P. Vidal-Naquet: Atlantis. Geschichte eines Traums (Buchbesprechung)

Über den Autoren

Pierre Emmanuel Vidal-Naquet lebte von 1930 bis 2006 und war ein französischer Althistoriker und Sozialhistoriker. Seine Arbeitsschwerpunkte lagen auf der griechischen Antike und der Zeitgeschichte. Ganz besonders beschäftigte sich Vidal-Naquet jedoch Zeit seines Lebens mit Platons Dialogen Kritias und Timaios, die den Ursprung der Atlantis-Erzählung bilden.

Über die folgende Besprechung

In meiner Besprechung des Buches konzentriere ich mich auf Personen, die davon ausgingen, dass es Atlantis wirklich gegeben hat und den Mythos um die verlorene Insel weiterentwickelt haben. Wenn Ihr Vidal-Naquets Buch lest, erfahrt Ihr also manches mehr als das, was ich hier zusammenfasse. Die folgenden Hauptüberschriften entsprechen denen aus Vidal-Naquets Darstellung. Die Zwischenüberschriften stammen von mir.

Einführung

In der Einführung beschreibt Vidal-Naquet, wie er ursprünglich auf das Thema „Atlantis“ gestoßen ist und wie es ihn ein Leben lang begleitet hat. In diesem Kontext verweist er auf diverse Weggefährt*innen, aber auch auf Autor*innen, deren Werke Vidal-Naquet ablehnt, da sie von einer realen Grundlage der Atlantis-Erzählung Platons ausgehen. Denn Vidal-Naquet vertritt wie eine Mehrheit der Wissenschaftler*innen die Ansicht, dass es sich bei Atlantis um eine Erfindung Platons handelt. Schon in dieser Einführung wird deutlich, dass die Leserschaft bereits über ein gewisses Grundwissen verfügen sollte, um das Buch ohne Verständnisschwierigkeiten lesen zu können.

Am Anfang war Platon

Wenn man – was ja eigentlich naheliegend wäre – eine verständliche Zusammenfassung dessen erwartet, was Platon in seinen beiden Dialogen Kritias und Timaios über Atlantis sagt, wird man ziemlich enttäuscht. Denn Platons Bericht wird nur stückchenhaft und in Auszügen vorgestellt, da Vidal-Naquet bei der Niederschrift des Buchs offenbar mehr Wert auf andere Dinge legte. So geht es ihm eher darum zu beleuchten, was Platon eigentlich mit seiner Atlantis-Geschichte sagen wollte und inwiefern der athenische Philosoph dabei Herodot imitierte und kritisierte. Streiten kann man sicherlich über Vidal-Naquets These, dass Platon mit seiner Atlantis-Erzählung das Genre der Science Fiction erfunden habe (S. 36 u. 97).1

Noch mehr Atlantis in der Antike

Platons Nachfolger

Die Resonanz antiker Autoren auf Atlantis hielt sich zunächst eher in Grenzen. Zu erwähnen ist, dass Theopomp (4. Jh. v.Chr.) in der Folge eine ähnliche Erzählung verfasste, in der es statt um Atlantis um ein Land namens Meropis geht, das ebenfalls auf der anderen Seite des Ozeans gelegen haben soll (FGrHist 115 F 75). Claudius Ailianos berichtet, dass die Könige von Atlantis die Hörner riesiger im Meer lebender Widder als Diademe getragen hätten (Varia historia III,18). Der Untergang der Insel wird bei Autoren wie Tertullian (nach 150 – nach 220 n.Chr.) oder Amminaus Marcellinus (um 330 – um 390 n.Chr.) sozusagen rationalisiert, indem die Götter keine Rolle mehr spielen und es allein um eine Naturkatastrophe geht. Bereits in der Antike gibt es Autoren, die Platons Bericht ernstnehmen, und Autoren, die nicht an ein reales Atlantis glauben.

