Von den ISU bis zur Gegenwart – Hintergründe zu Assassin’s Creed (Simon Kleinschmidt)

Eine kurze Einführung in die Welt von Ubisofts Erfolgsreihe Assassin’s Creed

Bevor wir uns inhaltlich mit dem elften Teil der Serie, Assassin’s Creed Odyssee, auseinandersetzen und hierbei den Fokus auf die verschiedenen Rezeptionen aus den Epen Homers, besonders der Odyssee legen, möchte ich ein paar Sätze zum Verleger, der Entstehungsgeschichte sowie dem allgemeinen Aufbau der Reihe erzählen, um einen Einstieg für all jene zu geben, die mit der Gaming-Szene und insbesondere dem Action-Adventure und Open-World-Spiel noch nicht vertraut sind.

Ubisoft

Der Spieleentwickler und Verleger oder – wie in der Branche häufiger kommuniziert – Publisher ist die französische Firma Ubisoft Entertainment S.A. Das Unternehmen, mit seiner Zentrale in der französischen Hauptstadt Paris, wurde 1986 gegründet und beschäftig, nach aktuellem Stand, um die 15.000 Angestellte aus über 94 Nationen, in mehr als 20 Standorten weltweit. Neben dem Studio in Frankreich, ist der Standort im kanadischen Montreal als Hauptproduktionszentrum für Assassin’s Creed hervorzuheben.

Ubisoft entwickelte sich, neben Electronic Arts (EA), Activison-Blizzard, Nintendo oder Sony Computer Entertainment, seit seiner Gründung zu einem der erfolgreichsten Spieleentwickler und verbuchte allein im Geschäftsjahr 2018/19 einen Umsatz von mehr als 1,5 Mrd. Euro. Nicht zuletzt durch Top-Marken wie das hauseigene „Rayman“, ein klassisches 2-D Jump’n’Run-Spiel, in welchem der Spieler den arm- und beinlosen Comic-Held Rayman auf seinen fantastischen Abenteuern durch kindlich-verspielte, farbenfrohe und verzauberte Welten begleitet oder das Strategiespiel „Die Siedler“, welches von der deutschen Firma Blue Byte GmbH, mit Sitz in Düsseldorf, 1993 entwickelt, aber von Ubisoft vertrieben wurde.

Assassin’s Creed – Der Ursprung einer Erfolgsreihe

AC wurde zu Beginn nicht als eigenständiges Spiel geplant. Vielmehr wurde 2004 der damalige Creative Director Patrice Deysilei damit beauftragt einen weiteren Teil der beliebten „Prince of Persia“-Reihe zu konzipieren. Die Serie, welche vom US-amerikanischen Entwickler Bröderbund seit 1989 designed und produziert wurde, erzählt die Abenteuer & Konflikte eines namenlosen, persischen Prinzen in der Third-Person-Perspective. Patrice Deysilei überarbeite das bestehende Storytelling – also die Erzählweise – und schlug vor, die Geschichte nicht mehr aus der Sicht des Prinzens, sondern aus der seines Leibwächters zu erzählen.

Das Konzept wurde für die „Prince of Persia“-Reihe abgelehnt, da der Perspektivenwechsel zu unterschiedlich und losgelöst von den vorangegangenen Ablegern war und man befürchtete, dass die Spieler die Veränderung nicht annehmen, bzw. nicht als weiteren Ableger des Narrativs begreifen würden. Das Grundkonzept der veränderten Erzählweise gefiel den Produktdesignern jedoch derartig gut, dass sich das Unternehmen dazu entschloss, ein neues Spiel zu erstellen und ein gänzlich neues Narrativ zu erzählen: „Assassin’s Creed“ war geboren.

Dass der Publisher damit richtig entschieden hat und ein goldenes Näschen bewies, zeigt sich eindeutig in den bis dato 11 erscheinen Hauptspielen der Reihe, zahlreichen Ablegern für mobile Endgeräte sowie der enormen Fanbase. Und die Erfolgsgeschichte ist noch lange nicht zu Ende: Im Herbst 2020 ist mit „Assassin’s Creed Valhalla“ bereits der 12. Teil der Hauptreihe erschienen.

