Stephen King und die nordeuropäische Folklore
Stephen King zitiert häufig mythologische Themen in seinen Werken, besonders oft aus der griechischen Antike. So leitet der Hirtengott Pan in Der Rasenmähermann (The Lawnmowerman, 1975) das Unternehmen „Pastoral Greenery and Outdoor Services“. Die Moirai (Schicksalsgöttinnen) erscheinen in Schlaflos (Insomnia, 1994). In dem Roman Das Bild (Rose Madder, 1995), der von häuslicher Gewalt handelt, tauchen in einer surrealen Traumwelt Figuren auf, die unschwer an Medusa oder den Minotaurus erinnern.
Kobolde in den Bergen
King nimmt aber auch immer wieder Bezug auf die nordeuropäische Folklore. Im Vorwort zu Das Monstrum (Tommyknockers, 1987) erklärt er den Ursprung der titelgebenden Kobolde: „Webster’s Unabridged sagt, dass Tommyknockers entweder a) tunnelbauende Oger oder b) Geister sind, die in verlassenen Bergwerken oder Höhlen spuken.“
Dem Roman vorangestellt ist ein laut King volkstümliches Lied: „Der erste Vers (»Letzte Nacht und die Nacht zuvor« usw.) ist so weit verbreitet, dass sowohl meine Frau als auch ich selbst ihn als Kinder gehört haben, wenngleich wir in verschiedenen Städten mit unterschiedlichen Glaubensbekenntnissen aufwuchsen und von unterschiedlichen Vorfahren abstammen – ihre waren vorwiegend französisch, meine schottisch-irisch.“
Letzte Nacht und die Nacht zuvor,
Tommyknockers, Tommyknockers
Klopfen an mein Tor.
Ich möcht’ hinaus, weiß nicht, ob ich’s kann,
Ich hab’ solche Angst
Vor dem Tommyknocker-Mann.“1
Katharine Mary Briggs beschreibt die Knockers als kleine, geisterhafte Kobolde, die sich wie Bergleute kleiden und die Arbeiter unter Tage erschrecken, bestehlen und in Gefahr bringen. Das Klopfen rührt von Hammerschlägen her, mit denen Stollen zum Einsturz gebracht werden sollen.2
Das Schreckgespenst
Das Schreckgespenst (The Boogeyman) erschien erstmals im März 1973 im Cavalier-Maganzin. 1978 wurde sie im Erzählband Nachtschicht (Night Shift) aufgenommen.3 Der 28-jährige, getrennt lebende Industriearbeiter Lester Billings erzählt dem Psychiater Dr. Harper, dass er seine drei Kinder getötet oder zumindest deren Tod mitverschuldet hätte.
Nachdem er sich vergewissert hat, dass Harpers Kleiderschrank wirklich nur dessen Garderobe enthält (S. 768), berichtet er, wie sein Sohn Denny eines Nachts von einem Schreckgespenst sprach und dabei auf den Schrank im Kinderzimmer deutete. Bald darauf stirbt Denny, auf dem Rücken liegend, was seinen Vater an „die Bilder von den toten Vietnamesenkindern“ erinnert.
Billings mit seinen rassistischen, misogynen und homophoben Entgleisungen erscheint durchaus selbst als verdächtig, vor allem weil er die Angst seines Sohnes mit „Kinder können einen manchmal verrückt machen. Man möchte sie umbringen“, kommentiert (S. 770). Nur ein Jahr später spricht plötzlich Dennys Schwester Shirl vom Schreckgespenst und einer „Pranke“, bevor auch sie unter mysteriösen Umständen verstirbt (S. 773).
Billings lebt in ständiger Angst, das unheimliche Wesen würde ihn und seinen jüngsten Sohn Andrew verfolgen und glaubt „quietschende Geräusche zu hören, als ob etwas Schwarzgrünes und Nasses sich im Schrank leise regte” (S. 777).4 Auch Andrew, der im Bett schreit „Schreckgespenst…will mit Daddy gehen”, wagt Billings nicht zu beschützen. Das Schreckgespenst bricht ihm das Genick (S. 779).
