Von Oidipus über „Star Wars“ bis „The Haunting of Hill House“ – Orakel und sich selbst erfüllende Prophezeiungen in Antike und Phantastik

Das Orakel von Delphi war längst nicht das einzige Orakel in der griechischen Welt, aber sicherlich eines der bedeutendsten. Andere Orakel waren z.B. Olympia, Dodona, Didyma oder das Orakel von Siwa in Ägypten. Delphi war dem Gott Apollon geweiht, wobei sich Spuren eines dortigen Apollon-Kultes ab dem 8. Jh. v.Chr. nachweisen lassen. Ab dem 7. Jh. v.Chr. sind auch Bauwerke archäologisch belegt. Die Weissagungen wurden von einer Priesterin des Apollon getätigt, die Pythia genannt wurde, wobei es möglich ist, dass zu Blütezeiten bis zu drei solcher Priesterinnen gleichzeitig tätig waren. Um einen Orakelspruch zu erhalten, mussten zunächst diverse Opfer durchgeführt und eine Gebühr entrichtet werden. Wie die Weissagung als solche ablief, ist ziemlich umstritten, doch sind zahlreiche Sprüche überliefert, die teilweise als erfunden, teilweise aber auch als historisch zu betrachten sind. Eine schöne Sammlung der berühmtesten Weissagungen findet sich in der Wikipedia. Delphi war als Orakelstätte von großer religiöser Bedeutung, doch wurden an diesem Dreh- und Angelpunkt („Nabel der Welt“) auch politische Fakten geschaffen. Während der Zeit der griechischen Kolonisation (8.-7. Jh. v.Chr.) erhielten Auswanderungswillige hier scheinbar Informationen über geeignete Orte für Koloniegründungen, während uns der ein oder andere Fall bekannt ist, bei dem Politiker mit Geld dafür gesorgt haben sollen, dass das Orakel das gewünschte Ergebnis liefert.

Tholos im Heiligtum der Athena Pronaia in Delphi (Photo: Thomas Wydra aka Mr.checker) (CC BY-SA 3.0)

Das Orakelsprüche aus Delphi manchmal mit Vorsicht zu genießen waren, kann wohl niemand besser bezeugen als der berühmte Lyderkönig Kroisos (etwa 560-547 v.Chr.), der sich aufgrund seines sprichwörtlich gewordenen Reichtums auch heute noch einer gewissen Bekanntheit erfreut. Denn König Kroisos hatte ein Auge auf das benachbarte Meder- bzw. Perserreich geworfen, das er gerne seinem Herrschaftsbereich hinzufügen wollte. Nun zettelt man als kluger König aber natürlich nicht unbedacht irgendwelche Kriege an, sondern fragt lieber zuerst einmal im fernen Griechenland das Orakel von Delphi, was es denn von dieser Idee halte. Bekanntlich antwortete die Pythia, dass Kroisos ein großes Reich vernichten werde, wenn er den Krieg wagen würde. Das war natürlich genau das, was Kroisos hören wollte, weshalb schon bald die Hunde des Krieges entfesselt wurden. Doch hatte der Lyderkönig wohl etwas voreilig gehandelt, gab das delphische Orakel doch gerne Antworten, die so formuliert waren, dass es möglichst bei allen Eventualitäten Recht behielt. Denn Kroisos verlor den Krieg, wodurch sein Reich von nun an dem persischen König Kyros gehörte, dem er selbst fortan als geschätzter Berater diente. Indem er den Krieg gewagt hatte, hatte er also nicht das seiner Feinde, sondern sein eigenes Reich zerstört.[1]

