Der Totengott Moth in der Comic-Trilogie ‚Heiligtum‘ (Sanctuaire)
Die Religionen und Mythologien des Alten Orients haben derart viele spannende Gottheiten und Dämonen zu bieten, dass es kaum zu überraschen vermag, wenn Schöpfer*innen von Erzählungen des Horror-Genres immer wieder gerne auf sie zurückgreifen. Zu den zahlreichen Beispielen für dieses Phänomens zählt auch die beliebte französiche Comic-Trilogie Heiligtum (Sanctuaire), die sich aus den Einzelbänden USS Nebraska (USS Nebraska, 2001), Der Weg in den Abgrund (Le Puits des Abîmes, 2002) sowie Moth (Môth, 2004) zusammensetzt, mittlerweile aber auch als Gesamtausgabe vorliegt.1
Im Folgenden betrachten wir zunächst die Handlung der drei Teilbände, bevor wir darauf aufbauend einen genaueren Blick auf die Rezeption des Alten Orients bzw. genauer gesagt der Stadt Ugarit werfen.
1. USS Nebraska
1.1 Die Vorgeschichte
Der erste Band der Trilogie beginnt im Berlin der letzten Tage des Zweiten Weltkrieges. Auf persönlichen Befehl Stalins nimmt die Rote Armee unter Verlusten ein Gebäude ein, in dem sich sumerische Artefakte befinden. Zu diesen Artefakten zählen ein Türbogen sowie eine größere Statue eines dämonenhaften Wesens. Sumerische Schriftzeichen, die de facto eher an das altgriechische oder sogar das lateinische als an das sumerische Alphabet erinnern (siehe unten), sprechen auf dem Türbogen eine zunächst nicht konkretisierte Warnung aus.
12 Jahre später befindet sich ein russisches U-Boot in den Gewässern vor der Levante. Während ein Oberst, der ein Foto der in Berlin gefundenen Statue mit sich führt, hier etwas zu finden vermutet, das der Sowjetunion zur unangefochtenen Überlegenheit verhelfen soll, ängstig sich die Crew, von der bereits ein Teil den Tod gefunden hat. Der Kapitän des U-Boots beschließt, dass der Tod besser sei als die geheimnisvolle Gefahr, die von der Statue auszugehen scheint, und zerstört das Schiff inklusive der Besatzung mit einer Handgranate.

1.2 Die USS Nebraska macht eine Entdeckung
Die Crew der USS Nebraska, einem hochmodernen Unterseeboot, empfängt im Sommer des Jahres 2029 vor der Küste Syriens ein ungewöhnliches Signal, das sie schließlich zu einer Höhle am Meeresgrund führt, in dem sie auf das russische Unterseeboot stößt, das 1957 durch die gerade genannten Ereignisse vernichtet worden ist. Überrascht stellen die Amerikaner fest, dass sich abgesehen von der üblichen Besatzung auch Historiker mitsamt diverser antiker Artefakte an Bord befanden.
Da das Wrack des U-Boots unmittelbar vor dem Eingang eines antiken Heiligtums liegt, beschließt die Crew, zur Dokumentation ein paar Aufnahmen anzufertigen und dann wieder den ursprünglichen Kurs aufzunehmen. Doch die Gruppe, die das Heiligtum erkunden soll, verschwindet darin, während sich auch auf der USS Nebraska mysteriöse Dinge ereignen. Ein Teil der Besatzung erkrankt oder beginnt, sich sonderbar zu verhalten, was letztlich dazu führt, dass sich dem Schiff kaum eine Rückzugsmöglichkeit mehr bietet. So entschließt sich David Hamish, der Kommandant des U-Boots, persönlich eine weitere Expedition in das Heiligtum anzuführen, um die verschwundenen Männer wiederzufinden.

