Iron Widow Xiran Jay Zhao

Iron Widow und die Rezeption chinesischer Geschichte und Kultur

Mit Iron Widow betrachten wir heute auf fantastischeantike.de erstmals ein Werk aus dem Bereich der Phantastik, das in Bezug auf Weltenbau und Handlung die Geschichte und Mythologie Chinas zur Grundlage nimmt.

Die Autorin Xiran Jay Zhao

Vorbemerkung: Da sich Xiran Jay Zhao als geschlechtsneutrale Person betrachtet (they/them) und auf ausdrücklichen Wunsch hin gerne entsprechend bezeichnet werden möchte, verwende ich bei der folgenden Vorstellung das Entgendern nach Hermes Phettberg.

Xiran Jay Zhao (29.09.1997) ist ein aus China stammendes kanadisches Autory, dessen bisher erschienene Bücher Iron Widow, Heavenly Tyrant und Zachary Ying and the Dragon Emperor alle in den Bereich der Phantastik fallen und jeweils einen ausgeprägten Bezug zur chinesischen Geschichte und Mythologie aufweisen.

Dazu passt, dass Xiran Jay Zhao auf YouTube mit großem Erfolg Videos zur chinesischen Geschichte veröffentlicht und in diesem Rahmen auch gerne die (Miss-)Repräsentation Chinas in Medien wie Disneys Mulan untersucht. Auf Instagram tritt Xiran eher in Bezug auf Cosplays in Erscheinung, während der Auftritt auf TikTok sämtliche Bereiche miteinander vermischt.

Der Debütroman Iron Widow erreichte den ersten Platz der New-York-Times-Bestsellerliste und führte außerdem zum Gewinn des renommierten BSFA-Award im Bereich Best Book for Younger Readers. 2024 folge mit dem Astounding Award for Best New Writer eine weitere bemerkenswerte Auszeichnung.

Um es auf den Punkt zu bringen: Xiran Jay Zhao zählt derzeitig ohne jeden Zweifel zu den spannendsten jungen Stimmen in den Bereichen Fantasy und Science-Fiction.

Die Welt von Iron Widow

Der Roman präsentiert uns eine Welt, auf der sich ein Jahrtausende alter Konflikt zwischen Menschen und empfindungsfähigen Maschinenwesen namens Hunduns abspielt. Um sich gegen die Hunduns zur Wehr setzen zu können, bauen die Menschen aus dem Material zerstörter Exemplare der Maschinenwesen eigene gewaltige Kampfmaschinen, die sie als Chrysalises bezeichnen.

Ein Chrysalis wird immer von einem männlichen Piloten und einer weiblichen Konkubine als Co-Pilotin gesteuert, wobei beide eine als Qi bezeichnete Art von Magie verwenden, um die gewaltige Maschine zu steuern. Wenn die Besatzung über ausreichend viel Qi verfügt, kann sie ihren Chrysalis in eine mächtigere Form verwandeln.

Im Kampf dienen die jungen Konkubinen im Regelfall lediglich als „Qi-Reserve“ für die ebenfalls sehr jungen Piloten, was im Normalfall den Tod der betreffenden Frau zur Folge hat. Während die Männer wie Popstars gefeiert und ihre Kämpfe im Fernsehen übertragen werden, stört sich niemand an dem schrecklichen Preis, den die Frauen für einen erfolgreichen Kampfeinsatz zu zahlen haben.

Denn auch jenseits des aufgrund des Krieges äußerst einflussreichen Militärs herrscht in der Gesellschaft, die uns Iron Widow präsentiert, eine enorme Benachteiligung der Frauen.

Wu Zetian – die Iron Widow

Um den Tod ihrer älteren Schwester zu rächen, meldet sich die aus einfachen Verhältnissen stammende Wu Zetian freiwillig zum Militärdienst. Da sie über einen besonders hohen Qi-Wert verfügt, gelingt es ihr, im Kampfeinsatz den Spieß umzudrehen und den Piloten zu töten, dem sie als Konkubine zugewiesen ist und von dem sie weiß, dass er ihre Schwester außerhalb eines Kampfeinsatzes ermordet hat.

