Wenn Römer zu Dämonen werden – Sie bleiben (Roman)

In Tom C. Winters Horror-Thriller „Sie bleiben“ dauert es eine Weile, bis einem die Bezüge zur Antike auffallen, steht in der Erzählung doch zunächst der 1486 verfasste „Hexenhammer“ (Malleus maleficarum) im Vordergrund, der der Legitimierung der Hexenverfolgungen dienen sollte und in diesem Rahmen das wiedergibt, was der oder die Autoren über Hexen, Dämonen etc. zu wissen glaubten. Zumindest im Roman kommt der „Hexenhammer“ der Realität ziemlich nah, hilft er doch Jan, einem der Protagonisten des Buches, ein sonderbares Erlebnis richtig einzuordnen. Denn nachts wird Jan regelmäßig von einem weiblichen Geist besucht, mit dem es dann zu sexuellen Handlungen kommt. Mit Hilfe des „Hexenhammers“ versteht Jan, dass er eine Liebesaffäre mit einem Succubus hat. Mit diesem Begriff bezeichnet man äußerst attraktive weibliche Dämonen, die nachts Männer besuchen, wobei der „Hexenhammer“ davon ausgeht, dass ein Succubus es besonders auf den Samen des Mannes abgesehen hat. Das männliche Pendant des Succubus ist ein Incubus. Ähnliche Formen beider Gestalten waren bereits in Mesopotamien bekannt und hielten vermutlich über das Judentum Einzug in die christlich-mittelalterliche Dämonologie.

Jans nächtliche Besucherin ist längst nicht der einzige Dämon im Roman. Denn die Geschichte geht davon aus, dass es Menschen mit besonderen Fähigkeiten gibt, die unter anderem fremde Körper in Besitz nehmen und so ein sehr hohes Alter erreichen können, da im Todesfall einfach der Körper gewechselt wird. Insofern sind die Dämonen in „Sie bleiben“ keine Wesen aus der Hölle oder aus anderen Dimensionen, sondern Geister anderer Menschen, deren ursprüngliche Körper in der Regel bereits verstorben sind. Zwischen diesen Dämonen kann es aus verschiedenen Gründen zu Kämpfen kommen, wobei sie sich besonderer Waffen bedienen. Denn Waffen gewinnen in der vorliegenden Erzählung durch die Anzahl derer, die durch sie getötet wurden, an Macht, weshalb es heißbegehrte mächtige Artefakte gibt. Um neue Körper besser kontrollieren zu können, heben die „Dämonen“ Reliquien ihrer ursprünglichen Körper auf (Haut, Haare, Knochen etc.), die sie ihren Wirten unter das Essen oder ins Getränk mischen, da dies in der Folge die Besitznahme erleichtert.

Photo: Michael Kleu

Erste Rezeptionen der Antike schleichen sich allmählich ein, wenn Tom C. Winter Bezüge zur Bibel einfließen lässt. Diese sind zunächst nicht sonderlich überraschend, da der „Hexenhammer“ (zumindest u.a.) von Heinrich Kramer verfasst wurde, einem Theologen und Dominikaner, dessen Überzeugungen natürlich stark im Christentum fußten. So finden sich dann Anspielungen im Text wieder, die sich z.B. auf das Evangelium nach Markus (5,9) beziehen, wo ein Besessener zu Jesus sagt: „Mein Name ist Legion. Denn wir sind viele.“ (Vgl. hierzu auch Lukas 8,30). An anderer Stelle geht es um das Buch Genesis. Denn hier heißt es in 6,2ff., dass die Söhne Gottes auf die Erde gekommen seien, um mit den schönen Menschenfrauen ein Geschlecht von Helden, Riesen oder Giganten zu zeugen, was natürlich eine Steilvorlage für die phantastische Literatur ist.[1] Doch Tom C. Winter lässt nicht einfach Zitate oder Bezüge einfließen, sondern baut die Bibel auch auf sehr kreative Weise in seine Geschichte ein. So verbindet er in den Umstand, dass Dämonen ihren Wirtskörpern Teile ihres Körpers zu essen und zu trinken geben, mit dem letzten Abendmahl – großartige Idee! – oder leitet aus Genesis 1,2, wo es heißt, dass Gottes Geist über dem Wasser schwebte, ab, dass offene Gewässer für Dämonen ein problematisches Element darstellen.

