The Gorgon – Eine Gorgone in einer Hammer Film-Produktion

Zu den zahlreichen Horrorfilmen der legendären Hammer Film Productions zählt auch The Gorgon aus dem Jahr 1964, der in Deutschland unter dem Titel Die brennenden Augen von Schloss Bartimore lief. Der Film zählt zu den wenigen schönen Beispielen, in denen Figuren aus der griechisch-römischen Mythologie im Horror-Genre Verwendung finden.

The Gorgon – Eine Zusammenfassung

In Vandorf ereignen sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts seltsame Todesfälle. Denn seit einigen Jahren tauchen hier immer wieder versteinerte Leichen auf. Obwohl Polizei und der örtliche Arzt Dr. Namaroff (Peter Cushing) die Vorfälle zu verschleiern versuchen, gibt es Gerüchte, dass in Wahrheit ein Monster aus der Antike für die Vorfälle verantwortlich ist …

Sonderbare Mordfälle in einem deutschen Dorf

Als eine versteinerte junge Frau aufgefunden wird, versuchen Dr. Namaroff, die Polizei und ein Richter, deren Liebhaber den Mord in die Schuhe zu schieben. Professor Jules Heitz, der Vater des zwischenzeitlich erhängt aufgefundenen Beschuldigten, ahnt, dass etwas nicht mit rechten Dingen zugeht und stellt eigene Untersuchungen an, um seinen Sohn zu entlasten. Obwohl Dr. Namaroff ein Studienfreund des Professors ist, verweigert dieser ihm jede Unterstützung.

Die Legende von Vandorf

Erstaunlicherweise spricht Professor Heitz Dr. Namaroff auf eine alte Legende an. Es habe vor langer Zeit drei Gorgonen gegeben, von denen zwei getötet wurden, während sich die Dritte, die den Namen Megaira trägt, in die Gegend von Vandorf geflüchtet haben soll. Wenn ein Sterblicher Megaira anschaue, würde er sich sogleich in Stein verwandeln. Obwohl Heitz nichts von der Versteinerung der Toten weiß, bringt er diese Legende wohl aufgrund der geographischen Überschneidung mit den sieben ungeklärten Todesfällen der letzten fünf Jahre in Verbindung. Dr. Namaroff verweist lediglich darauf, dass es sich dabei bloß um eine 2.000 Jahre alte Geschichte handle und das Übernatürliche nichts für Wissenschaftler sei.

Prof. Heitz studiert in der Folge ein Buch über die Legende von Vandorf, um seinem Verdacht nachzugehen. Per Telegramm nimmt er Kontakt mit Professor Karl Meister (Christopher Lee) auf, der als Experte für griechische Mythologie an der Universität Leipzig lehrt. Denn dessen Assistent ist Paul, ein zweiter Sohn des Professors Heitz, der sogleich nach Vandorf aufbrechen soll.

Der Professor und die Gorgone

Während Heitz abends seinen Studien über die Legende von Vandorf nachgeht, hört er plötzlich den sonderbaren Gesang einer weiblichen Stimme. Auf der Suche nach dem Ursprung des Gesangs erreicht er Schloss Borski. Dieses ist unbewohnt und teilweise verfallen. Zahlreiche Säulen und die Überreste einer Statue erinnern entfernt an ein griechisches Setting innerhalb des deutschen Gruselschlosses. Jedenfalls erblickt Heitz die Gorgone. Obwohl er sich sofort abwendet und das Weite sucht, beginnt ein Versteinerungsprozess, der dem Professor gerade noch Zeit lässt, einen Brief für seinen Sohn zu verfassen, bevor er völlig erstarrt.

Der Legende auf der Spur

Als Paul Heitz am folgenden Tag Vandorf erreicht, will Dr. Namaroff ihn glauben machen, dass sein Vater einem Herzanfall zum Opfer gefallen ist. Da Paul jedoch den Brief seines Vaters gelesen hat, misstraut er den Ausführungen des Doktors. Außerdem sucht ihn Dr. Namaroffs Assistentin Carla Hoffmann (Barbara Shelley) auf, die ihm von Megaira und ihren schrecklichen Taten berichtet.

In den Notizen seines Vaters liest Paul, von dessen Annahme, dass jeder Legende und jedem Mythos ein wahrer Kern zugrunde liege, weshalb eine nähere Auseinandersetzung mit der griechischen Erzählung ein sinnvoller Einstieg in die Aufklärung der Morde zu sein verspricht. Laut der antiken Überlieferung habe es drei Schwestern gegeben, bei denen es sich um abscheuliche Monster gehandelt habe. Die Namen der Schwestern lauteten Tisiphone, Medusa und Megaira. Gemeinsam bezeichnete man sie als Gorgonen.

