Die Mumie in Buch und Film – Ein Überblick (Gastbeitrag von Andreas Bonge)

Vorbemerkung Michael Kleu: Heute freue ich mich darüber, einen Gastbeitrag von Andreas Bonge von der Filmlichtung veröffentlichen zu können. Andreas bespricht auf seinem Blog zahlreiche Filme, wobei sich unsere Interessen teilweise überschneiden. So mag ich z.B. sehr seine Beitragsreihe zu „Spuktakuläre Filmmonster“, aus der der folgende Beitrag über Mumien stammt und der ursprünglich hier veröffentlicht worden ist. Der Beitrag ist eine schöne Ergänzung zu meinen Überlegungen zu Mumien und mesoptamischen Dämonen.

Im letzten Jahr ging es in meiner Beitragsreihe „Spuktakuläre Filmmonster“ um Vampire, Geister, Zombies und Bizarres, mit einem kurzen Ausflug in die Welt der Hexen. Und wie alle guten Monster stehen natürlich auch die Spuktakulären Filmmonster noch einmal auf, wenn man nicht mehr damit rechnet. Im ersten Kapitel dieses Jahres soll es um die Mumien gehen. Die haben zwar keine besonders beeindruckende Filmografie unter den Bandagen und dürften, Tom Cruise sei Dank, aus Hollywood erst einmal verbannt sein. Doch ist die westliche Faszination mit (vor allem) ägyptischen Mumien keine, die erst mit dem Film begonnen hat. Bereits im 19. Jahrhundert vermischten sich echtes historisches Interesse und morbide Faszination. In der damaligen imperialistischen Welt hatte das allerdings recht hässliche Konsequenzen. Doch fangen wir am Anfang an.

Wer es sich im Alten Ägypten leisten konnte, der ließ sich mumifizieren. Der Tod war immerhin nur der Übergang zu einem ewigen Dasein. Und das wollte man möglichst in gutem Zustand erleben. Eingeweide und Hirn wurden dabei entnommen, der Körper einbalsamiert und fest mit Binden umwickelt. Den Pharaonen wurden Pyramiden errichtet, ihre Mumien in kostbare Sarkophage gelegt und mit allerlei Schätzen, Genussmitteln und manchmal auch Dienern und Haustieren auf die ewige Reise geschickt. Aber auch hohe Beamte konnten ansehnliche Grabmäler erhalten. Der „normale Bürger“ würde nach dem Tod, wenn er Glück hatte, in einem Volksgrab mit hunderten anderer Mumien landen.

Seit dem Mittelalter wurden in Europa zermahlene Mumien als Heilmittel geschätzt. Das geht vermutlich auf eine Fehlübersetzung aus dem Arabischen zurück. Im 16. Jahrhundert wurde das Mumienpulver zu einem beliebten braun-Pigment für Gemälde. Wie viel von den braunen Pudern, die man an Mittelmeerhäfen von nordafrikanischen Händlern kaufen konnte tatsächlich von Mumien stammte, ist allerdings wohl mehr als fragwürdig. Anfang des 19. Jahrhunderts fand Napoleons Feldzug in Ägypten statt. In seinem Gefolge befanden sich zahlreiche Ägyptologen. Neben erheblichen wissenschaftlichen Fortschritten rund ums Alte Ägypten, führten deren Berichte allerdings auch zu einer Art Mumienmanie in Europa. Vor allem in Großbritannien kam es bald in Mode „Mumienparties“ zu veranstalten. Nach einigen ägyptologischen Vorträgen wurde dabei, als Höhepunkt des Abends, eine Mumie ausgewickelt. Das sorgte einerseits für makabren Grusel, andererseits war es eine Art Wundertüte, denn oft kamen Schmuck und Amulette zum Vorschein, die der Veranstalter behalten konnte. Die Bandagen und oft genug die Leichname selbst wurden hingegen entsorgt. Die Totenruhe einer anderen Kultur wurde mit einem Schulterzucken abgetan und tausende Mumien auf diese Weise zerstört.

