„Der Mars ist hell heute Nacht“ – Kentauren in J. K. Rowlings Harry Potter-Saga

In der griechischen Mythologie werden Kentauren1 keineswegs immer positive oder freundliche, geschweige denn sozialverträgliche Eigenschaften zugesprochen. Im Gegensatz zu manchen modernen rezeptionistischen Darstellungen (Percy Jackson, Harry Potter, Narnia – nicht jedoch im Disney Animationsfilm Hercules) sagte man ihnen im antiken Griechenland Gesetzlosigkeit, Rohheit, Übergriffigkeit und den schnellen Griff zum mit Wein gefüllten Trinkbecher nach. Dennoch trat das wilde, in der rauen Natur und im Gebirge lebende Volk durchaus auch mit den Menschen in Kontakt, ja sogar mit einigen Helden.

Chiron

Um hier jedoch niemandem auf die Füße (oder wohl eher Hufe) zu treten, muss zunächst ein kleiner Einschub hinsichtlich der Kentauren-Genealogie angeführt werden, denn nicht jeder Kentaur ist wie der andere.

Der bekannteste antik-mythologische Kentaur ist wohl Chiron (auch Cheiron geschrieben, aber nicht zu verwechseln mit Charon, dem Fährmann des Styx), Erzieher und Lehrer zahlreicher Helden und Persönlichkeiten wie Herakles, Achill, Peleus, Asklepios, Jason und Odysseus. Er ist der Sohn des Titanen und Zeusvaters Kronos und der Philyra. Kronos war ihr in Gestalt eines Pferdes begegnet, was die Gestalt des Chiron (halb Mensch, halb Pferd) erklärt. 2

Ixion

Im Kontrast zur hohen, man könnte schon fast sagen gottesadligen Abstammung des Chiron steht die Geburt des ersten „anderen“ Kentauros. Dieser ist der Sohn des Ixion, welcher den ersten Verwandtenmord begangen hatte und anschließend zur Entsühnung (die in der Geschichte der Kentauren noch eine Rolle spielen wird) von Zeus in den Olymp gebracht wurde. Dort verliebte er sich in Hera, was Zeus – trotz seines allseits bekannten und etwas ausschweifenden Lebensstils – nicht gefiel. Er formte eine Wolke, die Hera glich und an der sich Ixion schließlich auch verging.3 Aus dieser Verbindung gingen dann die Kentauren hervor, also ein ganz anderer „Zweig“ dieses Mischwesens.

Nicht die besten Eigenschaften

Gerade diese Kentauren sind es, die für den schlechten Ruf verantwortlich sind, der den zweigestaltigen Wesen (menschlicher Oberkörper, Rumpf eines Pferdes mit vier Hufen) nachgesagt wird:

  • Zwei von ihnen vergewaltigen die von Bären und Jägern aufgezogene Atalante, von der sie anschließend erschossen werden.4
  • In Euripides Tragödie „Der Wahnsinn des Herakles“ muss der Held des Stücks die Kentauren als zweite seiner Aufgaben jagen und umbringen.5
  • Bei Sophokles werden sie als „unbändig, frevelnd, riesenstark, gesetzlos, wild“6 bezeichnet.
  • Auch der Held Peleus (Vater des Achill) wird im Zuge seiner Jagd auf den kalydonischen Eber von Kentauren beim Schlafen angegriffen.7
  • Und schließlich wird der Kentaur Eurytion von Peirithoos (auch ein Sohn des Ixion) zu dessen Hochzeit eingeladen. Dort trinkt er zu viel vom – angeblich ungewohnten – Wein und kommt auf die Idee, der Braut Hippodameia Gewalt antun zu wollen. Die Lapithen, ein archaisches Menschengeschlecht aus Griechenland, zu der auch Peirithoos gehörte, ließen dies natürlich nicht zu und schnitten ihm kurzerhand Ohren und Nase ab. Dieser Vorfall führte zur „Kentauromachie“, dem ewigen Krieg zwischen Männern und Kentauren.8

Nessos und Herakles

Zu diesen „gewöhnlichen“ Kentauren zählte auch noch Nessos, der im Leben des Herakles einiges Unheil anrichtete und schließlich auch für dessen Tod verantwortlich ist. Herakles hatte zu seinen Lebzeiten von Zeus einen Orakelspruch erhalten: „durch keinen, der noch atmet, litt‘ ich je den Tod, / sondern durch einen Toten, der im Hades wohnt.“9 Dass mit diesem Spruch der Kentaur gemeint war, dem Herakles einige Zeit vor seinem Tod begegnet war, wurde dem Helden erst bewusst, als es schon zu spät war.

