Shannara

High Fantasy in der Postapokalypse: Terry Brooks‘ Shannara

Mein langer Weg zur Welt von Shannara

Terry Brooks‘ Shannara-Romane zählen zu den Klassikern der Fantasy-Literatur und waren mir dementsprechend bereits zu meiner Teenagerzeit in den 1990er Jahren ein Begriff, zumal sich die Bücher in meinem damaligen Freundeskreis einer gewissen Beliebtheit erfreuten. Obwohl ich mich damals sehr für Fantasy interessierte und mich z.B. vom Pen-&-Paper-Rollenspiel Das Schwarze Auge oder Karl Edward Wagners Geschichten über Kane begeistert zeigte, haben die Shannara-Bücher zu dieser Zeit aus Gründen, die ich heute nicht mehr nachvollziehen kann, nie mein Interesse wecken können.

Als dann 2016 die Fernsehserie The Shannara Chronicles erschien, beinhaltete diese am Rande einen Aspekt, der mich gedanklich längerfristig beschäftigten sollte. Denn obwohl es sich um eine Serie handelt, die ganz klar in den Bereich der High Fantasy fällt, wird gelegentlich deutlich, dass die erzählte Geschichte in der Zukunft unserer heutigen Welt angesiedelt ist.

Dass sich unsere Gegenwart in eine Zukunft mit Elfen, Zwergen, Orks und Magie verwandelt, kannte ich vom Ansatz her bereits aus dem Cyberpunk-Rollenspiel Shadowrun. In Verbindung mit einer High-Fantasy-Welt war mir eine solche Idee jedoch völlig neu, was zu einer gewissen Faszination führte.

2026 hörte ich dann beim Stay-Forever-Podcast die Folge Die Welt von Shannara, in der ich endlich die ganzen Hintergründe zu diesem spannenden Aspekt erfuhr, der mich 10 Jahre zuvor an der Serie so fasziniert hatte. Somit waren die Würfel schließlich gefallen. Gute drei Jahrzehnte, nachdem ich das erste Mal von Shannara gehört hatte, las ich endlich den ersten Band der Reihe.

Und was soll ich sagen? Ein paar Romane später lässt mich die Welt von Shannara einfach nicht mehr los, weshalb ich heute ein paar spoilerfreie Gedanken dazu teilen möchte.

Vorbemerkung

In der deutschen Übersetzung hat man die englischen Originalromane oft in zwei bis drei Bücher aufgeteilt. In meinen Überlegungen gehe ich jeweils von der englischen Ausgabe aus. Hier seht ihr, wie die entsprechenden Bände im Deutschen heißen.

Die erste Shannara-Trilogie

The Sword of Shannara

Alles begann damit, dass der Rechtsanwalt Terry Brooks 1977 mit The Sword of Shannara einen Roman vorlegte, dem ganz deutlich anzumerken ist, dass der Autor zur damaligen Zeit in sehr ausgeprägter Weise von J.R.R. Tolkiens Herr der Ringe beeinflusst war. Denn The Sword of Shannara weist derart deutliche Parallelen zu Tolkiens Meisterwerk auf, dass gelegentlich von einer Kopie oder gar einem Plagiat die Rede ist. Gleichzeitig steht jedoch außer Frage, dass Sword nichtsdestotrotz eine solide Fantasy-Geschichte bietet, die durchaus auch eigene Ideen aufweist.

Tatsächlich störten mich die Parallelen zum Herr der Ringe nicht einmal annähernd so sehr, wie ich vor der Lektüre erwartet hatte. Vielmehr waren mir die Kampf- und Schlachtszenen teilweise zu lang und es nervte mich auch ein wenig, wenn es „tollen Heldenkriegern“ in aussichtslosen Situationen wiederholt gelingt, im Kampfgeschehen überraschend doch noch das Blatt zu wenden. Das war mir alles ein bisschen zu altmodisch. Dennoch war es dem Buch gelungen, mein Interesse zu wecken und die Reihe weiterzulesen.