1.3 Das Heiligtum und die Texte aus Ugarit
Der System-Ingenieur Major June bemüht sich währenddessen, mit Hilfe des extrem leistungsstarken Dechiffrier-Computers der USS Nebraska die antiken Texttafeln zu übersetzen. Da er bei seinen Recherchen mit Syrisch, Akkadisch und Babylonisch auf eine ganze Reihe von Sprachen aus dem Alten Orient stößt, fühlt er sich an die Babylonische Sprachverwirrung erinnert, wodurch er schließlich die zündende Idee bekommt.
Er sucht nach der ältesten bekannten Alphabetsprache und stößt so auf das Ugaritische, wobei Ugarit als eine der bedeutendsten Städte dieser Region um das Jahr 1.400 v.Chr. bezeichnet und mit Handel und Kunsthandwerk in Verbindung gebracht wird. Außerdem erfahren wir, dass sich der Untergang Ugarits an einem einzigen Tag vollzog, wobei sich archäologisch keine Zeichen von einer bewaffneten Auseinandersetzung nachweisen lassen.
Major June stellt weiterhin fest, dass es sich bei den Texten um Gedichte mit mythologischen Themen handelt, konkret den Kämpfen, die die Gottheiten Ugarits gegeneinander führten. In diesem Kontext findet immer wieder ein Gott Erwähnung, zu dessen Ehren die Menschen von Ugarit eine Stadt unter dem Berg errichtet hatten und auf die die USS Nebraska nun offensichtlich über den Seeweg gestoßen ist. Und unser Übersetzer ahnt, dass er und seine Kameraden im Heiligtum mit dem dort verehrten Gott auf die Ursache für die plötzliche Vernichtung Ugarits stoßen dürften …
Für besonders aufmerksame Leser*innen ist in eines der Panel, die Major June bei der Entschlüsselung der Texttafeln zeigen, bereits ein Hinweis auf die Identität des mysteriösen Wesens versteckt. Denn im Bild ist ein von der deutschen Übersetzung ignorierter Lexikonartikel zu sehen, der den kanaanitischen Totengott Mot und dessen Konflikt mit Baal thematisiert.2

2 Der Weg in den Abgrund (Le Puits des Abîmes)
Im zweiten Teil der Heiligtum-Trilogie gewinnt die Crew der USS Nebraska bei ihren Recherchen neue Erkenntnisse. Auf Basis einer Untersuchung eines deutschen Archäologen aus der Nazizeit erschließt sich, dass die Ugariter scheinbar eine zweite Stadt errichtet hatten, womit allem Anschein nach das unterirdische Heiligtum gemeint ist. Doch stellt sich nun die Frage: Wollten die Russen das, was sich im Heiligtum verbirgt, wirklich zur Festigung ihrer Vorherrschaft in ihre Gewalt bringen – oder wollten sie es vielmehr vernichten?
Auch dem Expeditionstrupp, der das Innere des unheimlichen Heiligtums erkundet, kommt manches merkwürdig vor. Weshalb sollte eine blühende Zivilisation wie Ugarit einen so finsteren, labyrinthischen und ungastlichen Ort an einer derart unzugänglichen Stelle 800 Meter unter der Erde errichten? Wollten sie in diesem Heiligtum womöglich etwas festhalten? Zu ihrer Überraschung stellen die Männer fest, dass die gesamte Bevölkerung Ugarits scheinbar ein gemeinsames Ritual im Heiligtum durchgeführt hatte, bevor sie dann kollektiven Suizid beging.

Was auch immer in Heiligtum sein Unwesen trieb, ist immer noch dort aktiv und tötet Angehörige der Crew, wobei es dazu teilweise die Dinge real werden lässt, vor denen sich das jeweilige Opfer am meisten fürchtet. Außerdem beeinflusst es auch weiterhin den auf der USS Nebraska verbliebenen Teil der Besatzung.
3 Moth3
3.1 Eine archäologische Expedition der Nazis
Weiter geht es mit einem Rückblick in das Jahr 1938, in dem eine archäologische Expedition der Nazis einen oberirdischen Zugang zu der geheimnisvollen Stadt freilegt. Ein gewaltiges Siegel scheint die Stadt regelrecht abzuriegeln, während einheimische Arbeiter um die Gefahr wissen, die von diesem Ort ausgeht und die Deutschen davor warnen, den Zugang zu öffnen.