Herakles begegnete dem Nessos, als er mit seiner Frau Deïaneira unterwegs war und einen Fluss überqueren wollte. Hier brachte Nessos Menschen gegen Bezahlung auf seinem Pferderücken zur anderen Uferseite. So sollte er es auch mit Deïaneira tun, doch anstatt diesen Dienst wie vereinbart durchzuführen, versuchte er es mit einer Entführung. Keine gute Idee, denn innerhalb kürzester Zeit hatte Herakles seinen Bogen gespannt und Nessos mit einem im Blut der Hydra eingetauchten Pfeil getroffen. Nessos stirbt noch vor Ort, empfiehlt aber Deïaneira etwas von seinem Blut abzunehmen, denn es könne dafür sorgen, dass sie Herakles Herz zurückgewinnen würde, sollte er sich mal von einer anderen angezogen fühlen.

Es kommt wie es kommen muss. Herakles verguckt sich Jahre später in Iole und Deïaneira sieht sich zum Handeln gezwungen. Mit „besten“ Absichten tunkt sie ein Hemd in das aufbewahrte Blut des Nessos und lässt es Herakles zukommen. Da das Blut jedoch durch das Gift der Hydra verseucht ist, erleidet der Held nach dem Anziehen des Hemdes unerträgliche Qualen. Um von diesen befreit zu werden, lässt er sich im Feuer verbrennen, der Orakelspruch seines Vaters hatte sich also bewahrheitet und Nessos erhielt seine Rache noch im Tod.

Cheiron Achilles
Chiron unterrichtet den jungen Achilles. Fresko aus Herculaneum, Archäologisches Nationalmuseum Neapel. (Public Domain)

Ein gelehrter Kentaur

Die Kentauren hatten also nicht allzu viel Gutes im Sinne. Der Titanensohn Chiron hingegen gilt als Gelehrter. Apollon vertraute ihm seinen Sohn Asklepios an, den er die Heilkunst lehrte und der als Gott in seinen Heiligtümern kranken Menschen über Traumerscheinungen heilte. Er ist der Sohn der Koronis bzw. der Arsinoë, in die sich Apollon verliebt hatte, dann aber einem anderen versprochen wurde. Aus Zorn färbte der Gott den Raben, der ihm diese Botschaft übermittelt hatte, schwarz, denn bis dahin waren alle Raben eigentlich weiß. Doch es beschwichtigt den Gott nicht, er verbrennt Koronis/Arsinoë, rettet ihren Säugling Asklepios allerdings noch aus dem Feuer und übergibt ihn Chiron, der ihn sogar lehrt die Verstorebenen wieder aufzuwecken.

Chiron und die Helden

Chiron rettet außerdem noch den oben erwähnten Peleus vor den „anderen“ Kentauren und ist darüber hinaus auch noch eng mit dem Schicksal des Herakles verbunden. Dieser kehrt auf der Jagd nach dem erymanthischen Eber bei dem Kentauren Pholos ein, der ihn zwar als Gast empfängt und gebratenes Fleisch anbietet, selbst aber nur rohes Fleisch zu sich nimmt (eigentlich komisch, sind doch zumindest Pferde reine Pflanzenfresser). Herakles bittet ihn um Wein und begehrt das Fass der Kentaurenherde, das Pholos bei sich stehen hat. Mit Unbehagen und auf Drängen des Herakles öffnet er das Fass, was einen Angriff der erbosten Kentaurenherde zur Folge hat, die der Held jedoch erfolgreich in die Flucht schlagen kann.

