Ody-C: Off to far Ithicaa (Comic)

Es ist ein zunehmend auftretendes Erfolgsrezept, antike Geschichten oder Erzählungen in angepasster Form in eine Science Fiction-Welt zu ĂĽbertragen. Wenn eine Story seit 2.000 bis 3.000 Jahren funktioniert, ist die Wahrscheinlichkeit schlieĂźlich sehr groĂź, dass sie auch heute noch auf interessierte Rezipienten stößt. Besonders hoch ist diese Wahrscheinlichkeit natĂĽrlich, wenn man sich die „Odyssee“ als Vorlage nimmt, deren gewaltige Wirkungskraft auf unzählige Erzählungen späterer Zeiten kaum ĂĽberschätzt werden kann, was noch einmal gesteigert wird, wenn man ihre Schwestererzählung, die „Ilias“ mit in die Betrachtungen einbezieht. Als ausgewählte prominente Beispiele seien in diesem Kontext James Joyces „Ulysses„, der Asterix-Band „Die Odyssee“ (L’OdyssĂ©e d’AstĂ©rix) oder „O Brother, Where Art Though“ der Coen-BrĂĽder genannt. Dabei kann die Form der Rezeption von einer sehr lockeren Anlehnung bis zu einer äuĂźerst engen Nacherzählung reichen.[1]

Abb. 1: Odyssia nach dem Sieg ĂĽber Troiia VII (Photo: Michael Kleu)

Das heute zu besprechende Comic „Ody-C – Of to far Ithicaa“ ist diesbezĂĽglich ein sehr besonderes Beispiel, da es einerseits mit Absicht gewisse Ă„nderungen durchfĂĽhrt, sich dabei aber gleichzeitig auch wieder sehr eng an der homerischen Vorlage orientiert. So soll das noch nicht vollständig erschienene Gesamtwerk letztlich in Anlehnung an die 24 Gesänge der „Odyssee“ (und der „Ilias“) aus ebenso vielen Heften bestehen. Auch sind viele der Hefte entsprechend des altgriechischen Originals im daktylischen Hexameter verfasst. Der Clou liegt aber darin, dass Autor Matt Fraction die Erzählung nicht nur in den Weltraum verlegt hat, sondern dabei auch sehr stark mit den Geschlechtern der Charaktere spielt. Denn wir befinden uns in einer Welt, in der „father-mother“ bzw. „all-mother“ Zeus alle Männer vernichtet hat, um weniger Sorge vor gegen ihn/sie gerichtete Aufstände haben zu mĂĽssen. Doch aus gewissen GrĂĽnden wird nach 1.000 männerlosen Jahren doch ein männliches Kind geboren – He -, das dann gleich einen gewaltigen Krieg um den Planteten Troiia VII auslöst. He ist also die männliche Version der homerischen Helena. Dass der Krieg ausgrechnet auf Troja VII und nicht auf III oder XII stattfindet, ist eine Anspielung darauf, dass die historischen HintergrĂĽnde des Trojanischen Krieges in die Zeit eingeordnet werden, deren Ăśberreste in der archäologischen Ausgrabungsschicht Troja VII liegen.[2]

Abb. 2: He, Ene, Gamen und Odyssia nach dem Sieg ĂĽber Troiia VII (Photo: Michael Kleu)