3.2 Die Ereignisse im Jahr 2029
In der Gegenwart des Jahres 2029 kommen bis auf Kommandant Hamish alle Männer, die das Heiligtum erkunden, auf schreckliche Art und Weise zu Tode. Auch auf der USS Nebraska steht ein Teil der Crew weiterhin unter einem mysteriösen Einfluss, der Psychosen und Wahnvorstellungen auslöst. Es stellt sich die Frage, ob der Besatzung die Rückkehr in die Zivilisation verwehrt bleiben sollte, um sicher zu gehen, dass diese Beeinflussung nicht auf andere Menschen übergreift.
3.3 Ugarit und das Heiligtum des Totengottes Moth
Derweil gelingt auf der USS Nebraska die Übersetzung der altorientalischen Schriftzeugnisse. Sie sprechen von einem raubtierhaften und alles verschlingenden Gott namens Moth, der in eine Falle gelockt wurde. Außerdem stellt sich heraus, dass der Düsseldorfer Archäologie-Professor Otto Kämper einst die ugaritische Zivilisation entdeckt und zahlreiche Fundstücke mit nach Deutschland gebracht hatte.
Kämper hatte im Rahmen seiner Forschungen herausgefunden, dass die Arbeiter aus Ugarit einen gewaltigen Schacht oder Brunnen ausgegraben hatten, um ein unterirdisches Heiligtum für einen Totengott zu errichten. Schließlich gelang es Kämper auf Basis astronomischer Angaben, die er auf ugaritischen Tontafeln entziffert hatte, den Zugang zu diesem Brunnen zu finden, womit wir wieder bei dem historischen Rückblick vom Beginn dieses dritten Bandes angelangt wären.
Nach dem Tod Kämpers 1937 und der deutschen Niederlage 1945 gerieten die Zeugnisse aus Ugarit in russische Hände. Da den Russen anders als Kämper nicht die Übersetzung der Schriftzeugnisse gelang und sie daher nicht den Eingang zum Schacht kannten, hatten sie den Zugang zur Stadt vom Meeresgrund aus zu erreichen versucht.4 Denn Kämper scheint letztlich verhindert zu haben, dass die Nazis Zugriff auf das Heiligtum erhielten, sodass nur ein unbeschriftetes Foto des Siegels erhalten blieb, das den Brunnen abriegelt.5

3.4 Der Totengott Moth und das Siegel
Da durch die Übersetzung der Schriftzeichen nun die Existenz des Schachts bekannt ist, ergibt sich für Kommandant Hamish die Möglichkeit, das den Brunnen verschließende Siegel mit einer Handgranate zu sprengen, um so zurück an die Erdoberfläche zu gelangen. Doch Hamish realisiert, was geschehen ist. Der Gott Moth hat seine Kameraden getötet und bewusst nur ihn entkommen lassen, damit er bei seiner Flucht aus diesem schrecklichen Ort das Siegel bricht, das den Totengott im unterirdischen Heiligtum gefangen hält. Denn wie sich aus der Übersetzung ergibt, ist das Siegel mit einem Zeichen versehen, dass die Macht sämtlicher Geister verbindet und Gottheiten bändigt (vgl. Abb. 5).
Aus diesen letzten Puzzlesteinen ergibt sich schließlich, dass die Ugariter sich selbst im eigens dafür errichteten Heiligtum opferten, um den Totengott Moth mit der Aussicht auf ein gewaltiges „Festmahl“ in eine Falle zu locken, aus der er nie wieder entkommen können würde.

Kommandant Hamish entscheidet sich dagegen, Moth zu befreien, während June beschließt, die USS Nebraska zu versenken, um sicherzugehen, dass der Totengott für immer in seinem Gefängnis bleiben wird. Doch es kommt zu einer Meuterei:
Um sich selbst zu retten, sprengt ein Teil der Crew das Heiligtum, wodurch es dem U-Boot gelingt, mit Hilfe des auf diese Weise entstandenen Drucks sowie einer weiteren Sprengung durch eine weiche Sandschicht gedrückt zu werden und so zur Erdoberfläche zu gelangen. Da dieser Vorgang Moth aus seinem Gefängnis befreit hat, zündet June eine auf dem U-Boot befindliche Atombombe, in der Hoffnung, die Rückkehr des Totengotts auf diese Weise in letzter Sekunde verhindern zu können. Da die Erzählung an dieser Stelle endet, bleibt offen, ob diesem letzten Versuch, die Menschheit zu retten, Erfolg beschieden ist oder nicht.
4 Ugarit und seine Tontafeln
Ugarit war ein Stadtstaat an der syrischen Küste, der sich von etwa 1400 v.Chr. bis zu seinem Untergang um ca. 1180 v.Chr. als Handelsmetropole einer regelrechten Blütezeit erfreute. Das Ende der Stadt wird traditionell mit dem sogenannten „Seevölkersturm“ in Verbindung gebracht, in dessen Rahmen über das Meer kommende Völker innerhalb kürzester Zeit mehrere Staaten des östlichen Mittelmeerraums wie etwa auch das Hetitherreich vernichtet haben sollen.
Die moderne Forschung hat bereits viele dieser älteren Vorstellungen einer maritimen Völkerwanderung relativiert und widerlegt, weshalb die Wissenschaft heute nicht von einer plötzlichen Vernichtung der betreffenden Staaten, sondern vielmehr von einem allmählichen und auf mehreren Ursachen beruhenden Untergang ausgeht.6
Seit der Entdeckung Ugarits im Jahr 1928 haben Ausgrabungsteams mehr als 4.000 tönerne Texttafeln gefunden, die in acht verschiedenen Sprachen beschriftet sind. Auf einer dieser Tontafeln findet sich der älteste Beleg für ein aus 30 Buchstaben bestehendes Keilschriften-Alphabet in einer (westsemitischen) Reihenfolge, die in sehr ähnlicher Form später auch vom griechischen und lateinischen Alphabet verwendet werden sollte.