Die Kentauren entkommen und sammeln sich bei Chiron, werden aber weiterhin von Herakles verfolgt. Dieser trifft im Gefecht (vermutlich versehentlich) Chiron mit einem in das Gift der Hydra getunkten Pfeil am Bein. Ähnlich wie Herakles noch unter dem vergifteten Hemd von Deïaneira wird Qualen leiden müssen, ergeht es nun auch Chiron. Trotz seiner einmaligen Heilkünste vermochte er es nicht, die Wunde zu schließen. Nach langem Leiden wünscht er sich also lieber den Tod, als sich noch länger quälen zu müssen.

Das Problem dabei: Chiron ist unsterblich.

Hier tritt die zweite Prophezeiung in den Vordergrund, an der Herakles beteiligt ist. Sie galt dem Prometheus, der aus bekannten Gründen an den Kaukasus gefesselt worden ist. Hermes weissagt diesem, dass er erst von den Leiden würde befreit werden können, wenn ein Unsterblicher sein Leben für ihn ließe. Herakles sorgt dafür, dass Chiron von seinen Qualen befreit wird und Sterben kann, indem er Prometheus seine Unsterblichkeit überlässt.10

Kentauren Harry Potter
Photo: Celine Derikartz

Harry Potter und die Herde der Kentauren

So viel zu den Kentauren der griechischen Mythologie. Der Blick soll nun zu denen der Harry Potter-Reihe herüberschweifen, deren Schöpferin J. K. Rowling bekanntermaßen Altertumswissenschaften studiert hat und damit allein schon durch ihre Ausbildung mit antiken Phänomenen in Berührung kam.

Erst Ronan und Bane, dann Firenze

Der erste Kentaur, dem Harry Potter begegnet, ist nicht – wie man vielleicht annehmen mag – Firenze, der spätere Lehrer für Wahrsagen, sondern zunächst Ronan und direkt im Anschluss Bane. Diese legen ausgezeichnete Manieren an den Tag, schütteln Hagrid die Hand und fragen Harry und Hermine nach der Schule. Hagrid bezeichnet sie später als „tiefe Naturen“11, die zwar lieber unter sich bleiben, aber sehr bescheiden sind.

Mit ihrer Fähigkeit das Schicksal aus den Sternen zu lesen, wollen wir uns später noch beschäftigen. Später erscheint dann Firenze, ein Kentaur mit dem Körper eines Palominos, weißblondem Haar und blauen Augen. Er scheint zudem jünger zu sein als Bane und Ronan.

Firenzes Vergehen?

Firenze rettet Harry nicht nur vor Voldemort, und greift damit aktiv in das Geschehen zwischen den beiden Hauptcharakteren der Saga ein, sondern lässt Harry auch auf seinem Rücken reiten, um ihn zurück zu Hagrid zu bringen. Beides scheint für die andern Kentauren eigentlich ein Tabu zu sein. Der Transport eines Menschen auf dem Rücken und die damit einhergehende dienstliche Unterwerfung ist für sie nicht nur schambehaftet, sondern dadurch stellt sich der Kentaur auch auf ein Niveau mit gewöhnlichen Maultieren.

Darüber hinaus verübelt Bane Firenze auch die Einmischung in die Vorgänge zwischen Harry und Voldemort, da die Kentauren einen Eid geschworen hätten, sich „nicht gegen den Himmel zu stellen.“12. Harry präzisiert später, dass Bane demnach wohl dafür gewesen wäre, den Angriff Voldemorts (bzw. Quirrels) auf Harry einfach geschehen zu lassen. Dank der Einmischung des Kentauren Firenze, der, um den Menschen zu helfen, seinen Eid bricht, lebt Harry also weiter.

Antikenzeption

Stellt man dies nun in Relation zur antiken Mythologie gibt es einige Gemeinsamkeit, doch auch gravierende Unterschiede, denn die Kentauren in der Harry Potter-Saga können nicht 1:1 mit denen der antiken Erzählungen gleichgesetzt werden.

