Lukian von Samosata (2. Jh. n.Chr.) – Der erste Science Fiction-Autor der Weltgeschichte?

Wer sich fĂŒr die Geschichte der Science Fiction interessiert, dĂŒrfte fast zwangslĂ€ufig schon einmal auf Lukian von Samosata gestoßen sein, den manche als den ersten uns bekannten Science Fiction-Autoren der Weltgeschichte betrachten, was jedoch sehr umstritten ist. Grund genug, sich an dieser Stelle ausfĂŒhrlicher mit Lukian und seinen Werken „Wahre Geschichten“ und „Ikaromenippos oder Die Luftreise“ zu beschĂ€ftigen.

Lukian war ein bedeutender griechischsprachiger Rhetor und Satiriker, der zwischen 115 und 125 n.Chr. im am Euphrat gelegenen Samosata (heutige TĂŒrkei) geboren wurde und um 190 n.Chr. verstarb. Nachdem er in Ionien – also der WestkĂŒste Kleinasiens – eine rhetorische Ausbildung genossen hatte, begab sich Lukian auf eine Wanderschaft, die ihn u.a. nach Griechenland, Gallien und Italien fĂŒhren sollte. In spĂ€terer Zeit diente er dem Römischen Reich in der Verwaltung der Provinz Ägypten. Zu seinen literarischen Werken zĂ€hlen rhetorische Schriften, grĂ¶ĂŸtenteils satirische Dialoge, Pamphlete (SchmĂ€hschriften) und schließlich erzĂ€hlende Schriften.

Zur letzten Gruppe gehören die „Wahren Geschichten“ (áŒˆÎ»Î·Îžáż† ÎŽÎčÎ·ÎłÎźÎŒÎ±Ï„Î±, lateinisch: Verae Historiae), auf die wir nun unseren Fokus legen wollen. Denn in den „Wahren Geschichten“ – oft wird der Titel auch im Singular als „Wahre Geschichte“ angegeben – berichtet Lukian von einer Weltraumreise, einem interstellaren Krieg zwischen außerirdischen Völkern, einer EntfĂŒhrung durch Außerirdische und der Kolonisation unbewohnter Gestirne, was man wohl fĂŒr das 2. Jahrhundert n.Chr. als durchaus spektakulĂ€r bezeichnen kann. Im Folgenden versuche ich die „Wahren Geschichten“ so zusammenzufassen, dass die wesentlichen Elemente ErwĂ€hnung finden, es sich fĂŒr die interessierte Leserschaft aber weiterhin lohnt, die Geschichte noch einmal bei Lukian selbst nachzulesen.

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Photo: Michael Kleu

Die ErzĂ€hlung beginnt damit, dass Lukian mit einem Schiff von den SĂ€ulen des Herakles (Gibraltar) aus losgesegelt sei, um das Ende des Atlantiks zu entdecken und herauszufinden, was fĂŒr Menschen auf der anderen Seite des Ozeans leben wĂŒrden. Im Laufe der Reise erfasst ein Sturm das Schiff und hebt es in die LĂŒfte, sodass die Besatzung nach einigen Tagen den Mond erreicht. Schließlich wird die Reisegruppe auf dem Mond von Soldaten gefangengenommen, die auf riesigen, grĂ¶ĂŸtenteils dreiköpfigen Geiern reiten und die Fremden zu ihrem König fĂŒhren, der ebenfalls ein Mensch von der Erde ist, der im Schlaf entfĂŒhrt und dann auf dem Mond zum Herrscher gemacht wurde.[1] Schnell gelingt es dem Mondkönig, die Erdlinge davon zu ĂŒberzeugen, ihn in seinem Krieg gegen die Bewohner der Sonne zu unterstĂŒtzen. Denn als der Mondkönig den unbewohnten Morgenstern kolonisieren wollte, um seinen Ă€rmsten Untertanen eine Existenz zu ermöglichen, hatte der Sonnenkönig mit seinen auf gewaltigen Flugameisen reitenden Soldaten eingegriffen und das Vorhaben vereitelt, das nun mit Gewalt in die Tat umgesetzt werden soll.