Die Fortsetzungen Elfstones und Wishsong

Und das war auch definitiv gut so. Denn die Romane The Elfstones of Shannara (1982) und The Wishsong of Shannara (1985) zeigen sehr deutlich, wie Terry Brooks mit jedem neuen Buch weiter als Autor heranreifte, wobei seine Erzählungen nun wesentlich selbständiger werden und sich immer mehr von Tolkien als ursprünglicher Inspirationsquelle lösen. Die Beschreibungen der Kampfszenen, die mir beim ersten Teil noch zu umfangreich waren, fallen nun zunehmend kürzer aus, während parallel dazu die Bedeutung weiblicher Charaktere kontinuierlich zunimmt.

Der Weltenbau

Die Welt von Shannara ist aus unserer heutigen Zivilisation hervorgegangen, die in gewaltigen Kriegen und einer damit verbundenen nuklearen Katastrophe den Untergang gefunden hat. In der Folge entwickeln sich aus den überlebenden Menschen in einem postapokalyptischen Szenario die verschiedenen Völker, die wir aus der klassischen Fantasy kennen. So stammen die Zwerge z.B. von Menschen ab, die sich nach dem Untergang der Zivilisation in Berge und Höhlen zurückgezogen haben. Elfen, Dämonen und Magie hat es hingegen schon immer vor den Augen der Menschen verborgen auf der Erde gegeben.

Die ersten Shannara-Romane spielen alle in einer Region namens Vier Länder bzw. Vierlanden (Four Lands), die aus unserer heutigen Sicht im Pazifischen Nordwesten liegt, also in den nordwestlichen USA und dem südwestlichen Kanada. Obwohl es zum Beispiel immer noch den nun als Silver River bezeichneten Columbia River gibt, haben sich die geographischen Gegebenheiten durch die große Katastrophe im Vergleich unserer Welt teilweise erheblich verändert.

Die Handlung von Sword ereignet sich etwa 2000 Jahre nach der Katastrophe. Zu diesem Zeitpunkt verfügen nur noch die wenigsten Bewohner*innen der Vier Länder über Wissen über die vorherige Welt und den durch die verheerenden Kriege ausgelösten Wandel. So ist es in den ersten drei Shannara-Romanen der Druide Allanon (s.u.), der die Protagonist*innen und somit auch uns Leser*innen wiederholt über die vergangenen Ereignisse aufklärt. Gelegentlich begegnen uns in den Erzählungen auch die Ruinen vergangener Großstädte oder andere Überbleibsel aus der Zeit vor der Katastrophe.

Eingebettet ist all dies in einen ewig währenden Kampf zwischen Gut und Böse, der seit Anbeginn der Zeit die Geschichte der Menschheit prägt.

[Eine ausführliche Beschreibung der Welt von Shannara erhaltet ihr im oben angesprochenen Podcast.]

Wer oder was ist eigentlich Shannara?

Einst hatte der Elfenkönig Jerle Shannara vom Druiden Bremen das magische Schwert erhalten, nach dem der erste Shannara-Roman benannt ist. Da aufgrund gewisser Umstände nur leibliche Nachfahr*innen dieses Elfenkönigs das Schwert führen können, rückt in The Sword of Shannara der nichts von seiner Abstammung ahnende Halb-Elf Shea Ohmsford in den Fokus der Erzählung. Und weil die Protagonist*innen der folgenden Romane alle von Shea abstammen, geht es immer um Abkömmlinge der Shannara-Linie, auch wenn diese seit Shea via Adoption den Nachnamen Ohmsford tragen.

Mein Gesamteindruck von der ersten Trilogie

Alle drei Romane erzählen eine klassische Quest, in der sich eine Gruppe von Held*innen im Rahmen einer Heldenreise auf die Suche nach etwas begibt, um die Welt vor einer großen Gefahr bzw. vor dem Untergang zu retten. Das erscheint aus heutiger Sicht natürlich keineswegs innovativ, doch haben mir dennoch die Auflösungen am Ende der jeweiligen Erzählung durchaus gefallen, was besonders für Elfstones und Wishsong gilt. Initiiert werden alle drei Abenteuer durch den bereits angesprochenen Druiden Allanon, der als geheimnisvoller Mentor fungiert und ein wenig an Merlin erinnert.