Herodot, Thukydides und Diodor

Kurz eingehen sollten wir auf den Universalhistoriker Diodor (3,60-3,61). Zwar berichtet auch dieser über die Atlanter, doch hat seine Darstellung abgesehen von dem Namen und dem Umstand, dass ein Gott bzw. Titan 10 Söhne zeugt, nichts mit der platonischen Überlieferung zu tun. Doch weist sein Bericht einen Bezug zu Kreta auf, weshalb er gelegentlich herangezogen wurde, um diese größte griechische Insel mit Atlantis in Verbindung zu bringen. Übrigens hat schon Herodot [5. Jh. v.Chr.] von einem Volk der Atlanter berichtet, dass er in Nordafrika am Atlasgebirge ansiedelte (4,184,4). Und Thukydides (5. Jh.) berichtet von einer untergegangenen Insel namens Atalante, die gegenüber der östlichen Lokris – also in der Nähe von Euboia – gelegen haben soll (3,89), weshalb Vidal-Naquet es für gut möglich hält, dass sich Platon von Thukydides bei der Namensgebung hat inspirieren ließ.

Proklos

Richtig spannend ist ein Kommentar, den der Neuplatoniker Proklos (412-485 n.Chr.) zum Timaios Platons verfasst hat. Denn Proklos verweist auf mehrere Berichte von Reisenden, die den Ozean erkundet haben sollen. Diese hätten Inseln im Atlantik besucht, deren Bewohner_innen von ihren Vorfahren Erzählungen über eine gewaltige Insel namens Atlantis gehört hätten.2 Namentlich nennt Proklos in diesem Zusammenhang nur einen Marcellus (177,10-20). Leider berichtet kein anderer antiker Autor über diese Reisen.

Die Rückkehr der Atlanter 1485-1710

Die Entdeckung Amerikas

Während unsere letzte antike Quelle, die Atlantis thematisiert, aus dem 6. Jh. n.Chr. stammt (Kosmas Indikopleustes), hören wir das gesamte Mittelalter nichts über Platons Insel. 1485 übersetzte der Humanist Marsilio Ficino die Werke Platons und somit auch die Erzählungen über Atlantis. Und 1492 entdeckte Columbus Amerika, wodurch feststand, dass es wirklich ein gewaltiges Land im Westen gab. Daher vermutete z.B. der Bischof Bartolomé de Las Casas 1527, dass Atlantis womöglich nicht gänzlich zerstört worden war.

Atlantis und Amerika

1530 folgte eine Schrift über die Syphilis aus der Feder des Naturforschers Gerolamo Fracastore. In dieser Schrift berichtet ein indigener Priester von den Atlantern. Diese seien zunächst Lieblinge der Götter gewesen, dann aber von diesen aufgrund ihres Reichtums bestraft worden. Atlantis sei vernichtet worden, während man die Überlebenden – also die indigene Bevölkerung Amerikas – als zusätzliche Strafe auch noch mit der Syphilis versah. 1552 erkannte Franzisco de Gomara deutliche landschaftliche Parallelen zwischen Mexiko und Atlantis, wobei er betonte, dass die dortige indigene Bevölkerung zu Wasser „atl“ sagte.

Atlantis, Amerika und die Bibel

Aus christlicher Sicht ergab sich das Problem, dass Amerika keine Erwähnung in den heiligen Schriften fand. So versuchte man es zunächst mit einem neuen Sohn Noahs als Urvater für die Amerikaner_innen, bevor man dazu überging, die 10 verlorenen Stämme Israels mit Amerika in Verbindung zu bringen. Schon Kosmas Indikopleustes war im 6. Jh. n.Chr. auf die naheliegende Idee gekommen, Atlantis in einen Zusammenhang mit der Sintflut zu bringen. Jetzt verband man noch die 10 verlorenen Stämme Israels mit dem Untergang von Atlantis, wodurch eine Reihe recht interessanter Hypothesen entstanden. So glaubten etwa manche, Atlantis wäre die Welt vor der Sintflut gewesen oder aber in Palästina zu suchen. Natürlich konnte man Amerika auch gleich zu Atlantis erklären und den von Platon überlieferten Untergang der Insel einfach ignorieren.

Man könnte noch viel Spannendes berichten, was Vidal-Naquet in diesem Kontext zusammengetragen hat, doch würde das an dieser Stelle jeden Rahmen sprengen. Auch auf Francis Bacons „New Atlantis“ kann ich hier nicht eingehen. Doch sei zumindest gesagt, dass es auch bei Bacon Überlebende Atlanter gibt.

Atlantis liegt in Schweden!