5 Der Baal-Zyklus
Ein Teil der in Ugarit gefundenen Texte enthält mythologische Erzählungen, von denen die Comic-Reihe Heiligtum besonders den ugaritischen Baal-Zyklus rezipiert.7 In den französischen Originalausgaben beginnen alle drei Bände mit Übersetzungen ausgewählter Gedichte aus diesem Kontext, wobei die ersten beiden Teile auch mit solchen Gedichten enden. Die deutsche Übersetzung übernimmt dies nur im abschließenden Band, sodass der deutschsprachigen Leserschaft der mythologische Einstieg in die Erzählung sowie die mit den Gedichten verbundenen kleineren Hinweise auf die Hintergründe zur Handlung der Comics verwehrt bleiben.
Wie wir gesehen haben, zieren die Gedichte nicht nur Beginn und Ende der drei Bände, sondern werden auch wiederholt innerhalb der Geschichte selbst erwähnt oder sogar zitiert. Es erscheint definitiv gerechtfertigt zu vermuten, dass der auf den ugaritischen Texttafeln überlieferte Baal-Zyklus nicht nur in Heiligtum eingeflossen ist, sondern die Erzählung viel mehr massiv beeinflusst, wenn nicht gar erst inspiriert hat. (Außerdem erinnern manche Elemente der Geschichte natürlich an H.P. Lovecrafts The Temple.)
Aber um was geht es nun genau in diesem Zyklus? Wie der Name schon nahelegt geht es um Baal, der in Ugarit als Wettergott Verehrung fand und dem von daher auch Bedeutung hinsichtlich der Fruchtbarkeit der Felder zukam. Der leider lückenhaft überlieferte Zyklus erzählt zunächst, wie Baal den Meeresgott Yammu besiegt und sich im Anschluss einen Palast errichtet. Im Rahmen der Einweihungsfeierlichkeiten des neuen Herrschaftssitzes kommt es zum Zerwürfnis mit dem Totengott Moth, der Baal auffordert, zum ihm in die Unterwelt zu kommen, weil er ihn verschlingen will. Baal begibt sich schließlich in Moths Reich und findet dort tatsächlich den Tod.8
Doch Baals Schwestergattin Anat gibt nicht auf und tötet Moth schließlich, um ihn dann in kleinen Stücken zu verteilen, woraufhin Baal wieder lebendig wird und die in seiner Abwesenheit ausgedörrten Felder wässert. Doch sieben Jahre später kehrt auch Moth zurück und fordert, dass man ihm zur Wiedergutmachung Götter zum Verschlingen übergebe. Andernfalls wolle er die Menschen fressen. Tatsächlich verschlingt der Totengott ein paar Götter, bevor er sich Baal schließlich im Rahmen eines Zweikampfes unterwirft und dessen Oberherrschaft anerkennt.9
6 Ugarit und Moth in der Comic-Reihe Heiligtum
Der Baal-Zyklus macht mehr als deutlich, weshalb Mot in Heiligtum als Verschlinger dargestellt wird, der nicht widerstehen kann, als ihm die Einwohnerschaft Ugarits eine Falle stellt, indem sie sich ihm selbst als Opfer in einem eigens dafür errichteten Heiligtum darbietet, wobei letzteres in Wahrheit natürlich ein Gefängnis darstellt, dass den furchtbaren Gott für immer von der Erde fernhalten soll.
Definitiv originell ist die Idee, diesen Massen-Suizid aus altruistischen Motiven mit dem plötzlichen Untergang Ugarits in Verbindung zu bringen, von dem die Forschung längere Zeit irrtümlich ausgegangen ist.
Spannend sind auch die Hinweise auf die ugaritische Keilschrift, deren Alphabet tatsächlich das erste seiner Art darstellt. Richtig gut gefällt mir in dem Panel, das die Übersetzung zeigt (Abb. 5), dass hier auch verworfene Varianten zu sehen sind. Schließlich sind Übersetzungen letztlich immer Interpretationen.
Optisch könnten die Statuen Moths sowie die Dekoration seines Heiligtums an eine ugaritische Baal-Statue aus dem Louvre angelehnt sein.
Bemerkenswert ist auch die Entscheidung der französischen Macher der Reihe, die Entdeckung Ugarits sowie die erste Grundlagenforschung dem deutschen Archäologen Otto Kämper zuzuschreiben, bei dem es sich, wenn ich richtig sehe, um eine Erfindung handelt. Schließlich haben in der realen Welt in der Regel französische Teams die betreffenden Ausgrabungen durchgeführt, was keinerlei Erwähnung findet.
Es ist wirklich bedauerlich, dass weder in den Einzelbänden noch in der Gesamtausgabe in einer Einleitung oder einem Anhang auf diese bemerkenswerten Hintergründe eingegangen wird. Schließich sind der Baal-Zyklus und die Geschichte Ugarits keineswegs Themen, die man als allgemein bekannt voraussetzen kann. Das machen andere Comic-Ausgaben wie etwa Walhalla wesentlich besser.

