Stargate Atlantis – Antikenrezeption in der Pegasus-Galaxie (Paula Randerath)

Mykene und Atlantis

Dr. Jackson:   It’s like we just stepped into the citadel at Mycenae.

Col. O’Neill:   Thought you said it was Greek.

Dr. Jackson:   Oh, uh… Mycenae was an ancient city in the southern Peloponnese region.

Col. O’Neill:   Where’s that?

Dr. Jackson:   Greece.

Col. O’Neill:   Why do I do that?[1]

Mykene ist nicht die einzige Stadt der Antike, über deren Untergang nur spekuliert werden kann. Auch (das fitktive) Atlantis hatte, so Platon, eine Blütezeit[2], blieb aber dennoch vor seinem traurigen Schicksal nicht bewahrt. Die Geschichte ist allgemein bekannt: Atlantis versinkt, weil sich die göttlichen Nachfahren von Poseidon zu sehr mit den Menschen vermischen und die Moral in der Stadt verfällt. Dass die Stadt Atlantis versunken am Meeresgrund liegt, als das Exkursionsteam aus Stargate Atlantis (im Folgenden SGA) sie zum ersten Mal betritt, ist nach Platon also nur konsequent.

Antikenbezüge in Stargate

Doch das ist nicht der einzige Antikenbezug, der sich im Metro-Goldwyn-Mayer Stargate-Universum finden lässt. Dieser Artikel soll einige der Anspielungen auf die Antike aufgreifen und kommentieren. Eine Analyse der Serie kann hier aber bestenfalls nur angeschnitten werden. In Hinblick auf die Vorgeschichte der Regisseure lassen sich aufgrund von Studium oder ihren bisherigen Veröffentlichungen keine Rückschlüsse auf ein besonderes Interesse an der Antike ziehen. Wieso also wird im Stargate-Universum immer wieder auf sie zurückgegriffen?

Das Spin-Off eines Spin-Offs

Stargate Atlantis ist das Spin-Off eines Spin-Offs: Während der originale Film Stargate aus dem Jahr 1994 von Regisseur Roland Emmerich geleitet wurde (auch hier ist man inhaltlich nicht weit von der Apokalypse entfernt), werden in den Spin-Offs Stargate Kommando – SG1, Stargate Atlantis (im Folgenden SGA) und Stargate Universe andere Regisseure eingesetzt. Robert C. Cooper, Regisseur bei SGA, ist vom Stargate-Universum dermaßen beeindruckt, dass er dazu außerdem eine Comicreihe veröffentlicht. Die echten Geeks finden sich dennoch wohl eher unter den Schauspielern als unter den Regisseuren: David Hewlett zum Beispiel (er spielt Dr. Rodney McKay ) spricht davon, in Stargate die Rolle seiner Träume zu verkörpern[3].

Die Stargates

Im Stargate-Universum sind alle Planeten über sogenannte Stargates miteinander verbunden. Durch gezieltes „Anwählen“ eines anderen Stargates werden Wurmlöcher aufgebaut, durch die man in Sekundenschnelle zum Zielort auf einem anderen Planeten gelangt. Der Film Stargate spielt in unserer Gegenwart, in der zum ersten Mal ein Wurmloch zu einem unbekannten Planeten über das Stargate hergestellt werden kann. Ein Expeditionsteam wird dorthin geschickt.

Das Alte Ägypten

Das Stargate auf dem unbekannten Planeten befindet sich in einem pyramidenartigen Bau in der Wüste. Direkt zu Beginn seiner Expedition trifft das Team auf das versklavte Volk, das gerade weitere Pyramiden baut. Ganz klar: Das Setting des Films spielt im Alten Ägypten. Auch das äußere Erscheinungsbild der Menschen ist an die allgemeine Vorstellung über diese Epoche angepasst. Für die Produktion wurde sogar ein Ägyptologe engagiert, der die richtige Anwendung der ägyptischen Sprache sichterstellen sollte[4], um den Film möglichst authentisch wirken zu lassen.

