Der Minotauros: Interpretationen in Pathfinder und DnD

“Einkerkerung beginnt im eigenen Kopf.”
Dogma Baphomets, Lord der Minotauren
(Pathfinder)

Seit 1974 sind Minotauren Teil von Dungeons&Dragons und bekleiden, wie der 1982 dazu gekommene Dämonenlord Baphomet[1], die B-Riege der gängigen Monster. So auch im C-RPG Pathfinder: Wrath of the Righteous, basierend auf dem gleichnamigen Pen&Paper Abenteuerpfad.

Einordnung in die griechische Mythologie

Die griechischen Sagen berichten, wie Zeus sich in einen besonders prächtigen Stier verwandelt, um die schönen Prinzessin Europa zu verführen. Weil seine Frau Hera sehr eifersüchtig ist, will er verhindern, dass sie etwas davon bemerkt. Als Europa sich auf den Rücken des Stiers setzte, entführte dieser sie nach Kreta. Dort gibt Zeus sich zu erkennen und die beiden haben drei Söhne miteinander[2] – alle in normal humanoider Gestalt, möchte man anfügen. Später heiratet Europa den König von Kreta, der selbst kinderlos ist und ihre mit Zeus gezeugten Söhne adoptiert.

Nun streiten die Brüder aber, wer nach ihrem Stiefvater König von Kreta werden soll. Minos, einer der drei, bittet seinen Onkel Poseidon um Hilfe. Er verspricht, was immer aus dem Meer steigen würde, Poseidon zum Dank für dessen Hilfe zu opfern. Gesagt, aber nicht getan. Aus dem Meer steigt ein prächtiger Stier, Minos wird König von Kreta, aber statt sein Wort zu halten, behält er den Stier und opfert Poseidon ein minderwertiges Rind.

Dieser bemerkt den Betrug und rächte sich, indem er Minos‘ Ehefrau mit sexuellem Verlangen nach dem Stier schlägt. Deshalb lässt die Königin sich von dem Erfinder Daidalos ein Gestell bauen und vereint sich so mit dem Stier. Das Kind dieser ‚Liebschaft‘ ist ein menschenfressendes Ungeheuer mit menschlichem Körper und Stierkopf, der Minotauros.[3]

König Minos beauftragt daraufhin denselben Daidalos mit dem Bau des berühmten Labyrinths, in welchem der Minotauros fortan haust.[4] Außerdem schickt Minos nun in jedem 9.Jahr ein Schiff nach Athen, um dort sieben Mädchen und sieben Knaben als Futter für den Minotauros abholen zu lassen. So gelangt schließlich der Held Theseus nach Kreta, wo er mit Hilfe von Minos‘ Tochter Ariadne und dem von ihr geschenkten Garn seinen Weg durch das Labyrinth finden und den Minotauros erschlagen kann.[5]

Minotauren in D&D

Je nach Edition und Setting unterscheiden sich in Dungeons&Dragons (D&D) die Legenden über den Ursprung der Minotauren. Ja, hier gibt es mehr als einen. Die Minotauren treten in D&D als ‚Gruppe‘ auf, obwohl sie (noch) keine eigene Spezies sind. Mal erscheinen sie als verfluchte Menschen, die zur Strafe für eine Tat „wider die Natur“ – zB. Sodomie oder Kannibalismus – mit ihrer monströsen Erscheinung bestraft wurden.[6] Ein anderes Mal ist nicht klar, ob sie zuerst Menschen oder zuerst Stiere waren, die als das jeweils andere leben wollten. Schließlich entwickeln sie sich über die Editionen zu einer eigenen Spezies wie Orks oder Elfen.

In den Grundzügen ähnlich bleibt aber ihr jeweiliges körperliches Erscheinungsbild. Das ist nah an der griechischen Sage orientiert und beschreibt große, muskulöse (zumeist männliche) Humanoide mit Stierschädeln, die tödliche Hörner tragen und in der Regel stark behaart sind. Auch leben Minotauren bevorzugt in labyrinthartigen Höhlen[7] oder Ruinen vergangener Zivilisationen. Gegen den Zauberspruch Irrgarten/Labyrinth (engl. maze), der sein Opfer in unbezwingbares Labyrinth teleportiert, sind sie grundsätzlich immun.

3 verschiedene Minotauren aus unterschiedlichen D&D-Editionen
von links nach rechts: ein wilder Minotauros, ein gewöhnlicher Minotauros und ein junger Minotauros. Photo: Janine Schmitz

Der Minotauren-Dämonenlord Baphomet

Ursprünglich seit 1982 haben die Minotauren in der D&D-Kampagnenwelt Greyhawk einen dunklen Patron, eine Art Demi-Gott, zu dem sie beten. Dieser ist dem Bösen und dem Chaos zugeordnet und wird der Gehörnte Lord, der Prinz der Bestien oder einfach Baphomet genannt.[8]