Eine Konkubine, die den Kampf überlebt, während der Pilot den Tod findet, stellt ein äußerst seltenes Ereignis dar und führt dazu, dass die betreffende Frau fortan als Iron Widow gilt – also als Eiserne Witwe.

Um solche Frauen, die eine derart militärisch-patriarchalische Gesellschaft als ungemein gefährlich ansieht, zu bändigen, weist das Militär sie besonders mächtigen Piloten zu. So trifft Wu Zetian auf Li Shimin, den erfolgreichsten Krieger der Menschen, der aufgrund schrecklicher Umstände seine Familie ermordet hat und bewusst vom Militär zum schweren Alkoholiker gemacht wurde.

Die beiden Außenseiter verbünden sich schließlich mit Gao Yitzhi, dem Sohn eines ebenso einflussreichen wie schwerreichen Medienmoguls, den Wu Zetian bereits aus ihrem früheren Leben als einfaches Mädchen kennt. Fortan verbindet die drei Teenager nicht nur eine funktionale Dreiecksbeziehung, sondern vor allem auch das heiß ersehnte Ziel, das Unrechtssystem, in dem sie leben, zum Einsturz zu bringen. Und was das Erreichen dieses Traums angeht, erweisen sich Wu Zetian, Li Shimin und Yitzi als ausgesprochen unerbittlich …

Die Rezeption chinesischer Geschichte

Wu Zetian ist die einzige Frau der chinesischen Geschichte, der es (von 690 – 705 n.Chr.) gelang, eigenständig als Kaiserin zu herrschen. Die Wu Zetian des Romans ist natürlich an diese historische Persönlichkeit angelehnt bzw. von dieser inspiriert worden.

Ihr Gefährte Li Shimin basiert auf dem Tangkaiser Taizong, der von 626 bis 649 n.Chr. regierte und ursprünglich ebenfalls den Namen Li Shimin trug. Ähnlich verhält es sich mit Gao Yitzi, bei dessen historischer Vorlage es sich um einen hohen Vertrauten von Kaiserin Wu Zetian handelte.

Hinzu kommt der legendäre Kaiser Qin Zheng, der in Iron Widow wiederholt Erwähnung findet und dem historischen Herrscher Qin Shihuangdi entspricht, der eigentlich Ying Zheng hieß und 221 v.Chr. das chinesische Kaiserreich gründete. Auch für zahlreiche weitere Personen aus Iron Widow finden sich historische Vorlagen, die auf der englischen Wikipedia-Seite zum Roman aufgelistet sind.

Zu den zentralen Themen des Buchs gehört auch das furchtbare Füßebinden, durch das die Füße fast aller Frauen grausam verstümmelt wurden, um einem mehr als fragwürdigen Schönheitsideal zu entsprechen. Allgemein erinnert die Rolle der Frau im Roman an deren Stellenwert in manchen Phasen des historischen Chinas. So entsprechen die Konkubinen der Piloten chinesischen Haremsdamen.

Das Reich der Menschen heißt Huaxia. In der realen Geschichte ist mit diesem Begriff die Idee eines geeinten Chinas gemeint, die bereits vor der tatsächlichen Einigung existierte. In Huaxia gibt es mehrere Völker wie die Rong, die auf realen Völkern des alten Chinas beruhen.

Schließlich sei noch die Chinesische Mauer (The Great Wall) genannt, die die Menschheit des Romans vor den Hunduns schützt.

Chinesische Mythologie in Iron Widow

Die Hunduns, gegen die die Menschen des Romans kämpfen, sind nach gesichtslosen Wesen der chinesischen Mythologie benannt, wobei derselbe Begriff auch Wesen bezeichnet, die das formlose Chaos repräsentieren.