„Vielleicht existieren all die Ungeheuer wirklich, vor denen wir als Kinder Angst hatten. Frankenstein und der Wolfsmann und die Mumie. Vielleicht gibt es sie wirklich. Vielleicht waren sie es, die die Kinder umbrachten, von denen man glaubte, sie seien in Kiesgruben verschüttet worden oder in Teichen ertrunken, und die doch nie gefunden wurden. Vielleicht…“ (S. 777)
Billings kann das unheimliche Wesen im Schrank nur vage beschreiben: „etwas mit gräßlichen abfallenden Schultern und dem Kopf einer Vogelscheuche, und ein Gestank wie nach toten Mäusen hing in der Luft“ (S. 779). Billings erwähnt in diesem Zusammenhang einen Comic,5 den er als Kind las, indem eine Leiche „ganz verfault und schwarz-grün“ aus einem Teich zurückkehrte mit Wasserpflanzen in den Haaren. Billings träumte eines Nachts, diese Kreatur würde nach ihm greifen: „Mit Klauen…mit langen Klauen” (S. 774).
Die Legenden vom Butzemann
Der Boogeyman aus dem Originaltitel entspricht in etwa dem Butzemann aus dem deutschsprachigen Raum, einer Figur, die Kindern Angst machen soll. Der Begriff leitet sich etymologisch möglicherweise von dem mittelenglischen Wort „bugge“ ab, was „frightening specter“ – Schreckgespenst bedeutet.6 Hans Biedermann beschreibt Butze oder Butzemänner ähnlich wie Briggs Tommyknockers. Sie erscheinen als Kobolde oder Hausgeister und können wie ein Poltergeist lärmen. Im Freien führen sie Wanderer in die Irre oder tragen sie sogar fort in die Berge.
In diesem Zusammenhang zitiert Biedermann aus Jacob Grimms Deutsche Mythologie (1835), worin vom „ungeheure(m), Kinder fortschleppende(n) Butz“ die Rede ist.7 Das heute äußerst populäre Kinderlied Bi-Ba-Butzemann besingt im ursprünglichen Text kein freundliches Männlein, sondern einen Poltergeist, der eine Sense hinter sich wirft, also in die Nähe von Vorstellungen des Todes als Sensenmann gerückt wird.8
Korndämonen
Korndämonen – Wilhelm Mannhardt, der diesen Begriff 1868 prägte, fasst auch den Butzemann hierunter9 – waren ursprünglich vermutlich Vegetationsgottheiten, die für eine bessere Ernte angebetet wurden. Schließlich wurden sie aber dämonisiert, um Kinder zu ängstigen, damit diese nicht die Getreidefelder betraten. Ein Beispiel hierfür ist die Roggenmuhme, die Kinder fängt und deren Blut saugt. Auffällig sind dabei die differenzierten Beschreibungen: Korndämonen treten sowohl in Tier- als auch Menschengestalt auf. Sie können sowohl weiblichen oder männlichen Geschlechts sein.10
King greift auf solche Mythen zurück, wenn etwa das Schreckgespenst mit einer Vogelscheuche – „scarecrow“ – verglichen wird. In Kinder des Mais (Children of the Corn, 1977) beschreibt King einen von Kindern angeführten Todeskult in Nebraska. Einer in den riesigen Kornfeldern lebenden Gottheit werden Erwachsene als Menschenopfer dargebracht. Dieses als „He Who Walks Behind the Rows“ beschriebene Wesen verfügt über keinen richtigen Namen und wird ähnlich wie das Schreckgespenst nie deutlich beschrieben.
Das Ding im Keller
Ein wichtiger literarischer Vorläufer für Kings Schreckgespenst ist die Kurzgeschichte Das Ding im Keller (The Thing In the Cellar, 1932) des Psychologen David H. Keller.11 Seit frühester Kindheit fürchtet Tommy sich aus für seine Eltern unerklärlichen Gründen vor dem riesigen Keller. Selbst wenn dessen Türe verschlossen ist, befällt ihn Unbehagen. Sein Vater nimmt diese Ängste nicht ernst und hält den Jungen wie Billings bei King für verweichlicht. Ein konsultierter Arzt gibt einen Ratschlag, der sich schließlich als entsetzlich erweist.
Noch konsequenter als später King verzichtet Keller auf jegliche optische Beschreibung und auch nur den Ansatz einer Identität des Kellermonsters: Der Psychiater Johnson – eine Anspielung auf Keller selbst?- ist überzeugt, dass es Lebensformen gibt, die man weder hören, sehen noch riechen kann und die trotzdem existieren, obwohl deren Existenz nicht bewiesen werden kann. Die intensiven Beschreibungen sowohl bei Keller als auch bei King erschweren werkgetreue Filmadaptionen.