In einem der beliebtesten Artikel, die bisher auf diesem Blog veröffentlicht worden sind, habe ich mich mit u.a. dem Umstand beschäftigt, dass das Horror-Genre sich bei Dämonen bevorzugt in der Altorientalistik bedient.[2] Zwar wird auch in „Sie bleiben“ kurz Pazuzu angesprochen, doch ist der Hauptdämon der Geschichte der Geist eines Römers, was aufgrund der Genregepflogenheiten ziemlich originell ist. Zunächst dachte ich, dass dieser Quintus Sidonius Varro, der anderen Dämonen im Roman als „Dämon mit den tausend Augen“ bekannt ist, innerhalb der Erzählung beliebig gegen einen mesopotamischen oder atztekischen Dämon austauschbar sei. Doch hat Quintus Sidonius Varro einen konkreten Grund dafür, sich in unserer Region aufzuhalten, da er als römischer Feldherr in Germanien gedient hat und dort das erste Mal verstorben ist.[3] Dies erfahren wir durch Linus, einen weiteren Protagonisten, der praktischerweise Archäologie studiert und den Römer aufgrund der tria nomina – also der Gliederung seines Namens in praenomen, nomen gentile und cognomen – ungefähr in die ersten drei Jahrhunderte n.Chr. einordnen kann.[4] Auch findet er eine Quelle, in der es heißt, dass Quintus Sidonius Varro als Feldherr in Germanien im Einsatz gewesen sei. Somit ist es natürlich nicht zuletzt das außergewöhnliche Alter und die damit verbundene Erfahrung, die den ehemaligen Feldherren so gefährlich machen. Insofern ist ein Römer als „Bösewicht“ wohl eine gute Wahl, da so einerseits ein hohes Alter und andererseits durch den Namen ein gewisses Maß an (vertrauter) Fremdheit gegeben sind. Schließlich hat es Tradition im Horror, dass das Böse oft möglichst alt sein muss, während wir die lateinische Sprache aufgrund des Christentums automatisch mit Riten und Zeremonien verbinden, was sich bekanntlich schön auf Dämonenbeschwörungen etc. übertragen lässt. Abgesehen vom Alter und dem Namen wird die römische Herkunft des Antagonisten allerdings nicht weiter vertieft und spielt eigentlich kaum eine Rolle für den weiteren Handlungsverlauf.

Tom C. Winter und Matt Fynch (Covergestaltung) auf der Comic Con in Dortmund (Photo: Michael Kleu)

Somit liegt hier natürlich keine tiefgehende Antikenrezeption im Horror-Genre vor, wie wir sie etwa in der zweiten Staffel von True Blood kennengelernt haben. Nichtsdestotrotz ist auch diese Form der Antikenrezeption auf das Genre bezogen durchaus bemerkenswert und zeigt, dass guter Horror auch in Verbindung mit der antiken Welt funktionieren kann und nicht ausschließlich auf die Altorientalistik oder die Ägyptologie zurückgreifen muss.[5]

 

[1] Die Stelle ist so großartig, dass ich ihr irgendwann einen eigenen Artikel widmen muss.

[2] Im Rahmen meiner bisherigen Ergebnisse lässt sich sagen, dass sich in der Phantastik besonders die Science Fiction hinsichtlich der Antikenrezeption hervortut. In etwas geringerem Maße folgt dann die Fantasy, während sich das Horror-Genre im Bezug auf alte Kulturen eher an Mesopotamien und Ägypten orientiert.

[3] Ich bin mir gerade nicht sicher, ob im Roman der konkrete Ort genannt wird, in dem die Handlung spielt.

[4] Quintus ist ein gängiger römischer Vornamen und heißt übersetzt „der Fünfte“. Sidonius ist ein Familienname, der sich wohl von der phönizischen Stadt Sidon ableitet. In der Spätantike war der Name in Gallien gebräuchlich. Der Beiname Varro erinnert schließlich in erster Linie an Marcus Terentius Varro oder auch an den Dichter Publius Terentius Varro. Natürlich liegt auch ein Bezug zu Publius Quinctilius Varus nahe, der 9 n.Chr. mit seiner römischen Armee im Kampf gegen Arminius/Hermann untergegangen war.

[5] Vgl. Anm. 2.

 

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