Natürlich geschah es Kroisos in dieser – wohl im Nachhinein erfundenen – Geschichte ganz recht, da er in seiner Überheblichkeit davon ausgegangen ist, dass die unpräzise Aussage des Orakels sicherlich zu seinen Gunsten gemeint sein müsse.[2] Wesentlich bitterer hat es da König Oidipus getroffen, der ebenfalls Bekanntschaft mit dem Orakel von Delphi machte. Denn dessen Vater Laios, der der König von Theben war, war aufgrund einer früheren Freveltat verflucht, was er jedoch nicht wusste. Als er wegen Kinderlosigkeit das Orakel um Rat fragte, erfuhr er von dem Fluch und erhielt die Prophezeiung, dass – wenn er doch einen Sohn zeugen sollte – dieser ihn später töten und dann seine eigene Mutter heiraten werde. Als Laios dann tatsächlich Vater eines Sohnes wurde, ließ er diesem die Füße durchstechen – daher auch der Name, denn Oidipus bedeutet so viel wie „Schwellfuß“ – und aussetzen. Doch der Hirte, der diesen Auftrag ausführen sollte, brachte dies nicht über sein Herz und übergab Oidipus stattdessen einem anderen Hirten, über den das Kind dann zum König von Korinth gelangte, der es schließlich adoptierte.[3] Jahre später kam Oidipus der Verdacht, nicht der leibliche Sohn seiner Eltern zu sein, weshalb er seinerseits das Orakel von Delphi aufsuchte, wo er erfuhr, dass er seinen Vater töten und seine Mutter ehelichen werde. Selbstverständlich wollte Oidipus dies um jeden Preis verhindern, weshalb er nicht nach Korinth zurückkehrte. Auf der Reise geriet er in Streit mit einem anderen Reisenden, den er im Rahmen der Auseinandersetzung erschlug. Schließlich erreichte er Theben und befreite die Stadt von der Sphinx, woraufhin er Iokaste, die kürzlich verwitwete Königin der Stadt, zur Frau erhielt. Es folgten glückliche Jahre und vier gemeinsame Kinder – u.a. Antigone, nach der das Stück des Sophokles benannt ist -, bis schließlich eine Seuche ausbrach. Um der Seuche Herr zu werden, befragte Oidipus erneut das Orakel von Delphi, das verkündete, dass hierzu der Mörder des vorherigen Königs, also Laios, ausfindig gemacht werden müsse. Mit Schrecken fand Oidipus dann nicht nur heraus, dass Laios der Mann war, den er damals auf seiner Reise erschlagen hatte, sondern auch, dass dieser sein Vater war. Angesichts dieser Enthüllung nahm sich Iokaste das Leben, während sich Oidipus selbst blendete. Den gemeinsamen Kindern sollte es nicht viel besser ergehen, doch ist das eine andere Geschichte, die Ihr bei Sophokles nachlesen könnt.

Oidipus löst das Rätsel der Sphinx, 450-440 BC, Altes Museum Berlin,

CC BY-SA 2.0

Das Tragische an der Geschichte des Oidipus ist, dass sowohl er als auch sein Vater Laios mit allen Mitteln versuchen, ihre jeweiligen Prophezeiungen nicht wahr werden zu lassen, aber eben genau dadurch etwas unternehmen, das dann eben doch zur Erfüllung des Orakelspruchs führt. Hätte Laios seinen Sohn nicht aus Angst davor, von ihm ermordet zu werden, ausgesetzt, hätte dieser ihn später nicht „versehentlich“ erschlagen können. Hätte Oidipus hingegen nicht aus Angst davor, seinen Vater zu töten und seine Mutter zu ehelichen, Korinth verlassen, wäre ihm unterwegs auch nicht Iolaos über den Weg gelaufen. Somit haben wir hier eine sich selbsterfüllende Prophezeiung (self-fullfilling prophecy) par exellence vorliegen. Indem die Prophezeiungen ausgesprochen wurden, wird das Fundament für ihre jeweilige Erfüllung gelegt. (Spannend ist natürlich die Frage, ob es nicht auf anderen Wegen zum selben Resultat geführt hätte, wenn Laios seinen Sohn nicht ausgesetzt oder dieser Korinth nicht verlassen hätte. Kann man seinem Schicksal letztlich wirklich entkommen?)[4] Da Oidipus jedenfalls völlig unwissentlich seinen Vater tötet und seine Mutter ehelicht, hat Sigmund Freud ihm meiner Meinung nach ein wenig Unrecht getan, als er er den Ödipuskomplex nach ihm benannte.