Die außerirdischen „Götter“

Beinahe zeitgleich mit dem Expeditionsteam – und in regelmäßigen Abständen – kommen auch die angeblichen Götter des ägyptischen Volkes auf den Planeten (in einem pyramidenartigen Raumschiff). Diese Götter tragen Namen wie Ra und, so finden wir nachher heraus, gehören zu der Rasse der Goa’uld, die lediglich über fortschrittliche Technologie verfügt, aber keine übernatürlichen Fähigkeiten besitzt. Wir erfahren außerdem, dass die Goa’uld bereits vor 2.500 Jahren auf der Erde waren, um sich von den damaligen Zivilisationen verehren zu lassen. Auf der Erde aber hatte es eine Revolte gegeben. Das Stargate hatte man vergraben und war so die vermeintlichen Götter losgeworden. Das Expeditionsteam kann im Laufe der Geschichte – Achtung Spoiler! – diese „Götter“ entlarven, mit Technologie von der Erde bekämpfen, das Volk auf dem unbekannten Planeten befreien und zur Erde zurückzukehren.

An dieser Stelle wird auch eine typische Eigenschaft der Science-Fiction dargelegt: die Erklärung irrationaler Phänomene durch Wissenschaft. Dass die Menschen auf der Erde an ägyptische Götter geglaubt haben, lässt sich nach dem Stargate-Universum durch die Ankunft der hochtechnologisierten Goa’uld erklären, deren Herrschaft die Menschen nur durch eine Rebellion abschütteln konnten.

Stargate Atlantis
Stargate (Photo: Jan Niklas Kuhlmann)

Stargate Atlantis

In dem SGA-Spin-Off kann das Stargate auf der Erde nun zum ersten Mal das Gate in der Stadt Atlantis anwählen. Das Problem: Die Stadt liegt auf einem Planeten in der Pegasus-Galaxie. Es ist aber nur genug Energie da, um einmal ein Wurmloch von der Milchstraße in diese Galaxie aufzubauen. Sobald das Team also durch das Tor tritt, gibt es keinen Weg zur Erde mehr zurück. Vor Ort entdeckt das Expeditionsteam, dass das Gate zwar in die Stadt Atlantis führt, die gesamte Stadt aber versunken ist und unter einer Sauerstoffblase liegt.

Dass die Stadt bei Ankunft des Expeditionsteams auf dem Meeresgrund liegt, ist eindeutig von Platons Geschichte über den Untergang von Atlantis kopiert. Über die ehemaligen Bewohner der Stadt erfahren wir im Laufe der Serie mehr. Ansonsten sind optisch keine Anlehnungen an Stadtbeschreibungen von Platons Atlantis zu erkennen, lediglich die Raumstrukturen im Atlantis der Serie weisen auf einen Rat hin, der Atlantis regiert haben kann. Wer mag, kann hier sehr einfach Anlehnungen an die Gremien des antiken Demokratiesystems erkennen.

Im Laufe der Serie kann die Stadt wieder an die Oberfläche steigen (nicht nur das; aber hier mal keine Spoiler). Über Schiffe und die Stargates innerhalb der Pegasus-Galaxie tritt das Team außerdem in Kontakt mit Völkern auf anderen Planeten. Mit ihrer Ankunft aber haben die Menschen von der Erde auch die Wraith aufgeweckt: Das sind die Feinde der Galaxie, die sich von Menschen ernähren. Das Ziel der Expedition lautet nun: die Wraith besiegen und einen Weg zurück zur Erde zu finden – mitsamt persönlicher Ziele natürlich, denn die Charaktere verlieben sich fleißig, versuchen aufzusteigen, sich zu beweisen, etc.