Das Narrativ

Stark vereinfacht und ohne zu viel Inhalt zu spoilern handelt die Erzählung von AC von einem Jahrhunderte umfassenden Konflikt zwischen der Bruderschaft der Assassinen gegen die Templer. Während die Assassinen – salopp ausgedrückt – “die Guten“ sind und mit aller Macht versuchen, das Wohl und die Eigenbestimmtheit der Menschheit und jedes Einzelnen zu verteidigen, trachten die Templer, eine kleine elitäre Gruppe, nach der Unterjochung und Neuordnung der Welt.

Die sogenannten Settings der Spiele – also Ort und Zeitpunkt der Geschehnisse – sind in jedem Teil der Hauptreihe verschieden und orientieren sich an historisch bedeutsamen Ereignissen der Menschheitsgeschichte. Dabei werden historisch gesicherte Gegebenheiten sowie Personen als Ankerpunkte verwendet, um die gewissermaßen eine Hintergrunderzählung konstruiert wird.

Verknüpfungen mit der Historie

Diese Neuerzählung oder dieser Perspektivenwechsel ist in seiner Gesamtheit jedoch derartig schlüssig aufgebaut, dass sie sich problemlos in die Geschichtsschreibung einfügen lässt. Beispielsweise wird das plötzliche und unerklärliche aber historisch belegte Ableben eines Aristokraten oder Klerikers genutzt, um einen Anschlag durch einen Assassinen zu inszenieren, der damit eine vom Opfer ausgehende Unterdrückung der Bevölkerung verhindert oder beendet.

So spielt beispielsweise „AC Origins“ im alten Ägypten zur Zeit von Gaius Julius Cäsar, während der erste Teil zur Zeit des 3. Kreuzzuges an der Ostküste des Mittelmeers, dem heutigen Israel, Syrien und Jordanien und „AC Unity“ im Paris zur Zeit der Französischen Revolution inszeniert ist. Die geographischen Räume sowie die Zeitpunkte erscheinen demzufolge isoliert und ohne Verbindung. Dass es sich um ein zusammenhängendes Narrativ handelt, offenbart sich erst, wenn man sich den einem jeden Spiel zugrundeliegenden Aufbau zu Gemüte führt.

Erzählebenen Assassin's Creed
Die drei Erzählebenen der Assassin’s Creed-Reihe (Simon Kleinschmidt)

Die drei Erzählebenen

Jeder Ableger der Reihe besteht aus drei verschiedenen Erzählebenen: Die erste Handlungsebene spielt in der Gegenwart – zumeist in dem Jahr, in welchem der entsprechende Teil selbst veröffentlicht wurde. Das bedeutet „AC I“ spielt um 2012, „AC Odyssee“ um 2018. Die zweite Ebene behandelt die Zeit des eigentlichen Game-Plays – also den Kerninhalt eines jeden Spiels: der Kampf der Assassinen gegen die Templer zur Zeit des Peloponnesische Kriegs um 431. v. Chr. oder der Französischen Revolution. Die dritte Erzählebene, welche selbst nie spielbar ist, erzählt in Rückblenden von der Zeit der ISU – einer Gesellschaft, welche vor unseren historischen Aufzeichnungen existierte.

Häufig fällt in diesem Kontext eine Datierung um 75.000 v. Chr., wobei eine zeitliche Einordnung eigentlich irrelevant ist und wohl eher dem Bedürfnis nach Logik und Struktur nachkommen soll. Im Kontrast zur eben erwähnten Einbettung in real existierende historische Ereignisse scheint dieser Aspekt zunächst irrational und gerade zu an den Haaren herbeigezogen, doch ist auch dieser Bestandteil des Spiels durchdacht. Überdies darf bei alledem nicht vergessen werden, dass es sich bei AC immer noch um ein Videospiel handelt. Doch dazu später mehr.

Das Spiel mit den Ebenen

Jedes Spiel setzt sich in seinem Aufbau aus diesen drei Ebenen zusammen. Die meisten Spiele beginnen in der Gegenwart und geben einen Überblick über den aktuellen Stand im Kampf der Templer gegen die Assassinen. Es folgen die ersten Spielstunden auf der 2. Ebene und je nach inhaltlichem Design und Spielfortschritt Rückblenden der 3. Diese werden jedoch meistens gegen Spielende eingesetzt und erklären rückblickend das zuvor Geschehene. Man kommt folglich in den Genuss des „AH!“-Effektes.