Es folgt eine ausfĂŒhrliche Beschreibung der Schlacht, die von ihrer Grundstruktur her den ĂŒblichen derartigen Darstellungen entspricht, wie wir sie aus den antiken Quellen kennen. So beginnt der Bericht mit der Schlachtaufstellung und einer kurzen Vorstellung der jeweiligen Alliierten, die wiederum von anderen Sternen stammen und auf riesigen Tieren oder beflĂŒgelten GegenstĂ€nden wie Eicheln reiten. Bei den Soldaten vom Hundsstern (Sirius) handelt es sich z.B. um Menschen mit Hundeköpfen, wĂ€hrend von der Milchstraße u.a. beflĂŒgelte Zentauren von ungeheurer GrĂ¶ĂŸe kommen. Letztere nehmen Lukian und seine GefĂ€hrten schließlich gefangen und bringen sie auf die Sonne. Nachdem der Sonnenkönig eine Mauer errichten lĂ€sst, die das Sonnenlicht vom Mond fernhĂ€lt, kommt es zu einem Friedensvertrag, der u.a. beinhaltet, dass auf dem Morgenstern eine gemeinsame Kolonie errichtet werden soll und dass alle Sterne autonom bleiben. SelbstverstĂ€ndlich wird gemĂ€ĂŸ griechischer Gepflogenheiten auch eine Inschrift wiedergegeben, auf der die Namen der MĂ€nner festgehalten werden, die den Vertrag ausgehandelt haben. Es folgen Beschreibungen der Bewohner des Mondes und weiterer Völker, bevor Lukian und seine GefĂ€hrten schließlich zur Erde zurĂŒckkehren, wo sie von einem gewaltigen Wal verschluckt werden und viele weitere abstrus-phantastische Abenteuer erleben.

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Photo: Michael Kleu

Im Dialog „Ikaromenippos oder Die Luftreise“ (ጞÎșÎ±ÏÎżÎŒÎ­ÎœÎčÏ€Ï€ÎżÏ‚ áŒą áœ™Ï€Î”ÏÎœÎ­Ï†Î”Î»ÎżÏ‚, lat. Icaromenippus) greift Lukian ebenfalls das Motiv der Weltraumreise auf. Hier erzĂ€hlt ein Mann namens Menippos seinem Freund, dass er einem Geier und einem Adler jeweils einen FlĂŒgel abgeschnitten und sich selbst umgebunden habe, um die widersprĂŒchlichen Theorien der Gelehrten zur Beschaffenheit des Weltalls zu ĂŒberprĂŒfen. So fliegt Menippos zum Mond, wo er den Naturwissenschaftler Emepdokles trifft, der sich in den Krater des Ätna gestĂŒrzt hatte und von dessen Rauch zum Erdtrabanten transportiert worden war. Auch lernt er die Mondgöttin Selene kennen – Gestirne sind in der Antike ja sowohl Himmelskörper als auch Göttinnen und Götter – , in deren Auftrag er zu einer Götterversammlung reist, wo ihm die FlĂŒgel abgenommen werden, damit er sich nicht erneut in die LĂŒfte erheben kann, bevor Hermes ihn schließlich zurĂŒck auf die Erde bringt.[2] Wie sich zeigt, liefert der Dialog inhaltlich nichts Neues, sodass ich mich im Folgenden inhaltlich auf die „Wahren Geschichten“ konzentrieren werde. Interessant ist hingegen, dass Lukian in „Ikaromenippos oder Die Luftreise“ eine Beschreibung der Erde aus der Weltraumperspektive bietet, die verdeutlicht, wie unbedeutend die Reiche und Kriege der Menschen doch von oben betrachtet erscheinen.

Wie bereits eingangs angemerkt, berichtet Lukian in den „Wahren Geschichten“ von einer Reise in den Weltraum, von außerirdischen Völkern, von einem Krieg zwischen diesen, von der Kolonisation unbewohnter Himmelskörper und schließlich von der EntfĂŒhrung Schlafender durch Außerirdische, weshalb es mehr als verstĂ€ndlich ist, dass die „Wahren Geschichten“ manchen als die Ă€lteste erhaltene Science Fiction-Geschichte gelten. Weshalb sagen aber nun andere, dass es sich nicht um Science Fiction handle? Der entscheidende Punkt ist die Intention des Autors. Lukian hatte nicht vor, das zu schreiben, was wir heute als Science Fiction bezeichnen. Vielmehr ging es ihm darum, phantastische Reisegeschichten und Berichte ĂŒber Wunder und Mythen zu parodieren, wie er in der Einleitung seines Werks klar hervorhebt. So gibt er auch offen zu, dass alles, was er sagt, frei erfunden und in Wahrheit natĂŒrlich unmöglich sei. Lukian ging es darum, auf vordergrĂŒndig plausible Weise eine völlig abstruse Geschichte zu erzĂ€hlen. Dabei greift er vieles auf, was er in antiken Sensationsgeschichten, aber auch bei renommierten Autoren wie Herodot, Thukydides oder Platon gelesen hat, und baut es – teilweise in noch einmal ĂŒberspitzter Form – in seine eigene ErzĂ€hlung ein. Und was böte sich aus antiker Sicht besseres an als eine Reise in den Weltraum, wenn man abstrus-phantastische Reiseberichte noch einmal satirisch ĂŒberbieten möchte?