Chiron und Firenze scheinen sich ihn ihren Charakteristiken stark zu ähneln. Sie helfen den Menschen (Chiron durch seine Medizin und Lehrtätigkeit, Firenze durch die Verteidigung vor einem Angriff durch Voldemort und ebenfalls später auch als Lehrer), stehen damit jedoch der übrigen Kentaurenherde als Einzelgänger gegenüber. Dies soll sich bei Firenze später noch verstärken, da er sich im fünften Band entscheidet, für Dumbledore an der Schule zu unterrichten und sich damit erneut einem Menschen mit seinen Diensten unterwirft. Darüber hinaus verrät er die Weisheiten und Lehren der Kentauren an die Menschen, wofür er eigentlich sogar getötet werden sollte, da die übrigen dies als „Verrat an der Rasse“ sehen.13

Die schwierige Position der Kentauren

Hinsichtlich des Transports auf dem Rücken eines Kentauren (insbesondere gegen Bezahlung) sei an Nessos erinnert, der Deïaneira (bzw. Menschen allgemein) über einen flutenden Fluss bringt und sich dann auch noch an ihr vergehen möchte. Rowlings Kentauren versuchen sich von einem derartigen Verhalten und der Wildheit, mit der ihre mythologischen Vorgänger offensichtlich in Verbindung gebracht werden, klar zu distanzieren. Dass dies aus der Position der Kentauren nicht immer allzu einfach ist, zeigt sich in den veralteten Ansichten mancher Zauberer oder Hexen. Professor Umbridge beispielsweise bezeichnet die Kentauren als „Schmutzige Halbblüter! […] Viecher! Ungezähmte Tiere!“14.

Selbst das Zaubereiministerium blickt ähnlich auf sie herab, stellt es doch großzügigerweise den Kentauren ein Gebiet zur Verfügung, wo sie ungestört leben können und spricht ihnen gleichzeitig menschliche Intelligenz ab. Umbridge verwendet gegen Magorian, vermutlich der Anführer der Herde, einen Incarcerus-Fluch an, was ihre Wahrnehmung von Kentauren schon wortwörtlich ganz gut darstellt.

Professor Trelawney, die im fünften Band von Umbridge gefeuert wird, nicht aber des Hogwarts-Geländes verwiesen werden kann, wird von Firenze zunächst zeitweilig ersetzt und muss sich dann die Klassen mit Wahrsagen-Unterricht mit ihm teilen. Möglicherweise nur aus Eifersucht, doch auch sie beschimpft den Kentauren als Pferd und sieht es als Beleidigung, die Hogwartsschüler*innen mit ihm unterrichten zu müssen.15

Der Brunnen der magischen Geschwister

An dieser Stelle sei auch an den „Brunnen der magischen Geschwister“ erinnert, der in der Empfangshalle des Zaubereiministeriums steht. Er stellt nicht nur einen Zauberer und eine Hexe dar, sondern auch einen Hauself, einen Kobold und einen Kentauren. Letztere blicken die Menschen bewundernd an, ein weiteres Zeichen dafür, dass nicht-menschliche magische Wesen als minderwertige Kreaturen angesehen werden und keineswegs als gleichwertige ‚Geschwister‘. Beim Kampf von Voldemort und Dumbledore am Ende des fünften Bandes nach der Auseinandersetzung in der Mysteriumsabteilung wird der Brunnen durch Voldemort zerstört und nach der Übernahme des Zaubereiministeriums durch die Todesser durch keine bessere Darstellung ersetzt. Auffällig ist, dass Dumbledore die herabgebrochene Kentauren-Figur im Duell zu seinen Zwecken verhext und Voldemort angreifen lässt. Unter dem Zwang eines Menschen stellt sich also auch hier wieder ein Kentaur zwischen Voldemort und sein jeweiliges Gegenüber.

Voll von Hochmut?