Interessant wird es dann, wenn Olof Rudbeck (1630-1702) die biblische Sintflutgeschichte nimmt und Noahs Sohn Japhet zum Vater des Atlas erklärt, den wir ja aus Platons Bericht als ersten König von Atlantis kennen. Und dieser Atlas habe sich in Schweden niedergelassen, wodurch dieses skandinavische Land zu Atlantis wird. Alle Völker Europas und Asiens stammen laut Rudbeck von diesen schwedischen Atlantern ab, während die Runen als Vorlage für das phönizische und das griechische Alphabet betrachtet werden, womit wir das Phänomen der Atlanter als Kulturbringer erreichen. Somit vermischt Rudbeck Platon, Bibel und Edda auf phantasievolle Weise zu einer äußerst wirkungsmächtigen Erzählung.

Beenden wir diesen Überblick mit dem deutschen Jesuit Athanasios Kircher, der zu denen zählte, die die Kanarischen Inseln für atlantische Überbleibsel hielt. Hier sollen die Guanches gelebt haben, die laut Kircher möglicherweise Überlebende aus Atlantis waren. Andere immer wieder ins Spiel gebrachte Lokalisierungen beziehen sich auf die Azoren oder Madeira.

Atlantis-Aufklärung 1680-1786

Atlantis in Mexiko und in Palästina

Der Bischof Pierre-Daniel Huet publizierte 1680 ein Buch, in dem er erklärte, dass sich die Botschaft der heiligen Schriften der Juden und Christen nicht ausschließlich an diese gerichtet habe. Denn die antiken Göttinnen und Götter seien stark verfremdete Varianten der ursprünglichen Wahrheit. In diesem Kontext kommt er dann auch auf Atlantis zu sprechen, zu deren Erben er die Einwohner*innen Mexikos erklärt. Im Sinne einer verformten Wahrheit kommt in der Folge auch wieder der Gedanke auf, dass Platon in Wahrheit von Palästina gesprochen habe, wodurch die Juden zu den Lehrmeistern der restlichen Welt werden.

Das italienische Atlantis

Wie Rudbeck Atlantis in Schweden lokalisierte, gab es nun auch Vorschläge, dass z.B. Italien Platons verlorene Insel sei. Italien bot sich diesbezüglich an, da hier mit Etruskern, Griechen, Italikern und Kelten relativ viele sehr alte Völker gelebt hatten. So gab es einerseits diverse Nationalmythen, die sich Atlantis nutzbar zu machen versuchten, während gleichzeitig der amerikanische Kontinent für Spekulationen sorgte. Recht kompliziert wird es dann, wenn Graf Gian Rinaldo Carli Atlantis gleichzeitig italienisch und amerikanisch sein lässt und sogar noch eine hebräische Komponente einbaut. Hier ist es dann Saturn, der als Sohn des Janus an der Spitze diverser Völker von Atlantis nach Italien kam. Dabei macht der Graf jedoch deutlich, dass die Katastrophe, die Atlantis ereilt hat, nichts mit der biblischen Sintflut zu tun habe.

Auf der Suche nach dem Ur-Volk

Doch gab es auch Überlegungen, die weder nationaler Natur waren, noch mit der Bibel zusammenhingen. Vielmehr ging es hier um eine Ur-Welt, mit Hilfe derer man sich zu erklären versuchte, weshalb ungefähr zeitgleich in China, Indien und dem Nahen Osten frühe Hochkulturen entstanden. Der Astronom und Astronomiehistoriker Jean-Sylvain Bailly veröffentliche in den 1770er Jahren verschiedene Schriften, in denen er sich auf die Suche nach einem Urvolk machte, auf das die genannten Hochkulturen zurückzuführen sein. Dabei dachte Bailly natürlich an Atlantis, das er von Frankreich aus gesehen im Nordosten vermutete, da ja sowohl China, Indien und der Nahe Osten von dessen Kultur beeinflusst worden waren. So galt es nun, das gemeinsame Ursprungsland wiederzufinden. Interessanterweise stufte Bailly Platons Bericht, auf den ja eigentlich alles zurückzuführen ist, als grobe Erinnerung an das wahre Atlantis ein.

Fossilien und Hieroglyphen

Ohne größere Erläuterungen möchte ich noch erwähnen, dass Fossilienfunde in Verbindung mit den in zahlreichen Kulturen vorhandenen Erzählungen über große Überschwemmungen zu Vorstellungen regelmäßig wiederkehrender Überflutungen führten. In sprachlicher Hinsicht suchten manche nach einem gemeinsamen Vorläufer der chinesischen Schriftzeichen und der ägyptischen Hieroglyphen. Auch mögliche Wassereinbrüche an der Meerenge von Gibraltar bzw. am Bosporus bezog man in die Überlegungen um Atlantis mit ein.