Zwischenfazit

In einem ersten Zwischenfazit kann man bereits festhalten, dass es alleine bereits im Setting der Story viele offensichtliche Anspielungen an die Antike gibt: Im ursprünglichen Film ist das das Alte Ägypten mit dem Bau der Pyramiden und dem Glauben an Ra. In Stargate Atlantis lehnt man sich hier eindeutig an Platon an. Auch der Grundgedanke eines Expeditionsteams, das von Atlantis aus die Planeten in der Pegasus-Galaxie anfliegt und dort gegen das „Monster of the week“ kämpft, kann man ganz leicht mit der Odyssee verknüpfen, indem man hier einfach die gleichen Argumente nimmt wie bei Star Trek: Eine Besatzung in den Weiten des Weltraums auf dem Heimweg, die immer wieder auf Hindernisse und Gefahren trifft, die sie umgehen müssen und welche ihre Heimreise verzögern. Ebenso auffallend: Die Namen der Schiffe (Deadalus, Aurora, Orion) und einiger technischer Artefakte (z.B. der Asgard-Transporter) sind eindeutig Namedropping nach Kleu.

Die Antiker

Gewichtige Antikenrezeption findet man aber an anderer Stelle: Die Antiker sind ein Volk, das früher in der Pegasus-Galaxie gelebt und hier als Hauptfeind gegen die Wraith gekämpft hat. Sie haben auch Atlantis gebaut und waren hoch technologisiert. Diese Technologie konnten sie nur durch ihre Gene bedienen. Nach einem entscheidenden Kampf aber haben sich die Antiker zurückgezogen: Sie sind auf die Erde gekommen.

Antiker sterben nicht, sie „steigen auf“, wenn sie einen gewissen Seelenzustand erreichen (das bedeutet, ihr Körper wird immateriell und die weiße Seele fliegt in Richtung Himmel). Bis zu diesem Punkt haben sich einige der Antiker mit den Menschen gepaart, Kinder gezeugt und dadurch ihre Gene weitervererbt. Das ist auch der Grund, warum alle Expeditionsteilnehmer nach Atlantis über dieses bestimmte Gen verfügen müssen; sonst sind sie nicht im Stande, die Technologie der Stadt zu benutzen.

„Halbgötter“ mit Antiker-Gen

Im weiteren Sinne kann man die Teilnehmer des Expeditionsteams also als Halbgötter bezeichnen, besitzen sie doch alle das Antiker-Gen. Das bereits verwendete Zitat von Platon: „Auf dieser Insel Atlantis nun bestand eine große und bewundernswerte Königsherrschaft, welche nicht bloß die ganze Insel, sondern auch viele andere Inseln und Teile des Festlands unter ihrer Gewalt hatte“[5] gewinnt damit völlig andere Bedeutung für die Serie, denn tatsächlich sind die Menschen von der Erde mit ihrer Antiker-Technologie den anderen Kulturen der Pegasus-Galaxie dermaßen überlegen, dass sie häufig als Götter empfangen werden oder rein theoretisch die Macht besitzen, wie Könige über andere Völker zu  herrschen.

Neoplatonismus

Ebenso erinnert der Vorgang des Aufsteigens der Antiker an die neoplatonische Schule: Auch hier wird der Körper nur als eine Hülle der Seele auf der „Zwischenstation Erde“ wahrgenommen. Aufsteigen kann nur, wer tugendhaft ist und aufrichtig an die Götter geglaubt hat. Das passt ebenso gut in die Antikenrezeption wie die anderen Eigenschaften, die den Antikern in SGA zugeschrieben werden: Sie können sich selber heilen, sind also beinahe unsterblich und nahezu gottgleich, ihre Gesellschaft wird von einem Senat geführt und ihre Sprache ist eine Urform des Lateinischen.

Folge 3.15: „The Game“

Nicht zuletzt spielt auch die Frage des „Gott-Seins“ eine Rolle in Folge 3.15: „The Game“. Die beiden Teammitglieder McKay und Sheppard spielen ein Konsolenspiel, ähnlich wie Age of Empires, bei dem jeder ein eigenes Volk aufbaut. McKays und Sheppards Völker werden nur durch einen Fluss getrennt. Die beiden Spieler sind als „Orakel“ in das Spiel integriert. Im Laufe der Serie stößt das Expeditionsteam dann auf einen Planeten, der sie an ihren Planeten im Spiel erinnert. Und tatsächlich, es befinden sich dort zwei sich bekriegende Völker, die Sheppard und MacKay als ihre Orakel identifizieren. Dabei ist das Volk von McKay in weißen Klamotten (wenn auch keinen Togen) gekleidet und mutet deshalb auch noch antik an (Sheppards Volk sieht eher aus wie ein Haufen „Barbaren“). In der Folge bekriegen sich die Völker natürlich und Sheppard und McKay müssen ihren freundschaftlichen Zwist beseitelegen, damit die Völker im Spiel friedlich miteinander leben können.