Auch wenn sie sich selbst für hochintelligent und gebildet halten, könnte man der Kentaurenherde bei Harry Potter eine dezente Doppelmoral vorwerfen. Wer den „Harry Potter und der Orden des Phönix“-Film gesehen hat, wird sich sicherlich ganz gut an die Szene erinnern, in der Hermine (und Harry) Umbridge in den Wald führen unter dem Vorbehalt, dass dort Dumbledores von Schülerinnen und Schülern fertiggestellte Waffe versteckt wäre.

Stattdessen treffen sie auf die Kentauren, welche Umbridge angreifen, die sich mit Zaubersprüchen wehrt. Mit der Hilfe von Grawp können die Kentauren Umbridge ergreifen und wegtransportieren. Wie so oft, wurde an dieser Szene gegenüber der Erzählung im Buch didaktische Reduktion verübt: Im Film kontert Harry auf Umbridges Flehen, die Kentauren „zurückzupfeifen“, „Tut mir leid Professor, aber ich soll keine Lügen erzählen“16 und lässt sie – wie auf seinen Befehl – abführen.

Kentauren als stolze Kreaturen

Im Buch hingegen, nachdem Umbridge von den Kentauren fortgetragen worden ist, widmen sich die restlichen Kentauren Harry und Hermine und zwar keineswegs mit unbedingt guten Absichten. Generell lassen sie „junge Fohlen“ zwar unversehrt, doch in diesem Fall seien sie erstens schon recht erwachsen, zweitens hätten sie sich schuldig gemacht, indem sie die Kentauren-Verächterin Umbridge in den Wald gebracht hätten, so die beiden Kentauren, die Harry und Hermine festhalten.

Hermine gießt dann auch noch Öl ins Feuer, eigentlich, um sich zu verteidigen: „Wir sind nur hierher gekommen, weil wir gehofft haben, dass ihr sie [Umbridge] für uns vertreibt.“ Der erboste Kentaur erwidert Hermine: „Sie besitzen bereits den Hochmut ihrer Rasse!“, was eigentlich auch schon von einem höchst einseitigen Bild gegenüber den Menschen zeugt. Bestätigt wird dies durch die Worte des Kentauren, der Harry gepackt hat: „Den Menschen helfen wir nicht! […] Wir sind eine besondere Rasse und stolz darauf.“17 Damit legt er eigentlich den gleichen Hochmut an den Tag, der Hermine kurz zuvor noch vorgeworfen wird.

Bis zum Ende

Von Anfang bis Ende spielen die Kentauren eine Rolle in Harrys Leben. Am Anfang wird Harry vor der Begegnung mit Voldemort von Firenze im verbotenen Wald gerettet, am Ende wird selbiger auf der Seite der Zauberer und Hexen in der Schlacht um Hogwarts verletzt.18 Auch die übrigens Kentauren, die sich bis dahin aus der gesamten Kampfsituation zurückgehalten haben, ändern im letzten Moment, und zwar als der vermeintlich tote Harry von Hagrid zurück zur Schule getragen wird, ihre Einstellung. Sie verursachen einen Tumult wodurch Neville unbemerkt mit dem Schwert von Godric Gryffindor der Schlange Nagini – dem letzten offiziellen Horkrux – den Kopf abschlagen kann.

Vorbehalte und ein kompliziertes Miteinander

Die Kentaurenherde bei Harry Potter hat also zunächst wenig mit denen der griechischen Mythologie zu tun. Viel eher macht es den Eindruck, dass die Kentauren der Antike als ihre Vorfahren zu verstehen sind, von denen (bzw. von dessen Verhalten) sie sich zu distanzieren suchen.19 Dass diese Vorbehalte scheinbar tief in der Menschheit verankert und nur schwer aus der Welt zu schaffen sind, zeigen die Äußerungen und Beschimpfungen einiger Hexen wie auch einige vom Zaubereiministerium ausgehende Signale (Gesetz, Brunnen, zugewiesenes Gebiet).

