Ju Honischs „Steam Age Quest“ zwischen Steampunk und Gothic Novel

Das 19. Jahrhundert als Bühnenbild

In einem Forum für fantastische Antike etwas vorzustellen, was thematisch sehr eindeutig in die Neuzeit gehört, ist ein wenig gewagt. Dennoch will ich hier gerne auf meine historische Fantastik eingehen.

Das 19. Jahrhundert hat weitaus mehr Schattierungen als die Antike. Das ist nicht nur in der Quellenlage begründet: Die Epoche ist auch randvoll mit Ereignissen (politisch, sozial und technisch). Diese veränderten alles weithin, und man kann sie bis heute völlig unterschiedlich bewerten und interpretieren. Entsprechend gibt es je nach Perzeption viele Varianten dessen, was in der Wahrnehmung des durchschnittlichen Rezipienten als „gegeben“ verfestigt ist.

Als Historikerin kann ich die romantische Verklärung einer wenig zimperlichen Epoche beklagen, doch als Autorin bietet mir deren Schnörkel-Variante ein exzellentes Umfeld für die Handlung meiner von 1865 bis 1867 angesiedelten Fantastik-Romane.

Die Reihe umfasst vier Romane:

  1. Das Obsidianherz (Vorfrühling 1865)
  2. Salzträume Bd. 1 + Bd. 2 (Herbst 1865)
  3. Jenseits des Karussells (Frühjahr 1867)
  4. Schwingen aus Stein (Herbst 1867)
Die Cover der Steam Age Quest-Bücher

Der eigenwillige König und die widerspenstige Kaiserin

Drei der Bücher spielen im Königreich Bayern (Bücher 1,3,4), eines im Salzkammergut in Österreich (Buch 2). Nur wenige deutschsprachige Leser werden kein Bild von König Ludwig II. oder Kaiserin Elisabeth (Sisi[1]) fertig im Kopf haben. Dabei ist es unerheblich, wie wenig historisch die populären Darstellungen beider Personen generell sind. Sie bieten eine Einstiegsplattform zu einer Zeit, deren rudimentäre Kenntnis irgendwie Allgemeingut ist.

Gerade dieses Halbwissen ist es, das man als Bühne verwenden kann. Die Vorstellung in den Köpfen ist bildhaft, nicht theoretisch oder akademisch. Sisi im Krinolienenkleid, der gutaussehende junge König in der Chevauleger-Uniform ‑ Film hin, Film her: es hat sie so gegeben.

Beide tauchen per Stippvisite in den ersten beiden Romanen ganz kurz auf, um als Staffage dann wieder im Hintergrund zu versinken. Sie stehen in unserem Denken als Platzhalter einer Romantik, die irgendwo zwischen süß und düster angesiedelt ist.

Im Frühjahr 1865 war Ludwig II. gerade neunzehn Jahre alt, seit einem knappen Jahr König. Die um acht Jahre ältere Elisabeth ist zu dem Zeitpunkt schon seit elf Jahren verheiratet. Nichts davon hat jedoch Einfluss auf die Handlung.

Vorreiter in der Literatur – die „Gothic Novel“

Ab dem späten 18. bis ins 19. Jahrhundert kam mit der Romantik als kulturgeschichtlicher Epoche die „Gothic Novel“ (in Deutsch etwas ungeschickt als klassischer Schauerroman bezeichnet) auf. Von Horace Walpole[2] , über Mary Shelley[3], bis Edgar Allan Poe und Bram Stoker[4] wurde der wohlige Grusel und die Spannung jenseits der braven Wirklichkeit in der Literatur gepflegt.

In dieser Tradition sehe ich mich. Natürlich wird alles, was historische Fantasy im 19. Jahrhundert ist, auch mit der Steampunk-Marke belegt. Das ist marketingtechnisch gut so und stimmt, was  das „Feeling“ angeht. Doch die meisten Steampunk-Romane schildern eine „alternate history“-Welt mit Fantasie-Technik und veränderten historischen und politischen Gegebenheiten.

Meine Bücher sind in der „wirklichen Welt“ angesiedelt. Hier dampfen keine Luftschiffe über die Städte, und auch die Städte selbst fahren nicht auf riesigen Kettenfahrzeugen rauchend durch die Reste der Welt. Nein. Es ist, wie es war, mit dem Unterschied, dass es Magie gibt und die Fey oder Sí[5] (Feenwesen).