Auch die Kampfeinheiten, mit Hilfe derer die Menschen die Hunduns bekämpfen, entstammen der chinesischen Mythologie bzw. der chinesischen Symbolik. Dies wären etwa Nine-Tailed Fox, Vermilion Bird, White Tiger, Black Tortoise und Yellow Dragon.

Chrysalis

Der Begriff Chrysalis scheint sich vom Puppenstadium eines Insekts abzuleiten. Denn wie sich bei einem Insekt eine Larve durch Verpuppung z.B. in einen Schmetterling verwandelt, durchlaufen auch die Chrysalises eine Entwicklung von einer Tierform zum aufrechten Gang bis hin zu einer menschenähnlichen heroischen Form.

Außerdem erinnern die Hunduns, aus deren Überresten die Chrysalises entstehen, teilweise an Insekten, zumal bei ihrem Nachwuchs explizit von Larven die Rede ist.

Das Genre des Romans

Durch die mechanischen Kampfeinheiten und die ebenfalls mechanischen Hunduns wirkt Iron Widow in weiten Teilen wie Science-Fiction. Durch da Qi, mit dem die Piloten und die Konkubinen die Chrysalises steuern etc. kommt aber ein Schuss Fantasy hinzu, weshalb man das Genre letztlich wohl ganz gut mit Science-Fantasy umschreiben kann.

Wie hat die China-Rezeption auf mich gewirkt?

Während ich aufgrund meiner Ausbildung geübt darin bin, antike Elemente in modernen Erzählungen aus dem Bereich der Phantastik aufzuspüren, hätte man mir den Roman Iron Widow als vollumfänglich fiktional verkaufen können. Abgesehen von der Chinesischen Mauer und der Position der Frauen habe ich aufgrund mangelnder Kenntnisse tatsächlich keine einzige Anspielung auf die chinesische Geschichte und Mythologie von selbst verstanden.1

Da ich aufgrund verschiedener Besprechungen des Buches, dem Wikipedia-Artikel sowie diversen Aussagen des Autorys Xiran Jay Zhao aber wusste, dass der Roman chinesische Geschichte und Mythologie rezipiert, habe ich nun natürlich einiges nachgeschlagen und bin jetzt dank Iron Widow ein wenig fitter in Bezug auf diese Thematik.

Spannend ist jedenfalls, dass die Erzählung und die mit ihr verbundene Gesellschaftskritik auch wunderbar funktioniert, wenn man kaum eine der zahlreichen Anspielungen versteht. Wenn man sich dann aber mit den historischen und mythologischen Bezügen auseinandersetzt, erhält der Roman eine zusätzliche Tiefe, weil die Handlung nun plötzlich „realer“ oder „gewichtiger“ erscheint.

Mein Eindruck von Iron Widow

Oft verweisen Besprechungen des Buchs darauf, dass es sich um eine Mischung aus dem Film Pacific Rim (2013) und Margarat Atwooods Roman The Handmaid’s Tale (1985) handle. Da kann man durchaus noch munter BattleTech, Transformers, Digimon, Dragon Ball Z oder Attack on Titan hinzufügen, die Xiran Jay Zhao in diesem Kontext (abgesehen von BattleTech) auf ihrer Internetseite auch selbst als Inspirationsquellen anführt.

Nichtsdestotrotz wirkt Iron Widow auf mich aber durchaus als eigenständige Erzählung, was vielleicht mit der Vermischung mit Elementen der chinesischen Geschichte und Mythologie zusammenhängt. Für mich persönlich hat dieser Roman daher hervorragend funktioniert.

Das war definitiv nicht mein letztes Buch von Xiran Jay Zhao!

Iron Widow Xiran Jay Zhao
Der Roman Iron Widow in meinem Bücherregal. (Foto: Michael Kleu)

 

Michael Kleu
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Anmerkungen

  1. Ich tue mich im Moment auch noch sehr schwer mit chinesischen Namen, die ich aufgrund mangelnder Vertrautheit teilweise kaum auseinanderhalten kann.

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