Der Rassengedanke kommt also auch hier zum Ausdruck, wie er sich bereits durch die gesamte Harry Potter Reihe zieht. Dieser tritt in der griechischen Mythologie hingegen eher seltener auf, werden doch die Kentauren z. B. auch zu Hochzeiten eingeladen. Die Abneigung der Menschen gegenüber den Kentauren entsteht hier vielmehr aus deren Verhalten und nicht aufgrund ihrer Andersartigkeit oder Rasse. Stattdessen führen versuchte Entführungen, Vergewaltigungen und Vergiftung zu einer ablehnenden Haltung der Menschen ihnen gegenüber. In beiden Bereichen ist die Regel geprägt von der Ausnahme. Firenze und Chiron dienen den Menschen als Mentoren, wodurch sie sich deutlich von „den anderen“ abheben.

Harry Potter Kentauren
Photo: Michael Kleu

Anhang: Wahrsagerei und Heilkunst

Dass die Kentauren bei Harry Potter in der Wahrsagerei, genauer der Astrologie, sehr bewandert sind, zeigt sich bereits im ersten Teil. Aus den Sternen lesen sie von zwei Kriegen, einer, der bereits in der Vergangenheit läge und ein anderer, der den Menschen noch bevorstünde. Die Zaubererwelt befände sich also eigentlich gerade nur in einer Pause zwischen zwei Kriegen. An dem kommenden Gefecht wollen sie sich zudem unter keinen Umständen beteiligen oder einmischen. Schlussendlich sind die Kentauren dann aber doch von Anfang bis Ende involviert und bestätigen damit die These des abtrünnigen Firenze, dass auch Kentauren mal bei der Deutung der Sterne falsch liegen könnten.

Besonders der Planet Mars spielt dabei immer wieder eine zentrale Rolle. Die Position des nach dem römischen Kriegsgott bezeichneten Planeten fasziniert die Kentauren und scheint sie schon fast in Trance zu versetzen, sodass sie Hagrid gar nicht mehr richtig antworten können.
Bereits in der antiken Astronomie gab es das Sternbild des Kentauren (Centaurus). Es soll speziell Chiron darstellen, der auf diesem Weg doch noch von Zeus unsterblich gemacht wurde.20

Dass Chiron Kenntnisse der Astronomie bzw. Astrologie besessen haben soll, findet sich immer wieder in der Forschungsliteratur, lässt sich aber nicht mit einschlägigen Quellen belegen. Dafür brachte er seinen Schützlingen andere, wichtige Fähigkeiten bei, die im Altertum sehr angesehen waren. Hierzu zählt die Heilkunst, die er dem späteren Heilgott Asklepios beibringt und dessen Sohn Machaon in Homers Ilias eine Wunde des Menelaos heilt. Die Kräuter hierzu stammen von Chiron selbst.21

Mehr zum Thema Kentauren erfahrt Ihr in unserem Einführungstext zu Kentauren in der griechisch-römischen Mythologie und in der Fantasy.

Anmerkungen

  1. Im Altgriechischen beginnt das Wort mit dem Buchstaben Kappa.
  2. Apollodor I, 9.
  3. Apollodor Epitome E 20.
  4. Apollodor III, 106.
  5. Euripides Der Wahnsinn des Herakles 364-367.
  6. Sophokles Trachinierinnen 1095f.
  7. Apollodor III, 163.
  8. Homer Odyssee XXI, 293-304 und Apollodor Z 21.
  9. Sophokles Die Trachinierinnen, 1160f.
  10. Aischylos Der gefesselte Prometheus 1026-1029.
  11. Harry Potter V, 277.
  12. Harry Potter I, 280.
  13. Harry Potter V, Zitat 706, vgl. 702 u. 820.
  14. Harry Potter V, 886.
  15. Harry Potter VI, 320 u. 548.
  16. Harry Potter und der Orden des Phönix, Warner Bros. 2007, Regie David Yates, 1:44:00 h.
  17. Harry Potter V, 888.
  18. Harry Potter VII, 754.
  19. J. K. Rowling, Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind von Newt Scamander, Hamburg 2017, 80f.
  20. David H. Levy, Sternenkunde. Verstehen. Beobachten. Erleben, Bindlach 2004, 152.
  21. Homer Ilias IV, 219.

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