Fazit

Auch wenn nicht alle Elemente der Serie so einfach als Antikenrezeption zu identifizieren sind wie die Folge „The Game“ oder das Namedropping der Raumschiffsnamen, bietet das Stargate-Universum doch sehr viel Platz für Interpretationen und Antikenbezüge. Neben der „Bigger Idea“ der Odyssee lassen sich also immer wieder Aspekte und Ideen aus der Antike in den Serien und dem Originalfilm finden. Sicherlich unterscheidet sich Stargate in diesem Punkt nicht allzu sehr von anderen Science-Fiction Serien wie Star Trek. Die Stargates und die charmant-witzigen Charaktere zeichnen SGA und die SG1-Staffeln aber als besonders wertvoll aus – zwischen all den anderen Raumfahrtsserien hat Stargate also auf jeden Fall Existenzberechtigung.

Welche Funktionen die Antikenbezüge nun einnehmen, mag den Rahmen des Artikels sprängen und ist alleine aufgrund des Stargate-Universums nicht erklärbar. Sicherlich ist die häufige Verwendung von gleichen Motiven – so das von Atlantis, z.B. in Aquaman oder die 13 ½ Leben des Käpt’n Blaubär  – ein Hinweis darauf, dass gewisse Legenden und Erzählmotive einfach funktionieren: Die Zuschauer werden nicht nur ständig mit ihnen konfrontiert; der Erfolg der Filme und Bücher gibt der Verwendung der Motive in seiner Existenzberechtigung durchaus Recht.

Über die Autorin

Paula Randerath studiert Geschichte an der Universität Bonn.

Anmerkungen

[1]Zitiert nach Stargate SG1, Folge 1.9 „Brief Candle“, https://en.wikiquote.org/wiki/Stargate_SG-1.

[2]“Auf dieser Insel Atlantis nun bestand eine große und bewundernswerte Königsherrschaft, welche nicht bloß die ganze Insel, sondern auch viele andere Inseln und Teile des Festlands unter ihrer Gewalt hatte“ (Platon, Timaios 25a. ÜS nach Franz Susehmil 1991).

[3]So zumindest laut eigenem Interview auf Youtube: „David Hewlett Shows You How To Fight The     Genii | Stargate Atlantis“ https://www.youtube.com/watch?v=xxc5qYiT_GE&list=PLKsQSkGgZs5Ym8cIj5H50xrvO-3q2ZFBS&index=46 (zuletzt wiedergegeben am 06.03.2020).

[4]https://de.wikipedia.org/wiki/Stargate_(Film)#cite_note-5 (zuletzt aufgerufen am 06.03.2020.)

[5]Gilles 2007, S. 282.

Literatur:

  • Gillis, John: Island Sojourns, in: Geographical Review2 (2007), S. 274-287.
  • MacKinnon, Sarah: Stargate Atlantis: Islandness in the Pegasus Galaxy, in: Shima: The International Journal of Research Into Island Cultures2 (2016), S. 36-49.
  • Sämtliche Werke/8. Philebos, Timaios, Kritias: In 10 Bänden. Griechisch und Deutsch, Frankfurt am Main [u.a.] 1991.
  • YouTube: David Hewlett Shows You How To Fight The Genii | Stargate Atlantis https://www.youtube.com/watch?v=xxc5qYiT_GE&list=PLKsQSkGgZs5Ym8cIj5H50xrvO-3q2ZFBS&index=46 (zuletzt wiedergegeben am 06.03.2020).

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