Die Idee, die „Odysee“ in einem weitgehend männerfreien Universum spielen zu lassen, ist daraus hervorgegangen, dass Matt Fraction ursprĂĽnglich sehen wollte, wie sich die Geschichte verändert, wenn man die Geschlechter vertauscht. Wie etwa wirken die lästig-aufdringlichen Freier der Penelope, wenn es sich bei ihnen nicht um Männer, sondern um Frauen handelt? Bald hatte Fraction jedoch eingesehen, dass ein bloĂźer Geschlechtertausch nicht radikal genug ist, weshalb er sich dazu entschloss, Zeus sämtliche Männer vernichten zu lassen.[3] Daher sind nun alle Helden wie Odysseus, Agamemnon, Menelaos etc. Frauen, deren Partner sogenannte Sebex sind, die einem dritten Geschlecht entstammen. Denn nachdem Zeus die Männer ausgelöscht und die Kreation neuer Männer verboten hatte, entschied sich seine/ihre Tochter Promethene (Prometheus) dazu, die Vorgaben der „mother-father“-Gottheit zu umgehen, indem sie Geschöpfe erschuf, die weibliche Eizellen in ihren eigenen Körper aufnehmen können, um diese dann zu befruchten und auszutragen. Durch die Geschlechterwechsel ist es teilweise schwer zu sagen, wer nun eigentlich welches Geschlecht hat. So ist Hera zwar körperlich ganz klar eine Frau, doch trägt sie einen wallenden Bart. Athene hingegen könnte ein Mann sein (vgl. Abb. 3). Wie leicht anhand der Darstellung des He (Helena) in Abb. 2 sowie an diversen weiteren Szenen zu erkennen ist, eignet sich das Comic nicht fĂĽr eine jĂĽngere Leserschaft.

Abb. 3: Die Welt der Göttinnen (Photo: Michael Kleu)

Bisher ist nur der erste Zyklus erschienen, der die Bände 1 bis 12 umfasst. Die ersten 5 Bände des ersten Zyklus erzählen die Geschichte der Odyssia (also Odysseus), die nach der Eroberung von Troiia VII zurĂĽck nach Ithicaa (Ithaka) möchte, während die Bände 6-10 die Erlebnisse von Ene (Menelaos) und He (Helena) nachzeichnen. Die Bände 11-12 handeln schlieĂźlich von Gamem (Agamemnon) und dem Untergang des Hauses Atreus. Ab Band 6 verlassen wir also die „Odyssee“ und wenden uns anderen antiken Quellen zu. Zyklus 2 soll demselben Aufbau (5-5-2) folgen, sodass die ersten fĂĽnf Bände wieder die „Odyssee“ adapieren. Der Beginn von Band 1 entspricht dem Anfang der „Odysse“, in dem wie auch bei der „Ilias“ die Muse angerufen wird (vgl. Abb. 4).

Abb. 4: Das Comic beginnt wie die „Odysse“ mit der Anrufung der Muse (Photo: Michael Kleu)

Die gewaltigen von Christian Ward gezeichneten Bilder, die sich bewusst am Stil europäischer Comics der 70er Jahre orientieren, setzen das recht spektakuläre Unterfangen gekonnt in eine bunte Darstellung um. Dabei werden viele Kreisformen verwendet, um das weibliche Element zu unterstreichen, während die Darstellungen grundsätzlich auch immer ein bisschen an Unterwasserwelten erinnern sollen, um die Bedeutung des Meeres fĂĽr die „Odyssee“ auf das Comic zu ĂĽbertragen. Ausgehend von der Idee, dass klassische Raketen als Phallussymbole eher männlich besetzt sind, ist die Ody-C, das Schiff der Odyssia, von ihrer Form her an weiblichen Fortpflanzungsorganen orientiert (vgl. Abb. 5). Odyssia selbst ist bewusst ethnisch undefinierbar gehalten, um möglichst viel Identifikationspotential zu bieten.[4] Die RĂĽstung der Odyssia ist eine futuristische Adaption klassischer griechischer RĂĽstungen (vgl. Abb. 1).