Die große Wende 1786-1841

Die Atlanter am Kaukasus

Auch Delisle de Sales (1743-1816) sieht in den Atlantern ein autochthones Ur-Volk, das er am Kaukasus leben lässt, wobei sich dieser Kaukasus für ihn von Turkestan bis zum Eismeer streckt, also wesentlich größer ist als das eigentliche Hochgebirge. Bei der von Platon beschriebenen Insel kann es sich daher aus der Sicht de Sales‘ höchstens um eine Kolonie der wahren Atlanter vom Kaukasus gehandelt haben.

Fabre d’Olivet

Zum Kreis um de Sales zählte auch Fabre d’Olivet (1767-1825), der das Ganze wieder mit der jüdischen Überlieferung vermischt. So ist Elohim der Oberpriester Poseidons auf Atlantis. Sein Sohn Adam (Adim) verliebt sich in Eva (Evanha), eine Priesterin der Aphrodite. Die beiden Liebenden sehen sich mit verschiedenen Hindernissen konfrontiert. Nach dem durch eine Flut ausgelösten Untergang von Atlantis landen die beiden schließlich im Kaukasus. In der Folge stammen dann alle Völker von den Atlantern, den Skythen und den Peris ab, mit denen wohl die Perser gemeint sind.

Auch versuchte Fabre d’Olivet zu beweisen, dass Hebräisch und Ägyptisch dieselbe Sprache sei – die Hieroglyphen waren damals ja noch nicht übersetzt. Zu erwähnen ist noch ein Konflikt der „weißen Rasse“ mit der „schwarzen Rasse, die ursprünglich über die Erde geherrscht hatte, wobei die Atlanter der „schwarzen Rasse“ zuzurechnen sind und die Araber z.B. eine Mischung aus Atlantern und Kelten darstellen. Die verschiedenen Kulturen seien in Ägypten miteinander verschmolzen. Ägypten war dann auch der letzte Landstrich, über den die Atlanter herrschten. Von hier aus ging Moses nach Äthiopien, wo er auf ein keltisch-arabisch-atlantisches Mischvolk stieß, dessen Oberpriester er wurde. Letztlich besiegte die „weiße Rasse“ die „schwarze“, übernahm dabei jedoch ein gewisses Wissen von dieser.

Die amerikanischen Kontinente waren übrigens Überbleibsel einer ursprünglich größeren Landmasse, die von einer „roten Rasse“ bevölkert war, bei der es sich auch um Atlanter handelte. Europa etc. waren erst durch den Untergang dieser Landmasse aus den Fluten aufgetaucht. Von Boulanger übernahm Fabre d’Olivet die Idee, dass die Überlebenden der Katastrophe derart geschockt waren, dass sie zunächst nur als nomadische „Wilde“ weiterleben konnten.

In dieselbe Zeit wären noch italienische, englische und irische Atlantis-Varianten mit nationaler Prägung einzuordnen, die wir aber an dieser Stelle ausklammern wollen.

Atlantis Vidal-Naquet
Photo: Michael Kleu

Eine offene oder eine geschlossene Nation

Atlantis in Frankreich

Dieses Kapitel legt den Fokus zunächst auf Frankreich, wo z.B. eine kleine Episode Erwähnung findet, bei der ein aus Kelten und Iberern bestehendes Urvolk die Kultur der untergegangenen Atlanter nach Frankreich bringt. Auch kommt nun Jules Verne (1828-1905) zur Sprache, in dessen „20.000 Meilen unter dem Meer“ Kapitain Nemo, Professor Aronax und die Besatzung der Nautilus die Hauptstadt von Atlantis besuchen.

Im weiteren Verlauf des Kapitels kommt Vidal-Naquet u.a. auf eine katalanische Bearbeitung der Atlantis-Erzählung sowie den Versuch des Ethnologen Leo Frobenius zu sprechen, Atlantis südlich der Sahara zu finden.