7 Ungereimtheiten in der Erzählung
Zu Beginn von Band 1 USS Nebraska ist in Berlin von einer sumerischen Inschrift die Rede, obwohl das entsprechende Panel ein Alphabet zeigt, das wie eine mit einer semitischen Nuance versehene Mischung aus Altgriechisch und Latein wirkt, und die Sumerer wesentlich früher lebten und keine direkten Berührungspunkte mit der Erzählung von Heiligtum aufweisen.
An anderer Stelle spricht in Band 3 Moth ein Mitglied der Crew von Hieroglyphen, obwohl im zugehörigen Panel wiederum das gerade beschriebene Alphabet zu sehen ist und keine von bildlichen Darstellungen geprägte Schrift.10
Bei den Ausgrabungen in Ugarit fanden die Archäolog*innen zwar tatsächlich u.a. auch sumerische, ägyptische sowie Hieroglyphen-luwische Texte, doch wird in den Panels immer wieder die gleiche Schrift gezeigt, bei der es sich auch nicht um Ugaritisch handelt, das optisch mehr an eine Keilschrift erinnert als an unser lateinisches Alphabet. Daher vermute ich, dass die Heiligtum-Comics auf eine an Altgriechisch und Latein angelehnte erfundene Schrift zurückgreifen.

Ugarit ging etwa um das Jahr 1180 v.Chr. unter, weshalb in diese Zeit die Falle einzuordnen sein muss, die seine Bevölkerung Moth stellte. Dennoch ist im Comic im Jahr 2029 n.Chr. zweimal die Rede davon, dass Moth seit 7.000 Jahren auf seine Befreiung warte.11 Man muss nicht Pythagoras heißen, um zu erkennen, dass dies zeitlich nicht einmal annähernd passt.
Diese kleineren Ungereimtheiten überraschen, weil sich die Schöpfer der Reihe ja durchaus inhaltlich mit ihrem Thema auseinandergesetzt haben. Ob sie die Geschichte ursprünglich in früherer – vielleicht sumerischer – Zeit ansiedeln wollten oder ob sie zunächst vorhatten, in den Schriften mehrerer altorientalischer Völker Erzählungen von Moth vorkommen zu lassen, dann aber beides doch nicht umsetzten und nur Reste dieser ursprünglichen Ideen erhalten blieben, muss an dieser Stelle offenbleiben.