Michael Kleus Lieblingsfilm mit Mumien: Bubba Ho-Tep (Photo: Michael Kleu)

In der Literatur tauchten Mumien um diese Zeit auch auf. Jedoch nicht als Gruselgestalten, sondern als freundliche, weise Übermittler von Wissen. Das früheste Auftauchen dürfte 1828 in „The Mummy! A Tale of the Twenty-Second Century“ der Botanikerin Jane C. Loudon zu verorten sein. Kein anderer als Pharao Cheops wurde da mit einer galvanischen Batterie (wie in Mary Shelleys ‚Frankenstein‘) wiederbelebt und übermittelte Jahrtausende alte Weisheiten. Auch in Edgar Allan Poes „Some words with a mummy“ von 1845 bleibt alles friedlich. Es ist eine Satire auf die Fortschrittsgläubigkeit der USA und die wiederbelebte Mumie darin heißt „Allamistakeo“, was dafür sorgt, dass ich mich bei meinen eigenen Wortspielen etwas besser fühle.

Der Grusel beginnt erst gegen Ende des 19. Jahrunderts/Anfang des 20. Mit Arthur Conan Doyles Kurzgeschichte „The Ring of Toth“ (1890) und Bram Stokers „The Jewel of Seven Stars“, übrigens das erste Werk mit einer weiblichen Mumie im Mittelpunkt. Ende der 20er Jahre kochten dann, in der Klatschpresse, die Gerüchte um einen „Fluch der Pharaonen“ hoch, als Mitglieder der Expedition, die das Grab von Pharao Tutanchamun entdeckte, wenige Jahre später verstarben. Tatsächlich waren einige Teilnehmer bereits krank, als das Grab eröffnet wurde. Der einzige „Fluch“ war wohl eine sehr hohe Konzentration von Schimmelsporen in der Grabluft, die zu weiteren Krankheiten führte. Und wie später herausgefunden wurde, haben mindestens 5 Teilnehmer aufgrund der sensationalistischen Berichterstattung Selbstmord begangen.

In genau diese Atmosphäre hinein erschien 1932 Universals ‚Die Mumie‘, das erste der Universal Monster, dass auf keiner literarischen Vorlage basierte. Die wiederbelebte Mumie ist hier Imhoptep. In der realen Geschichte einer der ersten Universalgelehrten, der später kultisch verehrt wurde, im Film ein finsterer Schwarzmagier, verkörpert von Boris Karloff. Bandagen und vertrocknetes Aussehen lässt er auf der Suche nach seiner geliebten Anck-es-en-Amon, die er in einer modernen Frau wiedererkennen will, schnell hinter sich. Karl Freunds Film hat, meiner Meinung nach zu Unrecht, den Ruf eine langweiligere Variante von ‚Dracula‘ zu sein. Ich mag seine atmosphärischen Bilder und Karloff in einer Rolle, in der er etwas mehr sagen darf, als als Monster.

Für die Fortsetzungen wurde Imhotep allerdings nicht zurückgeholt. Stattdessen ist der Hohepriester Kharis die lebende Mumie, die mit einem Sud aus Tana-Blättern über die Jahrtausende am Leben gehalten wurde, um das Grab von Prinzessin Ananka zu bewachen. Dies geschieht als Strafe dafür, das Kharis Ananka mit den Tana-Blättern wiederbeleben wollte. Aus diesen Filmen ergibt sich das Bild der Mumie als bandagiertes, schlurfendes aber fast unaufhaltsames Monster, das allerdings von einer geheimen Priesterschaft kontrolliert wurde. Kharis tauchte in vier Filmen auf und traf, wie fast alle Universal Monster, als seine Beliebtheit nachließ auch auf die Komiker Abbott und Costello.