Abb. 5: Das Schiff der Odyssia: Die Ody-C (Photo: Michael Kleu)

Der grobe Ablauf der Erzählung entspricht dem der „Odyssee“. Zuerst finden wir Odyssia und andere Kriegerköniginnen, die siegreich fĂĽr Achaea (die Achaier) gekämpft haben, auf Troiia VII, wo sie voneinander Abschied nehmen und in ihre jeweilige Heimat aufbrechen. Im Fall der Odyssia ist dies natĂĽrlich Ithicaa (Ithaka), wo die Sebex Penelope und ihr Sohn Telem (Telemachos) auf sie warten. (Nach He ist eine gewisse Zahl weiterer Männer geboren worden.) Zunächst stößt Odyssia dabei auf die Ciconen (die thrakischen Kikonen), die im Krieg auf Seiten von Troiia VII gestanden hatten, bevor sie sich zur Zerstreuung auf die Welt der Lotophagen zurĂĽckzieht. Dann stĂĽrzt die Ody-C auf dem Planeten Kylos ab, wo die Besatzung auf die Kyklopin Polyphem stößt. Dieser Erzählstrang ist auĂźergewöhnlich lang, was sicherlich mit der enormen Popularität der Polyphem-Episode zusammenhängt. Auf Aeolia treffen Odyssia und ihre Frauen schlieĂźlich den Windgott Aeolus (Aiolos) und seine Nymphets (Nymphen). Lediglich eine Episode um einen Tempel des Apollon wird im Comic anders angeordnet. Unterbrochen werden die Abenteuer der Odyssia immer wieder von Ereignissen aus der Welt der (Götter? und) Göttinnen, die wie auch im griechischen Original wiederholt in das Geschehen eingreifen. In modernen Adaptionen homerischer Werke wird die Welt der Götter oft weitestgehend (Ulisse 1954) oder gar gänzlich (Troy 2004) ausgeklammert, wofĂĽr es verschiedene GrĂĽnde gibt. Im vorliegenden Comic passt die Welt der Götter jedenfalls bestens in die Erzählung und kommt der homerischen Vorlage diesbezĂĽglich wesentlich näher als weniger phantastische Werke. (NatĂĽrlich muss man dazusagen, dass es das Comic vermutlich wesentlich leichter hat, Götter einzubauen, wirken diese in Filmen doch häufig ein wenig peinlich.)

Abb. 6: Die Kyklopin ĂĽberrascht Odyssia und ihre Frauen (Photo: Michael Kleu)

Im nächsten Zyklus mĂĽssten also noch die Laistrygonen, Kirke, die Sirenen, Skylla & Charybdis, Helios, Kalypso und die Phäaken auftreten. Zyklus 2 sollte eigentlich bereits Ende 2017 beginnen, was bisher jedoch noch nicht der Fall gewesen ist. Es bleibt zu hoffen, dass die Geschichte noch zu Ende erzählt wird. Mittlerweile sind die ersten 5 Bände jedenfalls im hier besprochenen Sammelband „Off to far Ithicaa“ erschienen. Die Bände 6 bis 10 finden sich im Sammelband „Sons of the Wolf“, der in KĂĽrze besprochen werden wird.

Abb. 7: Penelope und Telem auf Ithicaa (Photo: Michael Kleu)

Wie wir gesehen haben, versetzt „Ody-C“ die „Odyssee“ in ein ganz anderes Setting, bleibt ihr aber doch in vielerlei Hinsicht treu. Eine abschlieĂźende Bewertung kann wohl erst erfolgen, wenn alle Bände der Reihe erschienen sind.

[1] Zur gewaltigen Prägekraft der „Odyssee“ vgl. auch meine Ăśberlegungen, die ich anlässlich der Kölner Tagung „Von Homer bis Assassin’s Creed – Spielarten (mit) der Odyssee: Erzählt – Gespielt – Gelesen – Diskutiert“ angestellt habe.

[2] Troja I bis VI entsprechen Ausgrabungsschichten, die aus frĂĽheren Zeiten der trojanischen Stadtgeschichte stammen.

[3] In der englischen Wikipedia werden verschiedene Interviews mit Matt Fraction und Christian Ward auf das Wesentliche zusammengefasst. Hier findet sich auch eine Auflistung der verwendeten Quellen und der stilistischen Vorlagen.

[4] Vgl. den Link in Anm. 3.

 

 

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