8 Schlussgedanken
Heiligtum ist ein wunderschönes Beispiel für eine moderne Erzählung die auf äußerst kreative Weise ein „Mysterium“ der ugaritischen Geschichte „erklärt“, indem es dieses mit der mythologischen Überlieferung der Stadt verbindet.12 Darüber hinaus ist der Totengott Moth, der nicht einmal davor Halt macht, andere Gottheiten zu verschlingen, ein hervorragend geeigneter Protagonist für eine Horrorgeschichte, zumal er – wie auch die Stadt Ugarit – diesbezüglich noch relativ unverbraucht erscheint.
Aus Sicht der Rezeption der Geschichte und Religion der altorientalischen Stadt Ugarit liegt mit Heiligtum eine durchaus spannende und bildgewaltige Erzählung vor, die sicherlich zumindest bei einem Teil der Leserschaft ein gewisses Interesse an ugaritischer Geschichte und Mythologie wecken dürfte.
Wenn Ihr Euch nun fragt, was Heiligtum jenseits dieser rezeptionsgeschichtlichen Fragestellungen als Comic zu bieten hat, möchte ich Euch Arianes Besprechungen von USS Nebraska, Der Weg in den Abgrund und Moth empfehlen.
9 Literatur
Über den gesamten Text verteilt finden sich Informationen, die ich den folgenden Studien und Darstellungen entnommen habe:
Köckert, Matthias: El, in: Der neue Pauly 3 (1997), Spalte 953-955.
Müller-Kessler, Christa: Alphabet. I Altorientalische Ursprünge, in: Der neue Pauly 1 (1996), Spalte 536-537.
Tropper, Josef: Ugarit, in: Der neue Pauly 12,1 (2002), Spalte 966-967.
Hinzukommen die im Text verlinkten Seiten der Wikipedia.
- Der Totengott Moth in der Comic-Trilogie ‚Heiligtum‘ (Sanctuaire) - 31. März 2025
- Star Wars und der Untergang von Republiken [Podcast] - 17. Februar 2025
- Mythen multimedial. Modernste Antike in der Gegenwartskultur - 27. Januar 2025
Anmerkungen
- Das Skript der Erzählung stammt von Xavier Dorison, während Christophe Bec für die Zeichnungen und Homer Reyes für die Kolorierung zuständing waren.
- Mot wird hier als kanaanitischer Gott bezeichnet, weil er sowie die anderen in dieser Untersuchung genannten Gottheiten nicht nur in Ugarit, sondern auch in anderen Regionen des Alten Orients Verehrung fanden, wobei sie je nach Kultur durchaus unterschiedlich dargestellt werden können.
- In der Regel schreibt sich der Name dieses Totengottes Mot. Da Heiligtum die Schreibweise Moth gewählt hat, passe ich mich dem der einheitlichen Benennung wegen in meiner Untersuchung an.
- Im Laufe der Zeit war das Mittelmeer in die gewaltige Höhle eingedrungen, in der sich das Heiligtum befindet.
- Der im Jahr 2029 über das Meer zugängliche Eingang lag ursprünglich nicht unter Wasser und ist ebenfalls durch zwei Pforten versiegelt, von denen die innere erst aufgeht, wenn sich die äußere wieder geschlossen hat, wobei der Zugang ausschließlich von außen möglich zu sein scheint.
- Vgl. für einen für ein allgemeines Publikum verfassten Überblick Eric H. Cline: 1177 v.Chr. Der erste Untergang der Zivilisation, Darmstadt, 3. Auflage 2021 bzw. das englische Original 1177 BC. The Year Civilization Collapsed, Princeton 2014.
- Andere Texte geben z.B. eine ältere Variante der Geschichte um Adam und Eva wieder, in der das Frauenbild wesentlich positiver erscheint als in der Darstellung im Ersten Testament.
- Der Titel des zweiten Bands Der Weg in den Abgrund bzw. Le Puits des Abîmes könnte auf diese Unterweltreise Baals anspielen.
- Manches an der Erzählung erinnert wie der Persephone-Mythos an eine symbolische Umschreibung von Saat und Ernte oder Geburt und Vergänglichkeit.
- In der deutschen Gesamtausgabe findet sich dies auf S. 157. Auch im französischen Original ist von Hieroglyphen die Rede.
- In der deutschen Gesamtausgabe findet sich diese Bemerkung auf S. 163. Im französischen Original ist ebenfalls von 7.000 Jahren die Rede.
- In einem Schema zur Kategorisierung der Antikenrezeption in der Phantastik bezeichne ich dieses Phänomen als eine verschmelzende Antikenrezeption, was in meinen Augen die Meisterdisziplin darstellt.