Ihre jeweiligen Köpfe seien von lebenden Schlangen gekrönt gewesen. Wer auch immer einer Gorgone ins schreckliche Gesicht geblickt habe, sei gorgonisiert, also versteinert worden. Aus einem Gespräch zwischen Dr. Namaroff und Carla Hoffmann erfahren wir außerdem, dass Megaira zwischenzeitlich menschliche Gestalt angenommen habe. Später erhalten wir noch die Information, dass das Auftreten der Gorgone mit dem Vollmond – genaugenommen mit der zweiten Vollmondnacht – in Verbindung zu bringen ist.

Das gespiegelte Antlitz der Gorgone

Nachts hört auch Paul Heitz die merkwürdigen Gesänge, denen er wie sein Vater auf den Grund zu gehen versucht. Als er während eines Unwetters durch einen Hof irrt, erblickt er zweimal im Wasser eines Brunnens und einmal in einem Spiegel das Gesicht der Gorgone, woraufhin er das Bewusstsein verliert. Da er Megaira nicht direkt ins Angesicht geblickt hat, ist er zwar um Jahre gealtert, doch zumindest noch am Leben. Nach fünftägiger Bewusstlosigkeit erwacht er schließlich im Hospital von Dr. Namaroff, dem er beschreibt, was er gesehen hat. Doch der Arzt spielt weiterhin den Ahnungslosen. Da Professor Jules Heitz während der Bewusstlosigkeit seines Sohnes beerdigt worden ist, beschließt Paul schließlich, die Leiche seines Vaters auszugraben. Als er im Grab seinen versteinerten Vater vorfindet, ist jeder Zweifel beseitigt: in Vandorf geht eine Gorgone um.

Unerwartete Hilfe

Unerwartet erscheint nun Professor Karl Meister, um seinem Assistenten beizustehen. Meister erkennt sogleich, dass es Paul wie Perseus ergangen ist, der die Medusa bekanntlich enthaupten konnte, weil er sie nicht direkt ansah, sondern seinen Schild als Spiegel nutzte. Weitere Recherchen ergeben, dass Carla Hoffmann, in die sowohl Dr. Namaroff als auch Paul Heitz verliebt ist, erst seit sieben Jahren in Vandorf lebt, wo sie ursprünglich unter Amnesie leidend in Namaroffs Klinik eingewiesen worden war und später – angeblich geheilt – zu seiner Assistentin wurde.

Die trotz der angeblichen Heilung bis heute auftretenden Gedächtnislücken ereignen sich immer bei Vollmond. Auch wenn Paul es nicht wahrhaben will: Carla ist Megaira bzw. wird von deren Geist heimgesucht. Es wird nicht genau erklärt, wie Megairas Geist ursprünglich in Carla gefahren ist, doch wird gesagt, dass Megaira seit langer Zeit im Schloss Borski hauste, wo sie dann scheinbar irgendwann auf Carla gestoßen sein muss.

Das Ende des Schreckens

Jedenfalls kommt es nun in Schloss Borski zum Showdown. Dr. Namaroff hat eingesehen, Carla töten zu müssen, nachdem er sie all die Jahre geschützt hatte, da er den Verdacht hegte, dass es sich bei ihr um Megaira handle. Doch ist Paul nicht überzeugt, sodass es zu einem Kampf zwischen den beiden Männern kommt, den Megaira aus dem Hintergrund beobachtet. Der Arzt gewinnt den Kampf, doch blickt er der Gorgone ins Gesicht, bevor er sie enthaupten kann. Als Paul wieder zu sich kommt, erblickt er Megaira erneut in einem Spiegel. Professor Meister nutzt den Umstand, dass sich die Gorgone gerade auf den jungen Mann konzentriert, um ihr von hinten den Kopf abzuschlagen, der sich daraufhin wieder in den Kopf Carlas verwandelt. „She is free now, Paul, she is free.“, sagt Professor Meister noch zum graugewordenen Paul, bevor der Film endet.