Deutschland, Atlantis und die Arier

Jetzt folgen vier deutsche Vertreter. Beginnen wir mit Karl Georg Zschaetzsch. Der Titel seines 1922 publizierten Werkes lässt schon einiges erahnen: „Atlantis, die Urheimat der Arier“. Atlantis war laut Zschaetzsch eine Insel im Atlantik, von der die Arier stammen. Jedoch sind auch bei den Inkas in Peru Spuren der Atlanter zu entdecken.

Weiter geht es mit dem Berliner Professor und Nationalsozialisten Albert Hermann und „Unsere Ahnen und Atlantis. Nordische Seeherrschaft von Skandinavien bis Nordafrika“. Bereits vor der Blütezeit der mykenischen Kultur – etwa 2.000 v.Chr. – habe es ein goldenes Zeitalter der Germanen gegeben. Um 1680 v.Chr. geht das atlantisch-germanische Großreich unter, doch lebt es in den nordischen Völkern weiter. Als Belege dienen Hermann Megalithen sowie die damals bereits längst als Fälschung bekannte Ura-Linda-Chronik, die den Untergang von Altland beschreibt, einer Art nordischem Atlantis.

Dem NS-Chefideologen Alfred Rosenberg gelingt ein außerordentliches Kunststück, wenn er in „Der Mythos des 20. Jahrhunderts“ (1930) erklärt, dass sich die Vorfahren der Germanen – die Atlanter – über die ganze Erde inklusive Galiläa verbreitet hätten, wodurch er aus Jesus von Nazareth einen Atlanter macht, der keineswegs ein Jude gewesen sei.

Besonders Heinrich Himmler fand großes Interesse an dieser atlanto-nationalistischen Ideologie, die in gewisser Weise in der Tradition Rudbecks stand, aber nun eben die Germanen zum auserwählten Volk erklärte. In diesem Kontext wird dann auch erstmals Helgoland als wahres Atlantis bezeichnet. Besonders der nationalsozialistische Priester Jürgen Spanuth veröffentlichte in der Folge mehrere Werke zu Helgoland-Atlantis.

Intermezzo: Noten ohne Musik

Bei diesem Kapitel handelt es sich um einen Nachtrag zur NS-Rezeption von Atlantis. Zunächst wird in diesem Kontext eine 1944 im Ghetto von Theresienstadt fertiggestellte Oper namens „Der Kaiser von Atlantis“ vorgestellt, in der Atlantis als ein Symbol für einen totalitären Staat Verwendung findet.

Danach folgt eine Besprechung von Georges Perecs halbautobiographischem Roman „W oder die Kindheitserinnerung“ (1982), in dem Vidal-Naquet Spuren von Atlantis entdeckt hat.

Wasser, Erde und Träume

Okkulte und theosophische Varianten von Atlantis

Etwas überraschend folgt jetzt eine Behandlung von Werken, die aus dem ausgehenden 19. Jh. stammen und in einem Zusammenhang zu Werken aus dem 18. Jh. stehen, die Atlantis mit eher okkulten Überlegungen verbanden, zu denen Vidal-Naquet die Werke von William Blake und Fabre d’Olivet zählt.

So geht es nun also um das theosophische Atlantis, das auf Helena Blavatsky zurückzuführen ist, die Atlantis zwischen Afrika und Südostasien vermutete. In den Fußstapfen Blavatskys wandelte dann William Scott-Elliot, der 1909 eine „Story of Atlantis“ verfasste. Laut diesem Autoren habe Platon Atlantis als Poseidonis bezeichnet. Außerdem stamme die Sprache der Mayas zu einem Drittel aus dem Griechischen. Hinzu kommen fliegende Kriegsmaschinen und weitere wundersame Dinge. Einen besonderen Schwerpunkt legt Scott-Elliot auf die Tolteken. Auch die von Weisheitslehren geführten Arier kommen vor.

Atlantis
Das atlantische Reich nach Ignatius Donnelly „The Antedeluvian World“

Ignatius Donnellys „Atlantis: The Antedeluvian World“

Sehr einflussreich war Ignatius Loyola Donnelly mit seinem Buch „Atlantis: The Antedeluvian World“ (1882). Vidal-Naquet bezeichnet Donnellys Vorgehen mit Recht als Synkretismus, weil er alles Mögliche sammelte und dann unter einen Hut zu bringen versuchte.

