Hades – Flucht aus der Unterwelt (Alexander Naumann)

„Hades“ ist das vierte Videospiel des Indie-Entwicklers Supergiant. Wie die Vorgänger legt „Hades“ großen Wert auf eine gelungene 2D-Präsentation, Musik und Sprachausgabe. Neu ist hingegen für das Indie-Studio, dass das Spiel auf der griechischen Mythologie basiert. Die mythischen Vorlagen behandelt Supergiant mit Respekt, spinnt jedoch eigene Geschichten weiter.

Ein Gott mit vielen Ursprüngen

Hauptcharakter ist Zagreus, Sohn des Hades, der versucht aus der gleichnamigen Unterwelt zu fliehen, um an der Oberfläche nach seiner verschwundenen Mutter zu suchen. Wer sich mit der griechischen Mythologie auskennt, hat vielleicht schon eine Idee, um wen es sich dabei handeln könnte. An Zagreus selbst zeigt sich, dass die Entwickler ihre Hausaufgaben gemacht haben. Zagreus ist ein weniger bekannter Gott mit einer verworrenen Abstammung. Laut der thrakisch-phrygischen Tradition ist er ein Proto-Dionysos, Kind des Zeus und der Semele, der von den Titanen zerrissen wurde. Zeus zeugte ihn später mit Semele ein zweites Mal, diesmal entstand daraus der Gott Dionysos. Andere Quellen identifizieren diesen Namen mit einem orphischen Dionysos. Als eine Art Easter Egg nimmt das Spiel den dionysischen Ursprung auf die Schippe, wenn Orpheus ihn im Laufe seiner Nebengeschichte für den Gott des Weines hält.

Hades
© Supergiant

„Hades“ stützt sich auf einen anderen Mythos. Laut dem Epos „Alkmaionis“ (600 v. Chr.) ist er ein Unterweltsgott und wird in einem Atemzug mit Gaia als der höchste Gott gepriesen, wobei möglicherweise seine Position als Unterweltsgott gemeint ist. In dem von Aischylos verfasstem Stück „Sysiphus“ erscheint er als Sohn des Hades, während im Stück „Aigyptos“ vom selben Verfasser er mit dem Hades selbst gleichgestellt wird.

Zagreus‘ Flucht aus dem Hades

Der Zagreus im Videospiel wirkt nicht unbedingt so, wie man sich einen Unterweltsgott vorstellen mag. Im Gegensatz zu seinem schlecht gelaunten Vater – wobei die ständigen Ausbruchsversuche seines Sohnes wahrscheinlich der Hauptgrund für die miese Laune sind – kommt Zagreus kollegial, gesprächig, zuvorkommend und hilfsbereit rüber. Gepaart mit einer guten Priese trockenem Humors wird daraus ein durchaus sympathischer Hauptcharakter. Wenn Zagreus im ersten Bosskampf der Erinye Megaira gegenübersteht, versucht er sie charmant davon zu überzeugen, ihn einfach vorbeizulassen. Was für viele Spieler womöglich mit dem ersten Tod endet.

erinye megaira
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„Hades“ ist ein Rouge-like Game. Das Spiel ist in Durchläufe unterteilt, in dem der Spieler immer wieder versucht, das Ende zu erreichen. Stirbt er, wird er sofort an den Anfang zurückversetzt. Kein Speichern, kein Laden des Spielstands. Der Zufallsfaktor spielt dabei eine entscheidende Rolle: Nicht nur werden die Räume auf dem Weg zum nächsten Boss zufällig generiert, auch die darin befindlichen Gegner sind nicht immer dieselben.

Sobald Zagreus alle Gegner ausgeschaltet hat, winkt eine Belohnung. Entweder Ressourcen, mit denen Zagreus im Laufe des Spiels immer stärken werden kann, oder diverse Boni, welche sich auf den aktuellen Durchlauf auswirken. Manchmal ist einem das Glück hold und man findet eine starke Kombination aus diversen Göttergaben und Upgrades der eigenen Waffe. Dank dem Zufallsfaktor ist kein Durchlauf gleich.

Klöppeln durch die Unterwelt

Zagreus kämpft sich während eines Durchlaufs zunächst durch die dunklen Kammern des Tartaros, dann überquert er die feurigen Flüsse von Asphodel, misst sich anschließend mit den verstorbenen Recken in Elysium und dringt schließlich in den Tempel des Styx ein, bevor er die Oberfläche erreicht.

tartaros
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Am Ende jedes Bereichs der Unterwelt stellt sich ihm ein Endgegner entgegen, allesamt Figuren aus der griechischen Mythologie. Im Tartaros ist es eine von drei (manchmal sogar alle drei auf einmal) Erinyen, im Elysium sind es der Minotaurus und der Held Theseus, die sich nach ihrem Ableben verbrüdert haben. Was die Standard-Gegner anbelangt, haben sich die Entwickler mehr Freiheiten gelassen. Gegner wie die Shades und die Medusen-Köpfe sind in der griechischen Mythologie begründet, andere wie Bomben schmeißende Skelette eher weniger, auch wenn kleine Texte ihr Dasein in der Unterwelt erläutern.

