Vom Gott des Todes zum Titanen des Terrors: Marvels Thanos und die griechische Mythologie.

Marvels Thanos ist nicht nur ein großartiger Gegenspieler der Avengers, sondern weist darĂŒber hinaus auch eine spannende Antikenrezeption auf, wie wir im Folgenden sehen werden.

Die Entstehungsgeschichte des Thanos

Zehn Jahre lang hat das Marvel Cinematic Universe (MCU) unterschwellig auf den großen Kampf dieses Charakters vorbereitet und in 18 Filmen durfte er seine BrotkrĂŒmel auslegen, ehe er in Avengers: Infinity War 2018 seinen bisher grĂ¶ĂŸten Handlungsstrang erhielt: Thanos, der Mad Titan des Marvel Universums. Ob Masterlord, Overmaster oder Thanos Rex; jeder dieser Übernamen gilt als literarische Beschreibung eines der bösesten und bedrohlichsten Schurken, die im Marvel-Verlag bisher erschienen sind. Seinen ersten Auftritt hatte der vom Saturnmond Titan stammende Thanos im Comic-Heft Iron Man #55 aus dem Jahr 1973. Nachdem Marvel in den darauffolgenden Jahren große Begeisterung fĂŒr die Figur geerntet hatte, entschlossen sich die Thanos-Schöpfer Jim Starlin und Mike Friedrich 1990 dazu, ihm eine Origin-Story in der Ausgabe #37 des Silver Surfers zu verpassen.

Thanos stammt von den Eternals ab, einer unsterblichen menschlichen Rasse („Homo immortalis“) mit außergewöhnlichen KrĂ€ften. Im Laufe der Jahre spalteten sich die Eternals in zwei Fraktionen: Eine friedliebende Gemeinschaft angefĂŒhrt von Thanos‘ Großvater Kronos und eine kriegerische Fraktion unter dem Kommando von Kronos‘ Bruder Uranos, der die Eternals nach einem langen BĂŒrgerkrieg aufteilte und die Widersacher ins All verbannte. Viel deutlicher kann man BezĂŒge zur griechischen Mythologie, in der Kronos seinen Vater Uranos stĂŒrzte, um dann selbst von seinem Sohn Zeus besiegt zu werden, kaum einfließen lassen. Im Gegensatz zu seinem Bruder Eros (altgriechisch „Liebe“), der als Eternal zur Welt kam, wird Thanos jedenfalls mit dem Deviant Syndrom geboren, was ihn zu einer missgebildeten Form der Eternals macht. Er besitzt ĂŒbermenschliche Intelligenz und StĂ€rke, ist nahezu unverwundbar und kann Energie kontrollieren und manipulieren. Neben seinen ĂŒbermenschlichen FĂ€higkeiten liebt er den Tod und das nicht nur im ĂŒbertragenden Sinn: In seiner Jugend ist Thanos schwer verliebt in eine Frau, die er auf seinem Heimatmond Titan trifft. Er zerstört unzĂ€hlige Welten, nur um sie zu beeindrucken. Die Frau entpuppt sich als die Figur Lady Death, die literarische Personifizierung des Todes; fĂŒr sie sammelt er die Infinity-Steine, um ganze Galaxien auszulöschen.

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Photo: Tim Korylec
Die antiken UrsprĂŒnge der Figur Thanos

WĂ€hrend der heutige mĂ€nnliche Vorname Thanos auf die altgriechische Ausgabe des Athanasios (latinisiert Athanasius) zurĂŒckzufĂŒhren ist und „der Unsterbliche“ bedeutet, entstammt der Name der Comicfigur der griechischen Personifizierung des Todes, Thanatos. Dieser symbolisiert einen Daimon in der griechischen Mythologie, sein römisches Abbild ist Mors (oder auch Letus). In Hesiods Theogonie ist Thanatos der Sohn von Nyx, der griechischen Göttin der Nacht. WĂ€hrend sein Bruder Hypnos, Gott des Schlafes, seine StreifzĂŒge ĂŒber Erde und Meer unternimmt und als friedlich und freundlich beschrieben wird, hat Thanatos einen „erbarmungslosen Sinn“ und gibt einen Menschen nicht mehr frei. In Homers Ilias wird er als Gestalt mit schwarzen FlĂŒgeln und finsterem Blick dargestellt, der den Sterbenden immer eine Locke abschneidet.

