in diesem geographischen Bereich eine völlige Ausrottung durch die Römer unwahrscheinlich ist.

Die Funktion der Römer und der Votadini im Comic

Autorin Helen Mullane setzt die Votadini also ein, um einen uralten Ursprung für die übernatürlichen Elemente ihrer Erzählung zu generieren, der über einen lokalen Bezug zum schottischen Schauplatz verfügt. Die Unterdrückung durch Imperium Romanum und Christentum sorgt dafür, dass das uralte Wissen weitestgehend in Vergessenheit geraten ist und dadurch erheblich an Rätselhaftigkeit gewinnt. Das Römische Reich fungiert hier also nicht als Bringer von Kultur (What have the Romans ever done for us?), sondern als imperialistischer Zerstörer indigener Zivilisationen.

Schlussbetrachtungen

Abgesehen von den teilweise konstruierten religiösen Elementen entspricht das im Comic gezeichnete Bild der Votadini dem aktuellen Stand der Forschung. Da es zu den Votadini keine Einträge in den modernen Standardlexika zur Antike (Neuer Pauly, Encyclopedia of Ancient History) gibt, scheinen sie heute eher von regionaler Bekanntheit zu sein. Insofern gefällt es mir sehr gut, dass Helen Mullane diesem britischen Stamm über ihr Comic „Nicnevin and the Bloody Queen“ zu etwas mehr Präsenz verhilft. Ebenso freut es mich immer, wenn in der Populärkultur an Gottheiten erinnert wird, die durch die monotheistischen Weltreligionen verdrängt wurden.

Nicnevin and the Bloody Queen
Helen Mullane e.a.: Nicnevin and the Bloody Queen (Photo: Michael Kleu)

Literatur:

H. Mullane/D. Reardon/M. D. Smith/Jock/L. Loughridge/R. Jones: Nicnevin and the Bloody Queen, Los Angeles 2020.

Chr. A. Snyder: The Britons, Maldon e.a. 2003, S. 198-224.

W. Spickermann: Art. Druidae, in: Der Neue Pauly 3 (1997), 823-824.

M. Todd: Art. Britannia, in: Der Neue Pauly 2 (1997), S. 779-787.

 

 

2 Kommentare zu „Römer und Votadini im Comic „Nicnevin and the Bloody Queen“

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  1. Im irischen ist die Dreifalltikeit auch extrem wichtig. Denke daher, dass es wahrscheinlich ist das es keltische Traditionen gibt an welche das Christentum anknüpfen konnte. Gegen das im Comic geschaffene Bild spricht aber, dass Irland nie römisch war und im frühen mittelalter christlich war und sogar Missionare nach Britannien und Europa aus Irland kamen. Denn dort war das Christentum in der übergangszeit zwischen antike und Mittelalter erstmal wieder zurückgegangen sind.

    1. Das ist ein spannender Punkt! Irland war nie römisch, aber dennoch eine äußerst christliche Region, von der aus einige bedeutende Missionare auf den Kontinent kamen. Da waren Deine Römer also ausnahmsweise mal unschuldig 😉

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