Die Protagonist*innen sowie einige Nebencharaktere stammen über Generationen hinweg immer wieder aus denselben Familien, wobei der Fokus auf den eben vorgestellten Ohmsfords liegt. Teilweise führt dies zu etwas schablonenhaften Charakteren, da die jeweiligen Abkömmlinge einer Familie einander manchmal derart ähneln, dass ich sie im Rückblick gar nicht mehr auseinanderhalten kann. Für mich überwiegt aber die Freude darüber, die Geschichte der betreffenden Familie auch in der nächsten Generation begleiten zu können, zumal Terry Brooks wirklich gut darin ist, auch ohne sonderlich viel Tiefgang richtig sympathische Figuren zu kreieren.

Etwas lästig wirkte auf mich das Misstrauen, das die Protagonist*innen in jedem Buch dem Druiden Allanon entgegenbringen, wenn er sie das erste Mal aufsucht, um sie mit einer großen Aufgabe zu betrauen. Schließlich wissen die betroffenen Personen ja sehr genau, dass ihre Vorfahren mit Allanons Hilfe die Welt gerettet haben, er also kein völlig schlechter Kerl sein kann. Irgendwie ist es aber auch nicht ganz unsympathisch, dass die jeweiligen Familien es dem Druiden über Generationen hinweg übelnehmen, ihnen zu Beginn eines jeden Abenteuers nie die ganze Wahrheit über die bevorstehenden Aufgaben offenbart zu haben …

Zwischenfazit

Langer Rede kurzer Sinn: Nachdem Sword mein Interesse an der Welt von Shannara geweckt hat, haben Elfstones und Wishsong einen begeisterten Fan aus mir gemacht.

Shannara
High Fantasy in der Postapokalypse: Shannara (Das Bild zeigt den Columbia River, aus dem in der Welt von Shannara der Silver River wird.)

Das Abenteuer geht weiter: Heritage of Shannara

In der Folge legte Terry Brooks eine Tetralogie vor, die sich aus den vier Romanen The Scions of Shannara (1990), The Druid of Shannara (1991), The Elf Queen of Shannara (1992) sowie The Talismans of Shannara (1993) zusammensetzt und in ihrer Gesamtheit als Heritage of Shannara (Erben von Shannara) bezeichnet wird.

Während die ursprüngliche Shannara-Trilogie aus drei Einzelerzählungen besteht, die nur lose aufeinander aufbauen, handelt es sich bei Heritage of Shannara um eine längere zusammenhängende Geschichte, die etwa 300 Jahre nach dem Ende von The Wishsong of Shannara angesiedelt ist.

Auch hier geht es primär um die Nachkommen der in den ersten drei Teilen liebgewonnenen Familien, wobei es drei Protagonist*innen gibt, die im ersten Buch (Scions) bei einem gemeinsamen Treffen jeweils mit einer eigenen Quest versehen werden, bevor die Handlungsfäden im letzten Teil (Talismans) schließlich wieder zusammenfließen.

Auch dieser Vierteiler erscheint aus heutiger Sicht nicht sonderlich modern, weiß aber insgesamt dennoch zu überzeugen, zumal Terry Brooks hier qualitativ im Vergleich zur ersten Trilogie noch einmal eine Schippe draufgelegt hat. Beim etwas unnötig in die Länge gezogenen Ende der Geschichte muss man vielleicht ein paar Abstriche machen, insgesamt hat mir die Tetralogie aber sehr gut gefallen.

Word & Void: Vor der Apokalypse

Nachdem er 1996 mit First King of Shannara ein einbändiges Prequel zur ersten Trilogie verfasst hatte, tat Terry Brooks etwas sehr Bemerkenswertes, indem er die Pfade der High Fantasy verließ und mit Word & Void einen Dreiteiler verfasste, der in unserer Welt der Jahre 1997 bis 2012 spielt und in den Bereich der Urban Fantasy einzuordnen ist.