Zusammengefasst: Bei AC handelt es sich um ein anachronistisch erzähltes Narrativ, wobei der spielbare Teil nur einen Bruchteil der gesamt Erzählung vermittelt. Dies ist vergleichbar mit Homers Ilias: Das Epos als solches setzt einiges an Vorwissen voraus und behandelt überdies selbst nicht die gesamte Kriegsgeschichte zwischen den Griechen und den Trojanern, sondern nur einen Ausschnitt.

Die Isu Hekate Assassin's Creed
Die Isu Hekate (Assassin’s Creed® Odyssey)

Der Anfang der Geschichte – Die Zeit der ISU

Lange bevor es die Menschheit gab – so wie wir uns kennen – gab es die ISU. Humanoide Wesen, über deren Ursprung sowie Evolution nichts bekannt ist. In den Spielen fallen auch häufiger die mysteriösen Bezeichnungen „Die Vorläufer“, „Die erste Zivilisation“ oder auch „Homo Sapiens Divinus“.

Die Bezeichnung als „göttlich“ leitet sich aus dem Umstand ab, dass die ISU den Menschen überlegen waren: Im Kontrast zu uns besaßen die Vorläufer nämlich eine Dreifach- anstelle einer Doppel-Helix-DNS. Diese führte unter anderem zu höherer Intelligenz und einem sechsten Sinn, der in den Spielen als Adlerauge bezeichnet wird. Die ISU erschufen die Menschen nach ihrem Vorbild, jedoch wie bereits angesprochen in einer abgeschwächten Version. Die Menschen dienten den ISU als Arbeitskräfte und zum Aufbau von militärischen Streitkräften. Sie sollten der Robustheit der Erde trotzen und für sich selbst sorgen können, jedoch keine Bedrohung für die überlegende Rasse der ISU darstellen.

Um sich dessen sicher zu sein konzipierten die ISU mehrere technologische Gerätschaften, mit deren Hilfe sie die Menschen manipulieren konnten, indem diese Werkzeuge bestimmte Neurotransmitter – existent nur bei uns Menschen – aktivierten. Diese technologischen Fernbedienungen werden später als Edensplitter bezeichnet. In den meisten der 11 Hauptspiele handelt es sich um kugelförmige Objekte, die als Edenäpfel bezeichnet werden. Jedoch ist die Form damit nicht determiniert: So gibt es beispielsweise auch Edensplitter in Form von Schwertern oder Tüchern.

Assassin's creed odyssey isu technologie
ISU-Technologie vor den Toren von Atlantis (Assassin’s Creed® Odyssey)

Der Krieg und die (erste) Katastrophe

Über die Zeit entwickelte sich der Mensch biologisch/genetisch weiter, sodass es im Zuge dessen zu Hybriden kam. Diese Hybriden waren immun gegen die Kraft der Edensplitter und konnten durch diese nicht mehr von den ISU kontrolliert werden. Die ersten Hybriden, die sich im Zuge dessen ihrer Umstände bewusst wurden, lösten eine Rebellion und damit einen Jahrhunderte andauernden Krieg aus. Ihr Name? Adam und Eva.

Die Rebellion zehrte an den Kräften beider Parteien und vom Krieg abgelenkt bemerkte keine Partei rechtzeitig die sich androhende Sonneneruption. Ein Rat von ISU-Wissenschaftlern – die kapitolinische Trias bestehend aus Jupiter, Juno und Minerva – wurde einberufen und damit beauftragt eine Lösung für die anstehende Naturkatastrophe zu ergründen. Die Bezeichnung wurde hierbei 1:1 aus den Altertumswissenschaften übernommen. Bei der kapitolinischen Trias handelt es sich um einen „Verbund“ der bedeutendsten Götter der Römer. Ein Heiligtum dieses Verbundes wird als Capitolium bezeichnet. Das wohl bekannteste Capitolium befand sich in Rom.