Antike und Comic – Ein Vergleich

Thanos ist demnach im Wesentlichen die Personifizierung eines „dunklen Gottes“, sowohl in den Comics als auch in den Film-Adaptionen. Er stammt von einer Rasse ab, die weitaus mĂ€chtiger und langlebiger ist als gewöhnliche Menschen, jedoch ist sein Ursprung nicht auf der Erde, obwohl er menschliche ZĂŒge besitzt. Er ist die literarische Symbolisierung eines höheren Wesens, das von genetisch modifizierten Menschen abstammt und aus dem Weltraum kommt. In der Marvel-Historie lĂ€sst sich dieses Muster bei mehreren Figuren nachweisen. Denn es ist ein immer wiederkehrendes Muster im Marvel-Universum, dass Göttergeschlechter, die wir aus der Menschheitsgeschichte kennen, im Comic als Außerirdische mit besonderen KrĂ€ften dargestellt werden, sodass die Asgardianer beispielsweise die nordischen Götter und die Olympier deren hellenisches Pendant symbolisieren. Sie alle haben leicht unterschiedliche UrsprĂŒnge und reprĂ€sentieren verschiedene Zivilisationen. In unserer RealitĂ€t wurden sie von den Menschen als kaum greifbare Götter verehrt, im Marvel-Universum existieren sie tatsĂ€chlich.

Dem Mythos zufolge gab es nur zwei „Menschen“, die Thanatos ĂŒberlisten konnten: Herakles – der natĂŒrlich ein Halbgott ist – im Ringkampf und Sisyphos durch eine List. In den Comics sind es Drax der Zerstörer und Adam Warlock, die Thanos letztendlich ĂŒberwĂ€ltigen. Es ist zudem kein Zufall, dass Thanos‘ Bruder in den Marvel-Comics Eros heißt: Sigmund Freud beschrieb in seiner Psychoanalyse Thanatos als Todestrieb und erweiterte die Vorstellung vom dialektischen Gegensatzpaar Thanatos-Eros, nachdem die Begriffe durch den österreichischen Psychoanalytiker Ernst Federn eingefĂŒhrt worden waren. Nach dessen Theorien ist das menschliche Seelenleben von einem stĂ€ndigen Liebes- und Todestrieb geprĂ€gt, die beide gleichsam versuchen sich einen Zutritt zum Bewusstsein zu verschaffen. Mit anderen Worten: In jedem Menschen steckt ein Thanos und ein Eros.

4 Kommentare zu „Vom Gott des Todes zum Titanen des Terrors: Marvels Thanos und die griechische Mythologie.

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  1. „Denn es ist ein immer wiederkehrendes Muster im Marvel-Universum, dass Göttergeschlechter, die wir aus der Menschheitsgeschichte kennen, im Comic als Außerirdische mit besonderen KrĂ€ften dargestellt werden, sodass die Asgardianer beispielsweise die nordischen Götter und die Olympier deren hellenisches Pendant symbolisieren. Sie alle haben leicht unterschiedliche UrsprĂŒnge und reprĂ€sentieren verschiedene Zivilisationen. In unserer RealitĂ€t wurden sie von den Menschen als kaum greifbare Götter verehrt, im Marvel-Universum existieren sie tatsĂ€chlich.“

    Sehr interessante Schlussfolgerung. Es gibt eine Onkel Dagobert-Geschichte von Carl Barks, die genau diesem Muster folgt. Dort leben Thor, Jupiter und co alle auf einem Planeten, der einmal zu nah an die Erde gelangt ist. Seitdem verehren die Menschen in Entenhausen und dem Rest der Welt. diese „Wesen“ als Götter.

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