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Photo: Michael Kleu

Allerdings ist Lukian nicht der Erste, der sich eine Weltraumreise ausdachte. So hatte bereits Antonios Diogenes, der wohl im 2. Jh. n.Chr. lebte, in seinem Roman „Wunderdinge jenseits von Thule“ von einer Reise zu Sonne und Mond berichtet (Photios 111a), was Lukian möglicherweise zu seiner ErzĂ€hlung inspiriert hat. Leider sind uns von diesem Roman nur ganz wenige AuszĂŒge erhalten. Laut Lactantius (3,23,41) habe außerdem Seneca darauf verwiesen, dass sich manche Stoiker Gedanken darĂŒber gemacht hĂ€tten, ob die Sonne bewohnt sei. Über den Mond stellten Philosophen Ă€hnliche Gedanken an, wie aus Lukians „Ikaromenippos oder Die Luftreise“ hervorgeht. Die Grundidee eines bewohnten Weltraums und Reisen zu den Gestirnen hat es demnach bereits vor Lukian gegeben.

Fest steht jedenfalls, dass Lukian mit seinen „Wahren Geschichten“ und mit seiner „Luftreise“ eine satirische LĂŒgengeschichte bzw. einen satirischen Dialog verfasst hat, die entsprechend vieler gĂ€ngiger Definitionen nicht als Science Fiction zu bezeichnen sind. (Zur in diesem Blog verwendeten Definition von Science Fiction geht es hier.) Andererseits haben andere Expertinnen und Experten darauf verwiesen, dass es unerheblich sei, was sich Lukian bei der Niederschrift seiner Werke gedacht hat, da es sich aus der Perspektive einer heutigen Leserschaft dennoch um Science Fiction bzw. eine (unbewusst verfasste) Science Fiction-Parodie handle, da eben einige Elemente vorhanden sind, die wir eindeutig diesem Genre zuordnen wĂŒrden. Somit ist die Frage alles andere als leicht zu beantworten, doch neige ich dazu, mehr Gewicht auf die Perspektive der heutigen Leserschaft als auf die Intention des Autors zu legen. Außer Frage steht, dass die „Wahren Geschichten“ eine wichtige Grundlage fĂŒr spĂ€tere Werke gewesen sind, die wir heute eindeutig zur Science Fiction zĂ€hlen. Zu nennen wĂ€re da z.B. H.G. Wells „The First Men in the Moon“ von 1901.[2] Außerdem hat Lukians Kniff, die Protagonisten durch einen Wirbelsturm in eine Welt gelangen zu lassen, die auf normalem Weg nicht zu erreichen wĂ€re, Schule gemacht: So wird bekanntlich auch Dorothy in Lyman Frank Baums „The Wonderful Wizard of Oz“ (1900) gemeinsam mit ihrem Hund Toto von einem Wirbelsturm nach Oz getragen.[3]

Ob Science Fiction, Proto-Science Fiction, Satire oder was auch immer: Lukian von Samosata ist aufgrund der Wirkungsgeschichte seines Werks nicht aus der Science Fiction wegzudenken und hat es sicherlich verdient, auch heute noch gelesen und geschÀtzt zu werden.

[1] Mit der Idee, auf Tieren oder Fabelwesen zu fliegen, waren die Griechen bereits frĂŒh vertraut, wie einerseits die Mythen um das geflĂŒgelte Pferd Pegasus und andererseits Aristophanes‘ Komödie „Der Frieden“ belegen. In „Der Frieden“ zĂŒchtet sich der Protagonist Trygaios einen riesigen MistkĂ€fer, auf dem er zu den Göttern auf den Olymp fliegt.