Magie und miese Monster

Man mag es als Reaktion auf die Aufklärung sehen, dass der Wunsch nach dem Übernatürlichen Ausdruck in der Literatur findet. Weisere Menschen als ich können da sicherlich trefflich argumentieren.

In meinen Büchern ist die Aufklärung vor allem der Grund dafür, dass die Zeitgenossen meiner Held*Innen zumeist weder an Magie glauben noch an die Existenz einer nichtmenschlichen „Rasse“ von Wesen, die die unterschiedlichsten Eigenschaften und Fähigkeiten haben können und deren Ziele, Möglichkeiten und ethische Vorstellungen im Dunkeln liegen.

In Magier-Logen bilden Meister des Arkanen den spärlichen Nachwuchs an begabten jungen Männern aus. Es ist das 19. Jahrhundert, und so glaubt man gerne, Frauen seien grundsätzlich zu keiner Magie fähig. Die Logen unterrichten ihre Akolythen wie in einem Studium Generale: Politik, Geschichte, alte und neue Sprachen, vergleichende Religionswissenschaft, Volkskunde & Mythen, Selbstbeherrschung und letztlich auch – Zauberei und die Handhabung von Macht. Für Magier-Logen ist das Arkane eine Wissenschaft.

Doch auch die Frauen haben ihre magische Tradition. Diese wird in geheimen Zirkeln weitergegeben, die in Fünfergruppen einem Aufbau von Partisanengruppen ähneln. Jede Angehörige kennt nur ein Mitglied eines weiteren Zirkels. Sie selbst definieren ihr Tun nicht, doch würden sie sich vermutlich weniger als Wissenschaftlerinnen denn als Kunsthandwerkerinnen sehen. An Macht und Können stehen sie den Herren in den Logen um nichts nach.

Die Fey oder Sí, sie selbst bezeichnen sich als „na Daoine Maith[6]“, sind nicht in staatlichen Strukturen gebunden. Sie sind selten und Einzelgänger. Auch sind sie sehr verschieden. Vom Bluttrinker, der kein Untoter ist, über Seelenfresser, Dryaden, Nymphen, Wassermänner und was immer Ovids „Metamorphosen“ oder tradierter Volks- und Aberglaube sonst noch so hergeben: alles kann existieren.

Die Fey sind intelligent, unterschiedlich mächtig, jedoch nur selten mit einem Sinn für Ethik ausgestattet. Woher sie kommen, weiß niemand. Sie tauchen auf und verschwinden und sind dabei so selten, dass die meisten Menschen nie einen von ihnen treffen oder, so sie es doch tun, dies bemerken. Wird es ihnen bewusst, ist es meist schon zu spät, um noch schnell die Flucht zu ergreifen. Magie ist bei den Fey zur instinktgeleiteten Kunstform erhoben.

Noch eine Gruppe der Magietreibenden gibt es: Die „Fraternitas Lucis – Bruderschaft des Lichts“. Hier handelt es sich um eine katholische Geheimgesellschaft, die von der Inquisition übriggeblieben ist. Sie jagen und vernichten alles, was ihrem Bild von „Gottes Kindern“ nicht entspricht: Magier, Hexen, Fey und Hybridwesen. Um das tun zu können, müssen auch sie selbst mächtige Magie wirken können, sonst wäre ihr Anliegen von vornherein zum Scheitern verurteilt.

Autorin Ju Honisch

Recherche

Oft wird angenommen, man müsste in der Fantastik nichts recherchieren, man könnte sich einfach alles ausdenken. „Ist ja Fantasie.“ Das trifft noch nicht einmal für High-Fantasy-Romane auf erfundenen Welten zu (siehe Tolkien), umso weniger für Bücher in einer wirklichen historischen Epoche.

Dennoch ist die Recherche ziemlich „kreuz und quer“ und nicht für eine wissenschaftliche Arbeit zu gebrauchen. Von Grundwerken zum 19. Jahrhundert, über Biographien oder auch historische Darstellung von Zugverbindungen bis hin zu Berichten über Benimm und Sexualverhalten habe ich mich quer durch die unterschiedlichsten Bereiche gelesen. Eine der wichtigsten Fragen: „Ab wann gab es …“

Ab wann gab es eine mehrschüssige Pistole (im Buch: eine Pepperbox), ab wann galten beim Boxen die Regeln des Marquess of Queensberry (hier musste ich auf ein früheres Regelwerk ausweichen), mit welchen Dingen war ein Hotelzimmer bestückt (kein fließendes Wasser), wie reiste man von Salzburg nach München (mit einem Aufenthalt in Rosenheim, wo die Reisenden aus Österreich in die Königlich Bayerische Eisenbahn umsteigen mussten).