Beschrieben wird er 1982 zunächst mit der Statur eines stierköpfigen Ogers, der etwa 3,7 Meter groß gewachsen ist. Er sei hoch intelligent (engl. genius), verteile Rammstöße und Bisse im Nahkampf und führe eine Bardiche (eine langstielige Streitaxt mit halbmondförmigem Axtblatt).[9]

Zwei Minotauren im Spiel Pathfinder: Wrath of the Righteous
Zwei halb-dämonische Minotauren; Gegner in Pathfinder: Wrath of the Righteous

Seine Existenz beginnt als sterbliches Wesen. Ob er aber ein Biest war, das als Mensch lebte oder ein Mensch, der als Biest lebte, bleibt dabei offen. Immer soll er arrogant und hochmütig gegen die Götter gewesen und deswegen von ihnen in den Abyss, die chaotisch-böse Unterwelt in den meisten Kampagnenwelten von D&D und später auf Pathfinder[10], verbannt worden sein. In einer anderen Version soll er dagegen ein Gott gewesen sein und die dunkle Seite der Natur verkörpert haben, bevor er nach einem verlorenen Kampf freiwillig in den Abyss stieg. So oder so herrscht er dort nun über eine Ebene, die ein endloses Labyrinth darstellt. Dieses hat Zugänge zu jedem anderen existenten Labyrinth. Deswegen verirren sich auch immer wieder Unglückliche dorthin. Neben ‚gewöhnlichen‘ Minotauren bevölkern verschiedene huftierartige Monster und andere Anhänger Baphomets das Labyrinth und jagen jene, die sich verirrt haben.

Tempelritter, Baphomet und Éliphas Lévi

Der Name Baphomet steht in enger Verbindung mit den Tempelrittern. Er soll den Götzen bezeichnen, den der Orden insgeheim angebetet habe. Obwohl es Uneinigkeit über den Ursprung des Namens gibt[11], führt Malcolm Barber ihn überzeugend auf eine alt-französische Verzerrung von Mohammed zurück.[13]

Berühmt wurde der Name Baphomet im 19.Jh. durch Éliphas Lévi.  Er hat das berühmte Bild des angeblich von den Templern angebeteten Baphomet gezeichnet. Lévi war Okkultist, verfasste mehrere Bücher über das Okkulte und trat als Zeremonien-Magier auf. Seine Vorstellungen finden sich auch in der Erklärung seiner Baphomet-Interpretation, die er als „pantheistisches und magisches Bild des Absoluten“[14] bezeichnet.

„Der Kopf des Bockes ist ein synthetischer Kopf und vereinigt Eigenschaften des Hundes, Stieres und Esels und bedeutet die Verantwortlichkeit der Materie allein, und in den Körpern die Sühne für körperliche Sünden. Die Hände sind menschlich, […] sie machen nach oben wie unten das Zeichen der Esoterik […] um die Beziehung des Guten zum Bösen und der Barmherzigkeit zur Gerechtigkeit zu erklären. […] Der Bock hat weibliche Brüste und trägt also von der Menschheit nur die Zeichen der Mutterschaft und Arbeit, d.h. die Zeichen der Erlösung.“[15] 

Diese Passage zeigt, wie verwoben Lévis Baphomet-Idee mit der Esoterik und dem Mystizismus sind. Gleichzeitig sind sie konträr zum mittelalterlichen Christentum. Weiterhin stehen sie in Kontrast zum überlieferten (und höchst wahrscheinlich unwahren) Geständnis des Tempelritters Johnannes de Turno. Dort geht es vor allem um die Verunglimpfung des christlichen Glaubens und homoerotische Handlungen.[16] Über 40 solcher Protokolle von verschiedenen Tempelrittern sind erhalten,[17] aber in keinem wird ein ziegenköpfiger Götze erwähnt, von dem Lévi inspiriert worden sein könnte. Höchstwahrscheinlich hat er sich das Bild schlicht ausgedacht.

Baphomet in Pathfinder

Umso interessanter ist, dass sich die 2-geteilte Figur des ursprünglichen Baphomets der Kampagnenwelt Greyhawk– halb Minotauros, halb esoterischer Götze – im aus Dungeons&Dragon entsprungenen Pathfinder zu beiden Seiten noch verstärkt. Zum einen übernimmt Pathfinder nahezu vollständig die bildliche Darstellung Lévis. Zum anderen zeigt sein Hintergrund die bisher stärkste Anlehnung an die griechische Sage.

Denn hier wird Baphomet als Resultat einer nicht erklärten Einmischung der 3-äugigen Schakalgottheit Lamashtu, der Mutter aller Monster, auf der Insel Iblydos geboren. Die Insel ist der Ursprung vieler berühmter Monster, zB. der Medusa, der Hydra, den Harpyien, Chimeren und Zentauren.[18] Bereits zu Lebzeiten zeugt Baphomet zahllose weitere Minotauren und macht sich auf, die umliegenden Lande zu terrorisieren. Das Menschenfressen ist damals bereits Teil des Kultes. Diese Variante wirkt wie eine alternative Version der griechischen Sage. Etwa wenn Theseus gar nicht oder erst viel später nach Kreta gekommen wäre oder den Kampf verloren hätte.