Hierbei wurden mehrere Lösungsansätze durchgespielt und durchgeführt: Beispielsweise
der Bau unterirdischer Tempel als eine Art Bunker, die sich über den gesamten Globus verteilten. Während Minerva und Jupiter nach einer Lösung suchten, koppelte sich Juno unterdessen still und heimlich ab und plante eine neue Weltordnung, welche nach der Katastrophe Gültigkeit erhalten sollte und zum Ziel hatte den Aufstand der Menschen niederzuschlagen und diese endgültig zu unterjochen. Der Plan der Juno wurde enthüllt und die Abtrünnige eingesperrt.

Isu Aletheia Assassin's Creed
Die Isu Aletheia (Assassin’s Creed® Odyssey)

Der Untergang der ISU

Unterdessen konnte keiner der erdachten Lösungsansätze die Sonneneruption verhindern. Die Wellen trafen die Erde und dezimierten die Anzahl der Menschen sowie der ISU auf ein Minimum. Während es der Menschheit gelang sich zu regenerieren, starben die ISU in den folgenden Jahrhunderten aus. Die unterirdischen Tempelanlagen, die einst dem Schutz dienen sollten, die Technologien und Gesellschaft der ISU im Allgemeinen gerieten über die nachfolgenden Jahrtausende in Vergessenheit und wurden aus dem kollektiven Gedächtnis der Menschheit gelöscht. Ab diesem Zeitpunkt setzte die Menschheitsgeschichte – so wie wir sie kennen – ein und folgt dem bekannten Ablauf.

Doch während die ISU nicht mehr auf der Erde verweilten, wurden vereinzelt ihre Technologien geborgen und von elitäreren Gruppen missbraucht. Dieser Missbrauch und der Kampf zwischen Gut und Böse, wird auf der 2. Handlungsebene erzählt und stellt die Grundlage der AC’s Spiele dar. Während die Assassinnen im Verborgenen fortlebten und den Menschen zu helfen vermochten, welche unter dem Missbrauch der Edensplitter – durch die Benutzung Einzelner – litten, formierten sich diese Einzelnen zu kleineren Gruppen und diese wiederrum zu einem Kollektiv: dem Orden der Templer.

Der Orden der Templer (oder der Kult des Kosmos)

Über die Narrative der 2. Ebene hinweg, bis in die 1. – folglich der Gegenwart – bildete sich aus dem Orden, beziehungsweise dem Kult, ein internationales Konglomerat an Firmen, die unter dem Namen Abstergo Industries vereint wurden. Das Ziel von Abstergo Ind. ist es mit Hilfe des eigen entwickelten ANIMUS die vergessenen und verschollenen Edensplitter zu finden, die Macht über die Allgemeinheit zu gewinnen und so uneingeschränkt zu herrschen. Beim ANIMUS handelt es sich um ein Lesegerät für die menschliche DNS, wobei der dahinterstehende Grundgedanke folgender ist:

Der Animus

Die Erinnerung und Erfahrung eines jeden Individuums werden in seiner DNS gespeichert und an die nächste Generation weitergegeben. Dem ANIMUS ist es möglich, diese Erinnerungen zu
sequenzieren und auszulesen, so dass man die erlebten Ereignisse und Erfahrungen seiner Vorfahren selbst noch einmal aktiv durchleben kann. (Animus, lat.: Geist, Seele, Gesinnung, Leben, Sinn. Die Bezeichnung seitens Ubisoft wird auch hier wohl nicht ohne Hintergedanken stattgefunden haben.)

Durch diese Technologie möchte Abstergo Ind. erfahren, wo die Aufenthaltsorte der letzten
verblieben Edensplitter sind und schreckt auch nicht davor zurück den ein oder anderen Protagonisten zu entführen. Während in den ersten Modellen des ANIMUS ein lebendiger Mensch eingelesen werden musste, entwickelt sich die Technologie in jedem Spiel weiter, so dass letzten Endes schon ein Tropfen Blut ausreicht, um die DNS sequenzieren und abspielen zu können.

Ausblick: Assassin’s Creed Odyssey

Nachdem wir nun die Hintergrundgeschichte von Assassin’s Creed erfahren haben, werden wir uns in unserem nächsten Beitrag zur Reihe konkret Assassin’s Creed Odyssey zuwenden.

Über den Autor

Simon Kleinschmidt hat an der Universität zu Köln Alte Geschichte und Archäologie studiert. Seinen Beitrag findet Ihr auch in vertonter Form in unserem Podcast.

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