[2] Somit erging es Menippos wesentlich besser als Bellerophon, den Zeus zu einem blinden „KrĂŒppel“ werden ließ, weil er den Versuch gewagt hatte, auf Pegasus zum Olymp zu fliegen.

[3] Nesselrath geht in seinem Artikel „Lukian“ (s.u.) von EinflĂŒssen Lukians auf Jules Verne, Edgar Allen Poe und H.G. Wells aus, die sich jedoch weniger direkt nachweisen ließen als die EinflĂŒsse auf verschiedene Autoren des 16. bis 18. Jhs. Zu den Verbindungen zwischen den „Wahren Geschichten“ und H.G. Wells‘ „The First Men in the Moon“ vgl. den Aufsatz von Antony Keen (s.u.).

[3] Vgl. hierzu die kurze Diskussion unter der Filmbesprechung von Flash Gordon in den Kommentaren auf der Filmlichtung.

Übersetzungen:

Ikaromenippos oder Die Luftreise

Wahre Geschichten

Quellenedition:

A.M. Harmon: Lucian in eight volumes, Bd. 1, London/Cambridge, MA. 1961.

Forschungsliteratur:

A. Keen: Mr. Lucian in Suburbia: Links between the True History and The First Men in the Moon, in: B.M. Rogers/B.E. Stevens (Hgg.): Classical Traditions in Science Fiction. Classical presences, Oxford/New York 2015, S. 105-120.

H.G. Nesselrath: Art. Lukian, in: DNP Suppl. 7: Die Rezeption der antiken Literatur (2010), 465-474.

H.G. Nesselrath: Art. Lukianos von Samosata, in: DNP 7: Die Rezeption der antiken Literatur (1999), 493-501.

0 Kommentare zu „Lukian von Samosata (2. Jh. n.Chr.) – Der erste Science Fiction-Autor der Weltgeschichte?

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  1. „true story man“ trotz der Elemente des Science Fiction ist es tatsĂ€chlich naheliegend eine Satire in „der Welt der Götter“ spielen zu lassen. Diese Version dieser Welt hat man vermutlich dem Autoren genau so leicht verzeihen können, wie Christen die Darstellung von Gott in Supernatural verzeihen können.
    Muss wohl mal Richtung Bib aufbrechen…

    1. Ich bin immer wieder erstaunt, wie locker man diesbezĂŒglich in Athen war. Da hatte man keine Probleme damit, an einem Fest zu Ehren des Gottes Dionysos eine Komödie (Aristophanes: Die Frösche) aufzufĂŒhren, in der dieser Gott als totaler Feigling dargestellt wird und sich in einer Szene sogar in die Hose macht, wobei ich nicht von Urin rede … Ziemlich bemerkenswert und irgendwo auch ziemlich sympathisch.

    2. … wobei man dazusagen muss, dass dieselben Athener auch durchaus Leute wegen religiöser Frevel hinrichten ließen. Muss wohl mit dem karnevalesquen Charakter der Dionysien zusammenhĂ€ngen, dass man da so krasse Sachen zeigen durfte.

  2. Die Parodie ist auch eine Art der WĂŒrdigung der Bedeutung eines Genres. Ich finde bemerkenswert, in Unkenntnis aller Details freilich, dass auch hier aus der Parodie gewissermaßen ein Standard aus frĂŒherem zusammengebaut wurde. Ein Standard, der ungeachtet der parodierenden Intention von der Nachwelt (auch) als Beginn/Schaffung eben des parodierten Genres betrachtet wird.

  3. Heute ist mir ein interessantes Heftchen in die HĂ€nde gefallen, hab‘ ich schon vor Jahren bibiographiert und eingelagert:

    Heinz-Peter Preußer
    Der eindimensionale Mythos
    Rezeption und Reduktion der griechischen Antike in der DDR-Literatur
    Schrftenreihe und Materialien der Phantastischen Bibliothek Wetzlar, Kleine Reihe, Band 2
    Wetzlar (Mai 2014), 30 Seiten

    Interessant? – Leider antiquarisch nicht greifbar, aber vielleicht gibt’s dieses Heft noch in der Bibliothek von Wetzlar?
    Hab‘ mal eine Anfrage losgelassen 


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