Solche Elemente sind natürlich zu schön, um sie nicht in der Phantastik zu verwenden. So gibt es einerseits klassische Prophezeiungen wie z.B. in „Willow“ (1988), Orakel wie die Allwissende Müllhalde in „Fraggle Rock“ (Die Fraggles, 1983-1987) oder das Orakel in den „Matrix“-Filmen (1999-2003), andererseits aber auch richtig schöne sich selbsterfüllende Prophezeiungen, für die ich mir jetzt mal zwei besonders prägnante Beispiele rauspicke.

In „Star Wars: Episode III – Revenge of the Sith“ wird der junge Jedi Anakin Skywalker von Träumen geplagt, in denen seine schwangere Frau Padmé im Sterben liegt. Um dies zu verhindern, lässt er sich von Kanzler Palpatine/Darth Sidious zur dunklen Seite der Macht verführen, mit Hilfe derer sich Anakin erhofft, den Tod besiegen zu können. So lässt er sich im Auftrag des Darth Sidious auf furchtbare Verbrechen wie die Ermordung der Jünglinge im Jedi-Tempel ein, die wiederum dazu führen, dass Padmé nach der anstrengenden Geburt ihrer Zwillinge Leia und Luke völlig von ihrem Lebenswillen verlassen ist und schließlich stirbt. Indem Anakin also den Tod seiner Frau zu verhindern suchte, löste er genau die Ereignisse aus, die schließlich zu dem führten, was er in seinen Träumen vorhergesehen hatte.

In der Serie „The Haunting of Hill House“ (Spuk in Hill House, 2018) hat Familienmutter Olivia eine Vision, in der sie sich in einer Leichenhalle befindet. Hier sieht sie ihre Zwillinge Nell und Luke, die zu diesem Zeitpunkt eigentlich noch kleine Kinder sind, als Erwachsene im Alter um die 30. Während Nell tot auf einem Tisch liegt, auf dem ihr Körper für Bestattung und Leichenschau vorbereitet wurde, liegt Luke – scheinbar – leblos mit weißem Schaum vor dem Mund auf dem Boden. Diese Vision trägt dazu bei, dass Olivia sich vom Geist einer verstorbenen Frau einreden lässt, dass sie ihre Kinder töten muss, um sie vor den schrecklichen Gefahren außerhalb des Hill House schützen zu können, was damit zusammenhängt, dass die Geister der im Haus verstorbenen Personen dauerhaft vor Ort bleiben. Es erübrigt sich wohl zu sagen, dass Olivia durch ihre darauffolgenden Handlungen genau die Ereignisse auslöst, die sie in ihrer Vision gesehen hat.

Welche sich selbst erfüllende Prophezeiungen gibt es noch in der Phantastik? Fallen Euch weitere ein?

[1] Hdt. 1,53,3; Aristot. rhet. 1407a; Cic. div. 2, 56 u. 156. Das Orakel hätte natürlich Pech gehabt, wenn der Krieg unentschieden ausgegangen wäre.

[2] Herodot geht in seinem Werk davon aus, dass zu viel Glück und Erfolg irgendwann zwangsläufig den Neid der Götter erwecken und daher zu einem schlechten Ende führen würden. Kroisos erwischt es diesbezüglich besonders hart, da er sich auch noch der Hybris (Überheblichkeit, Anmaßung) schuldig macht.

[3] Dies erinnert ein wenig an den Jäger bei Schneewittchen.

[4] Die Zeugnisse für die oben geschilderten Erzählungen sind äußerst umfangreich. Vgl. für eine schöne Aufführung der wichtigsten Quellen A. Henrichs: Art. Oidipus, in: DNP.

 

Literatur:

Artikel „Delphoi“, „Kroisos“, Oidipus“ und „Pythia“ aus „Der Neue Pauly – Enzyklopädie der Antike“

 

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