Hier erzählen uns die Romane Running with the Demon (1997), A Knight of the Word (1998) und Angel Fire East (1999) von Nest Freemark und John Ross, die als magiebegabte junge Frau bzw. als sogenannter Ritter des Wortes Dämonen und böse Mächte bekämpfen, die die uns bekannte Welt ins Chaos stürzen wollen. Die Trilogie zeigt also den Kampf zwischen Gut (Word) und Böse (Void), wie er sich unbemerkt vom Großteil der Menschheit vor Katastrophe und Postapokalypse abgespielt hat, und stellen somit bisher die früheste Vorgeschichte der Shannara-Welt dar.

Und auch in diesem Urban-Fantasy-Setting versteht Terry Brooks zu liefern. Zwar stellen die betreffenden Bücher wiederum keine Paradebeispiele für literarischen Tiefgang dar, doch sind sie spannend geschrieben und verstehen es ebenso gut wie ihre Vorgänger, der Leserschaft die Hauptcharaktere ans Herz wachsen zu lassen.

Die Trilogie weist für sich genommen keinen direkten Bezug zu Shannara auf und kann dementsprechend ohne jedes Vorwissen gelesen werden.

Was gibt es sonst noch von Shannara?

Die übrigen Bücher der Shannara-Welt erzählen zum Einen noch die Geschichte der gut 700 Jahre, die auf die Ereignisse von Heritage of Shannara folgen und füllen zum Anderen die Lücken zwischen Word & Void und The First King of Shannara bzw. The Sword of Shannara. Insgesamt liegen derzeitig über 30 Romane sowie diverse Kurzgeschichten vor.

Das Ende von Shannara?

Terry Brooks ist 1944 geboren und dementsprechend mittlerweile über 80 Jahre alt, wodurch sich natürlich die Frage stellt, ob denn irgendwann mal Schluss ist mit Shannara.

Zumindest auf die kommenden Jahre bezogen ist dies nicht zu erwarten. Terry Brooks befindet sich zwar im mehr als verdienten Teilruhestand, doch hat er die von ihm geschaffene Welt in die Hände der Autorin Delilah S. Dawson gelegt, die mit Brona erst vor wenigen Tagen ihren ersten Shannara-Roman vorgelegt hat.

Schlussbetrachtungen

Nachdem ich mittlerweile ein gutes Drittel der bisher erschienenen Shannara-Bücher gelesen habe, bin ich sehr beeindruckt von der Welt, die Terry Brooks da im Laufe der Jahrzehnte geschaffen hat, wobei es mich weiterhin fasziniert, dass die Geschichte in unserer Zukunft spielt. Hinzu kommt, dass mir Themenfelder wie Untergang und Apokalypse durchaus gut in unsere aktuelle Zeit zu passen scheinen.

Sicherlich sind die Erzählungen etwas einfacher gehalten als Tolkiens Herr der Ringe und es lässt sich auch nicht abstreiten, dass besonders die ersten Teile im Wesentlichen immer nach einem ähnlichen Schema aufgebaut sind. Nichtsdestotrotz bieten die Romane richtig gute Fantasy-Unterhaltung. Es muss ja auch nicht immer das ganz große Epos mit eigenen Sprachen etc. sein. Manchmal sind auch etwas schneller erzählte kürzere Geschichten schön.

Interessant ist jedenfalls, wie aus einem Buch, das sich vielleicht etwas zu sehr am Herrn der Ringe orientiert hat, eine Reihe mit mehr als 30 Romanen entwickeln konnte, die eine durchaus beeindruckende eigenständige Welt erschaffen haben.

Ich bin jedenfalls sehr froh darüber, mit einer Verspätung von drei Jahrzehnten endlich Shannara für mich entdeckt zu haben. Vielleicht sollte ich dann jetzt auch mal in The Wheel of Time, The Dark Elf Trilogy und andere Fantasy-Klassiker hineinschauen, die meine damaligen Freunde schon in Teenagerzeiten verschlungen haben.

Michael Kleu

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