Atlantis war demnach eine Insel, die vor dem Eingang zum Mittelmeer lag und wo die erste menschliche Zivilisation entstanden war. Alle Geschichten von einem Garten Eden, Asgard, den Gärten der Hesperiden etc. sind Erinnerungen an Atlantis. Die Götter der Griechen, Phönizier, Hindus und Skandinavier waren in Wahrheit die Könige und Helden von Atlantis, deren reale Taten im Laufe der Zeit verklärt und mythisiert wurden. Die Kulturen der Ägypter und Peruaner spiegeln mit ihren Sonnenkulten die ursprüngliche atlantische Kultur am besten wider, zumal Ägypten die erste atlantische Kolonie darstellte.

„Semiten“ und „Arier“ – vielleicht auch die Turkvölker – stammen von den Atlantern ab. Nordafrika, der Nahe Osten, Indien, weite Teile Europas, Nordamerikas und Südamerikas sind atlantische Kolonien (siehe Karte). Von den Atlantern stammen die Werkzeuge der Bronzezeit und auch die Eisenverarbeitung stammt aus Atlantis. Das atlantische Alphabet bildet die Grundlage des phönizischen Alphabets und desjenigen der Mayas. Die „Arier“ sind zur Herrschaft über die Erde bestimmt.

Schließlich fiel Atlantis einer Katastrophe zum Opfer. Wenigen Überlebenden gelang es auf Schiffen, die Nachricht vom Untergang von Atlantis in der gesamten Welt zu verbreiten, worauf u.a. auch die Sintfluterzählung zurückzuführen ist.

Anhang

Auf eine kurze Danksagung folgen ein Anmerkungsapparat, eine umfangreiche Bibliographie sowie ein Register.

Mein Eindruck von Vidal-Naquet: „Atlantis. Geschichte eines Traums“

Ich habe mich sehr auf dieses Buch gefreut, doch folgte schnell eine gewisse Ernüchterung. Denn besonders im Kapitel über Platon erzählt Vidal-Naquet alles Mögliche, bietet aber für Leute, die sich nicht so gut auskennen, keinen guten Einstieg ins Thema (s.o.). Nun bin ich selbst ja ziemlich gut in der Thematik drin, doch war die etwas verschwurbelte Art Vidal-Naquets in Kombination mit dem Umstand, dass der Autor oft Dinge voraussetzt oder an irgendwelche nicht näher erläuterte Diskussionen anknüpft, auch für mich nicht immer einfach.

Hinzu kommt eine eigentümliche Ausdrucksweise. So spricht Vidal-Naquet auf S. 32 davon, dass Platon in einem gewissen Kontext „ein Höchstmaß an Perversität“ beweise, was sehr unglücklich formuliert ist. Natürlich ist es denkbar, dass hier die deutsche Übersetzung etwas unachtsam war. Auf S. 69 stellt sich eine ähnliche Frage, wenn Vidal-Naquet Rudbecks Gedanken als „paranoid“ bezeichnet.  Auf S. 100 und auch auf S. 104 ist von „Druden“ die Rede, wo ich eher das Wort „Druiden“ erwarten würde. (Eine Drude ist ein weiblicher Alb). Auf S. 109 wird ein französisches Gedicht leider nicht ins Deutsche übersetzt.

Dass Vidal-Naquet die okkulten und theosophischen Atlantis-Rezeptionen des 19. Jh. erst nach der Atlantis-Rezeption im Nationalsozialismus und im Zweiten Weltkrieg bespricht, ist etwas ungewöhnlich, scheint aber daran zu liegen, dass sich der Autor darüber bewusst ist, in diesem Kontext kein Experte zu sein.

Auf der anderen Seite muss man sagen, dass das Buch inhaltlich phasenweise wirklich atemberaubend ist, weil die Umformung des platonischen Atlantis-Berichts teilweise unglaublich spannende Züge annimmt. So hat mir Vidal-Naquet diesbezüglich einen ersten Einstieg geboten, den ich nun mit Hilfe der Anmerkungen und des Literaturverzeichnisses vertiefen kann. Endlich habe ich verstanden, ab wann aus welchem Grund welche Änderungen aufgetreten sind. Irgendwie bleibt aber dennoch das Gefühl, dass man das Buch wesentlich besser hätte schreiben können.

Anmerkungen

  1. Ich werde diesen Punkt an anderer Stelle diskutieren.
  2. Es soll sich dabei um sieben der Persephone geweihte Inseln und drei größere Inseln gehandelt haben, von denen jeweils eine Uranos, Ammon und Poseidon geweiht war.

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