Nach der Universal-Welle wurde es lange Zeit recht still um Mumien im Film. 1960 gab es eine italienische Neuverfilmung des Films von 1932 unter dem Titel ‚Il Sepolcro dei Re‘/‘Fluch des Pharao‘. 1959 erweckten die britischen Hammer-Studios die Mumie zu neuem Unleben, wie fast alle Universal Monster. Man orientierte sich hier sogar recht direkt an den früheren Filmen. Christopher Lee übernahm die Rolle des Kharis. Die Serie brachte es aber nur auf drei Filme – für Hammer Verhältnisse sehr wenige. Ein weiterer Hammerfilm ist ‚Das Grab der blutigen Mumie‘ (1971), eine Verfilmung von Bram Stokers ‚Jewel Of The Seven Stars‘, der sich allerdings mehr mit Grabräuberei und Flüchen als tatsächlichen Mumien beschäftigt.

Und wieder kehrte Ruhe um die Mumien ein. In Fred Dekkers ‚Monster Busters‘ von 1987, den man am besten als „Goonies vs. Universal Monster“ umschreiben könnte, taucht die Mumie zwar auf, bleibt aber gegenüber den anderen Monstern sehr blass. Frankensteins Monster ist ein netter Kerl, der Wolfmann anatomisch korrekt und Dracula ein dynamitwerfender Mistkerl. Die Mumie hingegen ist schnell vergessen.

Ender der 90er folgt ein Remake des allerersten Universal Films. Allerdings setzt der 1999er ‚Die Mumie‘ Film weniger auf Grusel, als recht albernes Action-Abenteuer. Ich mag den Film, trotz dramaturgischer Schwächen und Übereinsatz von 90er CGI, sehr gerne. Anders sieht es bei der Fortsetzung ‚Die Mumie kehrt zurück‘ aus, die alle Konzepte des ersten Films gnadenlos überstrapaziert und Dwayne Johnson als albernes CGI Monster verheizt. ‚Die Mumie: Das Grabmal des Drachenkaisers‘ von 2008 habe ich nicht gesehen und kenne niemanden, der das hat. Allerdings ging es darin wohl nach China anstatt nach Ägypten, wobei es dort eigentlich keine umfangreiche Geschichte willentlicher Mumifizierung gibt. Eine weitere feste Rolle scheint die Mumie in den ‚Hotel Transsylvanien‘-Animationsfilmen gefunden zu haben, wo sie wieder mit ihren Universal-Monster-Gefährten vereint ist.

Am besten sind die Mumien vielleicht bei ihren kleineren Auftritten. Sei es als unwahrscheinlicher Gegner für einen alternden Elvis in einem texanischen Altenheim in ‚Bubba Ho-Tep‘ (2002). Oder in der ursprünglichen Rolle in westlicher Literatur, als Übermittler alter Weisheit im zu Unrecht übersehenen ‚Adèle und das Geheimnis des Pharaos‘ (2010). Hier liefert die Mumie von Patmosis, dem Leibarzt Ramses II. alte medizinische Geheimnisse. Für größere Auftritte besteht nach dem Tom Cruise Debakel vermutlich ohnehin erstmal keine Chance mehr.

Welche sehenswerten kleineren Auftritte habe ich übersehen? Welche Mumienfilme mögt ihr besonders?

2 Kommentare zu „Die Mumie in Buch und Film – Ein Überblick (Gastbeitrag von Andreas Bonge)

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  1. Oh hey, da ist er ja, der Artikel! Nochmal Entschuldigung wegen der mangelnden Kommunikation!

    Und für möglicherweise erstaunte Leser dieses Blog: ja, meine Artikelreihe heißt wirklich „Spuktakuläre Filmmonster“. Nein, ich habe niemanden gefragt, ob das eine gute Idee ist. Aber, hey, Poes Mumie heißt Allamistakeo, das kann also jedem passieren!

    1. Mir ist das eben erst aufgefallen, als ich Deinen Text vorsichtshalber noch einmal durch eine Fehlersuche laufen ließ. Ich war felsenfest überzeugt, dass die Rubrik „Spektakuläre Filmmonster“ heißen würde. So google ich auch immer danach, was dann aber doch zum richtigen Ergebnis führt 😉

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