Nach Baphomets ebenfalls nicht erklärtem Tod, ermöglicht Lamashtu seinen Aufstieg zu einem Dämon. Um sie zu beeindrucken, versucht Baphomet den Höllenkönig Asmodeus zu bestehlen, was allerdings fehlschlägt. Asmodeus ist ein geschickter und überaus kluger Baumeister. Deshalb erschafft er zur Strafe ein ewig im Wandel begriffenes Labyrinth, in dem Baphomet für immer herum irren soll – wir erinnern uns an Daidalos, den Erfinder. Aber auf den Tag genau zehn Jahre später, löst Baphomet das Labyrinth und nimmt es als sein Reich mit in den Abyss. Im Herzen des Labyrinths existiert eine Schatzkammer und dort ruht unter anderem eine Spindel mit Garn, die Baphomet teurer ist als jeder andere Schatz. Nur er selbst weiß weshalb, aber wir denken natürlich an Ariadnes Faden.[19]

eine Darstellung des Minotauren-Dämonen-Lords Baphomet aus dem Spiel Pathfinder: Wrath of the Righteous.
Baphomet (Pathfinder®: Wrath of the Righteous)

Fazit

Baphomet begann als eine vage an zwei Sagenkreise angelehnte Figur. Von Beginn an verband er den antiken Minotauros mit den Tempelrittern. Warum diese Verbindung, wurde nie erklärt. Aber im Lauf der Jahre wurde die Ausgestaltung insbesondere im Bildmaterial und auch im Hintergrund der beiden Einflüsse immer stärker. Baphomet sieht in der aktuellen Pathfinder-Edition mehr denn je aus wie Lévis Zeichnung und immer weniger wie ein ‚klassischer‘ Minotauros. Diesem Trend folgt auch die von der Spielwelt Forgotten Realms ausgehende 5. Edition von D&D, obwohl er dort weiter entmenschlicht und deutlich monströser dargestellt wird, vielleicht, weil auch sein Hintergrund hier mehr zu einer dunklen Naturgottheit hin und von der griechischen Sagenvorlage weg tendiert. Der Pathfinder-Baphomet dagegen greift großzügiger als alle Vorgänger auf die Sage zurück und behält viele ikonische Merkmale leicht abgewandelt bei.

Wenn Ihr Euch jetzt fragt, wo Labyrinthe noch so in der Fantastik auftauchen, könnt ihr hier weiterlesen – wenn Euch dagegen der Faden der klugen Ariadne interessiert, schaut doch hier mal rein.

Anmerkungen

1https://dnd.wizards.com/articles/features/baphomet-prince-beasts

2H.W. Stoll: Sagen des klassischen Altertums, Magnus Verlag, S.35ff.; Árpád Szabó: Das Goldene Vlies, Corvina Verlag, 1971, S.251-255.

3The Aeneid of Virgil, as translated by John Dryden, http://classics.mit.edu/Virgil/aeneid.6.vi.html (abgerufen 29.09.2021)

4Hugh Chisholm: „Minotaur“. Encyclopædia Britannica (11th ed.). Cambridge University Press.

5H.W. Stoll: Sagen des klassischen Altertums, Magnus Verlag, S.116-120.; Árpád Szabó: Das Goldene Vlies, Corvina Verlag, 1971, S.212-223.

6https://ghwiki.greyparticle.com/index.php/Minotaur (abgerufen 29.09.2021).

7Paul Barclay: D&D Monster-Handbuch v3.5: Grundregeln 3, Feder & Schwert [Hg.], 2.Aufl. Edition, 2004.

8Vgl. https://dnd.wizards.com/articles/features/baphomet-prince-beasts (abgerufen 02.10.2021).

9Anthony Gerard (December 1986). “The Ecology of the Minotaur”. In Roger E. Moore ed. Dragon #116 (TSR, Inc.), pp. 33–35.

10D&D agiert mit Gesinnungsachsen, die 9 mögliche Kombinationen enthalten. Diese Achsen reichen gitterartig von Gut über Neutral nach Böse und zusätzlich von Rechtschaffen über Neutral bis Chaotisch. Ohne ins Detail zu gehen, verkörpert chaotisch-böse die ethisch/moralisch schlechteste Ausprägung.

11https://de.wikipedia.org/wiki/Baphomet (abgerufen 29.09.2021).

13Malcom C. Barber: The New Knighthood. A History of the Order of the Temple. Cambridge University Press, 1994, S.320-321.

14Eliphas Lévi: Transzendentale Magie. Dogma und Ritual. Ansata-Verlag, 1998, S.611.

15Ebd.

16Malcom C. Barber: The New Knighthood. A History of the Order of the Temple. Cambridge University Press, 1994, S.302.

17Ebd., S.305ff.

18https://pathfinderwiki.com/wiki/Iblydos (abgerufen 29.09.2021)

19Pathfinder Adventure Path #77: Herald of the Ivory Labyrinth, paizo publishing, 2013, S.41.

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