Gesprächige Götter und ihre Gaben

Ein wichtiger Aspekt von „Hades“ sind die Götter und ihre göttlichen Gaben. Das Spiel unterteilt die Götterwelt in chthonische und olympische Götter, von denen die meisten Zagreus wohlgesinnt sind. Die Olympier versuchen Zagreus bei seinem Ausbruchsversuch aktiv zu unterstützen, indem sie ihm göttliche Gaben senden, die als Belohnung am Ende eines Kampfes erscheinen können. Beinahe jedes Mal, wenn Zagreus einen der Götter aufruft, schwatzen diese mit ihm einen Augenblick. Das Spiel verfügt über Tausende von Dialogen, sodass man schon viele Stunden spielen muss, bevor den Göttern die Themen ausgehen. Die Darstellung der Götter ist gewiss Supergiants eigene Interpretation, trifft ihren Charakter doch sehr gut. Zeus wirkt wie der gönnerhafte, reiche Onkel, während Poseidon eher einem gut gelaunten Surfer-Typ entspricht. Artemis ist eher zurückhaltend, Aphrodite flirtet einfach drauflos und Dionysos ist immer in bester Party-Laune.

Ein ständiges Thema ist ihre Beziehung zu Hades, Zagreus‘ Vater. Das Hauptaugenmerk der Entwickler lag darin, die griechische Götterwelt als eine dysfunktionale Familie darzustellen. Die eher dunklen Aspekte der griechischen Götter, wie etwa Zeus‘ Frauengeschichten, die oftmals ohne den Konsens der Frauen abliefen, oder Artemis‘ Massaker an den Kindern der Niobe, verschweigt das Spiel, um sie sympathischer darzustellen.

Die Kräfte der göttlichen Gaben richten sich dabei nach den Gottheiten. Zeus gibt einem Blitze, Poseidon den Reichtum der Meere sowie Wellen. Bei Artemis dreht sich alles um Treffsicherheit und direkten Schaden, Ares verleiht einem wirbelnde Klingen und Athene schützende Schilde. In den meisten Fällen ist es so ziemlich das, was man erwartet. Spannend wird es, wenn man ein „Duo“ erhält. Dann kann sich Zagreus eine Gabe auswählen, welche die Kräfte zweier Götter kombiniert. Die Dialoge, wenn eine Gottheit die andere ankündigen muss oder einfach ungefragt dazwischenredet, sind oft für einen Lacher gut.

Dionysos
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Trautes Heim

Stirbt Zagreus im Laufe seines Ausbruchsversuchs, dann wird er zurück in den Palast seines Vaters gesendet. Hier trifft er auf verschiedene Sagengestalten. Achilles gibt ihm Tipps für den Kampf, Hypnos heißt die Neuankömmlinge willkommen, Zagreus kann angespannte Gespräche mit seinem Vater führen oder Cerberus streicheln. Die Entwickler spinnen die Geschichte mancher Figuren aus der griechischen Antike weiter. Orpheus, vollkommen aufgelöst und deprimiert nach seinem missglückten Rettungsversuch der Eurydike, hat seine Gesangsstimme verloren, während Eurydike nach Orpheus‘ Debakel gar nicht gut auf ihn zu sprechen ist. Die Nymphe findet Zagreus schließlich in der Unterwelt und beginnt, zwischen den beiden einst Liebenden zu vermitteln. Dafür muss der Spieler immer wieder mit den beiden Charakteren sprechen. Ob Zagreus bei seinen Fluchtversuchen auf Eurydike trifft, entscheidet wiederum der Zufallsfaktor.

Wie viel griechische Mythologie steckt nun in „Hades“?

Die griechischen Sagen, ihre Figuren und Götter werden in „Hades“ mit sehr viel Liebe wiedergegeben. Man merkt den Machern die Leidenschaft für diese Thematik an. Ob einem die Eigenkreationen von Supergiant gefallen, bei denen die Geschichten der griechischen Sagengestalten weitererzählt werden, muss man selbst entscheiden.

Hades
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Über den Autor

Alexander Naumann ist ein deutscher Fantasy-Autor mit einem ausgeprägten Hang zur griechischen Antike.

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