Der Boogeyman auf der Leinwand
The Boogey Man (1980) von Ulli Lommel basiert nicht auf Kings Vorlage, allerdings ist die titelgebende Figur in einem Spiegel gefangen. In Boogeyman (2005) von Stephen Kay wird ein Kind Zeuge, wie die Titelfigur seinen Vater in einen Schrank zerrt und tötet. Hier wird oberflächlich Bezug auf Kings Geschichte genommen. Eine originelle Variante der Thematik ist Cameron – Der Dämon aus der Hölle (Cameron’s Closet, 1988) von Armand Mastroianni nach einem Roman von Gary Brandner:
Ein Junge spielt mit einer Maya-Statue und beschwört einen Dämon, der sich in seinem Wandschrank einnistet und für mehrere Todesfälle verantwortlich ist. Zwischen 1982 und 2013 entstanden mehrere Kurzfilme als direkte Adaptionen der Erzählung von Stephen King. Rob Savage verfilmte 2023 die Geschichte ebenfalls unter dem Titel The Boogeyman erneut, erweiterte sie allerdings um die Komponente, dass das Schreckgespenst auch die Familie des Psychiaters verfolgt.
Fazit
Das Schreckgespenst ist vielleicht eines der beklemmendsten und unheimlichsten Erzählungen von Stephen King überhaupt. Anders als bei den Tommyknockers – die Kobolde entpuppen sich schließlich als Außerirdische – oder bei Es – es wird zu viel über die Identität des Monsters verraten – gelingt es ihm hier, durch das Fehlen von Erklärungen, außer dem Hinweis, dass es sich um eine uralte Sagengestalt zu handeln scheint, eine durchgehend düstere Atmosphäre zu kreieren.
Ländliche Mythen werden in den urbanen Raum verlegt und mit einer erschreckenden Komponente verknüpft: Kinder und ihre Ängste werden von den Erwachsenen nicht ernst genommen, sie sind nicht nur durch Monster bedroht, sondern auch durch seelische und physische Gewalt und Grausamkeit. Die Legende des Butzemanns ist eine Metapher für diese Tendenzen in der Gegenwart.

Anmerkungen
1 King, Stephen (2011): Das Monstrum – Tommyknockers. Roman. München: Heyne Verlag. S. 7 ff. Der Text wurde 1992 von der Metal-Band Dimmu Borgir vertont.
2 Briggs, Katharine Mary (1976): An Encyclopedia of Fairies: Hobgoblins, Brownies, Bogies, and Other Supernatural Creatures. New York: Pantheon Books. S. 255.
3 Folgende Zitate aus: King, Stephen (1994): Das Schreckgespenst. In: Jason Dark präsentiert: 50 mal Gänsehaut – Die besten unheimlichen Kurzgeschichten von Goethe bis Stephen King. Bergisch Gladbach: Bastei Lübbe. 5. Auflage. S. 767-780.
4 Billings plastische Darstellungen, das Schreckgespenst würde nachts durch die Straßen schleichen oder aus der Kanalisation hervorkriechen, nimmt Kings späteren Roman Es (It, 1986) vorweg.
5 Diese Passage ist eine Hommage an Tales from the Crypt und den Illustrator Graham Ingels (1915-1991).
6 Fabrizi, Mark A. (2023): Historical Dictionary of Horror Literature. Lanham: Rowman & Littlefield Publishers. S. 45.
7 Biedermann, Hans (1993): Dämonen, Geister, dunkle Götter – Das Lexikon der furchterregenden mythischen Gestalten. Bindlach: Gondrom Verlag. S. 56.
8 Hall, Norman (2012): Lexikon der Fabelwesen der alten Welt – Von Kobolden, Elfen, Feen und Zwergen. München: neobooks Self-Publishing. S. 25 f. Stephen Kings frühe Erzählung Das Bildnis des Sensenmanns (The Reaper’s Image, 1969) handelt von Spiegeln, in denen Menschen den Tod zu sehen glauben, bevor sie spurlos verschwinden.
9 Mannhardt, Wilhelm (1868): Die Korndämonen – Beitrag zur germanischen Sittenkunde. Berlin: Ferd. Dümmler’s Verlagsbuchhandlung. S. 32.
10 Petzoldt, Leander (2003): Kleines Lexikon der Dämonen und Elementargeister. 3. Auflage. München: Verlag C. H. Beck. S. 112 f.
11 Keller, David H. (1991): Das Ding im Keller. In: Körber, Joachim (Hrsg.): Das zweite Buch des Horrors. Die Geschichte der unheimlichen Literatur in meisterhaften Erzählungen – 1920 bis 1940. München: Heyne Verlag. S. 197-208.
- Stephen King und die nordeuropäische Folklore - 28. Februar 2026
- Stephen King’s Sleepwalker (1992) - 4. Januar 2025
- Stephen Kings SHINING. Analysen, Hintergründe zu den Filmen & Romanen (Rezension) - 21. September 2023