The Gorgon
Photo: Michael Kleu

Hintergrundinformationen zu The Gorgon

Bemerkenswerterweise ist die Idee zum Film auf einen Fan zurückzuführen. Denn die Hintergrundgeschichte zu The Gorgon stammt von dem Kanadier J. Llewellyn Divine, der seine Idee an Hammer schickte. Dort griff man die Geschichte gerne auf, sodass Regisseur John Gilling und Produzent Anthony Nelson Keys auf ihrer Basis ein Drehbuch verfassten.1

Eigentlich wollte Barbara Shelley zusätzlich zur Carla auch die Megaira spielen, wobei sie sich sogar eine Perücke mit lebenden Schlangen auf den Kopf setzen wollte. Stattdessen verpflichtete man jedoch die ehemalige Ballerina Prudence Hyman, in der Hoffnung, den Bewegungen der Gorgone auf diese Weise eine gespenstische Anmut zu verleihen. Grundsätzlich ist der Film eigentlich recht gut gelungen, doch wurde immer wieder das nicht so ganz gut gelungene Schlangenhaupt der Megaira kritisiert, so zum Bespiel von Christopher Lee persönlich.2

Die Antikenrezeption in The Gorgon

Gorgonen und Erinyen

Auffällig sind zunächst die Namen der drei Gorgonen, da diese eigentlich Sthenno, Euryale und Medusa heißen. Tisiphone (die Mordrächerin) und Megaira (die Beneiderin) sind – wie ihre Schwester Alekto (die “Unversöhnliche) – hingegen Erinyen, also Rachegöttinnen, die auch als Eumeniden oder in der römischen Welt als Furien bekannt sind. Dabei ist die Vermischung wohl darauf zurückzuführen, dass die Gorgonen wie die Erinyen über Schlangenhaare und Flügel verfügen. So weist dann auch Aischylos (Eum. 46-59) auf die optische Ähnlichkeit zwischen Erynien, Gorgonen und Harpyien hin. Eine Versteinerung wird jedoch nur durch den Anblick der Gorgonen bewirkt, die außerdem über Fangzähne verfügen.

Ob die Vermischung von Gorgonen und Erynien in The Gorgon bewusst oder versehentlich erfolgte, lässt sich nicht sagen. Jedoch wird Megaira auch ein „böser Blick“ nachgesagt, was erklären könnte, weshalb die Wahl ausgerechnet auf diese Erinye fiel. Die deutsche Synchronisation soll jedenfalls kurzen Prozess mit der Mischung aus Gorgonen und Erinyen gemacht und die Namen einfach in die klassischen Namen der Gorgonen geändert haben.3

Die Gorgonen

Während Sthenno und Euryale unsterblich sind, wird ihre sterbliche Schwester Medusa von Perseus enthauptet.4 Alle drei stammen vom Meeresgott Phorkys und seiner Schwester, dem Seeungeheuer Keto, ab, was einen deutlichen Bezug zum Meer aufweist. Dementsprechend kann es nicht verwundern, dass die Gorgonen geographisch entweder auf der Ozean- und somit wohl Atlantikinsel Sarpedon oder aber bei den Hyperboräern – also im hohen Norden – verortet werden. Somit ist der Umstand, dass sich in The Gorgon eine Gorgone nach Deutschland zurückgezogen haben soll, gar nicht so sonderbar, wie es im ersten Moment erscheint.

Spätestens seit dem römischen Dichter Ovid (43 v.Chr. – 17 n.Chr.) ist es übrigens nicht ungewöhnlich, die Medusa mit einer attraktiven jungen Frau in Verbindung zu bringen (Metamorphosen 4,604-5,249).

Sirenen in Vandorf?

Der scheinbar unwiderstehliche Gesang, der ertönt, um erst Prof. Jules Heitz und später seinen Sohn Paul zur Megaira zu locken, erinnert an den Gesang der Sirenen aus der homerischen Odyssee.

Fazit: Mein Eindruck von The Gorgon

Endlich mal wieder einer Figur aus der klassischen Mythologie in einem Horrorfilm! Mir hat The Gorgon ziemlich gut gefallen und ehrlich gesagt ist mir der häufig als schlecht beschriebenen Schlangenhaareffekt gar nicht sonderlich negativ aufgefallen. Eine Gorgone in ein deutsches Dorf mit Gruselschloss im Wald zu verpflanzen hat meiner Meinung nach zu einem schönen Schauerstück geführt. Von solchen Filmen darf es gerne mehr geben!

Literatur

Jan Bremmer: Art. Gorgo, in: Der neue Pauly 4 (1998), 1154-1156.

Sahra Iles Johnston: Art. Erinys, in: Der neue Pauly 4 (1998), 71-72.

Sahra Iles Johnston: Art. Megaira, in: Der neue Pauly 7 (1999), 1134-1135.

Anmerkungen

  1. https://en.wikipedia.org/wiki/The_Gorgon#Production
  2. https://www.imdb.com/title/tt0058155/trivia?ref_=tt_trv_trv
  3. https://de.wikipedia.org/wiki/Die_brennenden_Augen_von_Schloss_Bartimore#Wissenswertes
  4. Auch die Göttin Athene soll im Krieg der Götter gegen die Titanen eine Gorgone getötet haben.

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