In „Jenseits des Karussells“ gibt es noble Soireen für Wissenschaftler und Künstler, veranstaltet von einer Dame der Gesellschaft. Bevor ich dem Philosophen Ludwig Feuerbach Worte in den Mund gelegt habe, habe ich mich zumindest ein wenig mit ihm befassen müssen. Auch die anwesenden Künstler forderten ihr Recht, und ich weiß nun einiges mehr über die Münchner Schule der Königlichen Akademie der Bildenden Künste. Anselm Feuerbach und Moritz Schwind mögen es mir danken.

Natürlich habe ich auch vor Ort recherchiert. Im Kataster- bzw. Stadtplanungsamt in München habe ich alte Stadtpläne gewälzt, im Bayerischen Wald Museen besucht und mir die Füße plattgelaufen, im Salzkammergut Höhlen und ein Bergwerk besichtigt und im  Museum von Bad Aussee eine Lokalhistorikerin interviewt.

In Österreich kam mir der Zufall zu Hilfe: Wir stiegen in einem Landgasthaus ab, das seit 1745 dort den Reisenden Logis gewährt. „Der Ladnerwirt“ fand demensprechend gleich Eingang in „Salzträume“. Der jetzige Wirt stellte sich zudem als Spezialist für lokale Legenden heraus. (Man muss auch mal Glück haben.)

Die „Ab wann gab es …“-Frage stellte sich übrigens neu, als ich die englischen Versionen der Romane (gelistet als Buchserie „Steam Age Quest“) an die englische Lektorin gab. Die checkte nun auch noch die Worte darauf, ob sie 1865 bereits existent oder gebräuchlich waren.

Die Romane in Englisch:

  1. Obsidian Secrets
  2. Dreams of Salt, Vol. 1 + 2
  3. Beyond the Merry-Go-Round
  4. Wings of Stone (im Lektorat)
Die Cover der englischen Ausgaben

Und sonst noch …

Fertig geschrieben und derzeit auf der Suche nach einem Verlag ist mein neuer Roman, der in der gleichen „Welt“ spielt wie die Steam Age Quest Bücher. Gleich und doch anders ist die Handlung hier 1887 in Cambridge angesiedelt, einer der ersten Universitäten, die weibliche Studierende zuließen. Ich danke der Stadtverwaltung von Cambridge und der Bibliothekarin vom St John’s College für Unterstützung bei der Recherche während der „reisefreien Seuchenzeit“.

Nicht zu dieser Buchserie gehörig, aber doch auch historische Fantasy ist der bereits erschienene Roman „Weltendiebe“. Der Roman hat drei Handlungszeiten: 1952 * Jetzt * In einer fernen Zeit. Hier geht es um Dimensionstore und die Eindringlinge, die sie zu ihren perfiden Zwecken nutzen sowie den grausen Wesen, die zwischen den Welten in den „Interstitien“ lauern.

Das Jetzt war einfach. Das ferne, posttechnische Zeitalter konnte man sich basteln. Doch 1952 hat einiges an Recherche gefordert: das Bemühen um Vergessen, die letzten Russland-Heimkehrer, die Rechte junger Frauen und Mädchen in den Fünfzigern etc.

Über die Autorin

Ju Honisch hat Anglistik und Geschichte an der LMU München studiert. Heute arbeitet sie als Autorin, Dichterin und Liedermacherin.

Anmerkungen:

[1] In den Filmen „Sissi“ ist historisch falsch. Sie nannte sich Sisi.

[2] „The Castle of Otranto”

[3] „Frankenstein; or, The Modern Prometheus”

[4] „Dracula”

[5] Sí oder Aes Sídhe(Irisch Gälisch) oder Sith (Schottisch Gälisch) = Gesamtheit der Feenwesen des „Guten Volkes“

[6] Irisch Gälisch: The Good People

GastautorIn

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