Kentauren in der griechisch-römischen Mythologie und in der Fantasy

Kentauren (dt. auch Zentauren) zählen wohl zu den faszinierendsten Wesen der Mythologie, weshalb es nicht überrascht, dass sie regelmäßig in der Fantasy und seltener auch in der Science Fiction in Erscheinung treten. Beginnen wir einen kurzen Überblick mit den üblichen Verdächtigen[1]: Kentauren kommen in der „Harry Potter“-Reihe, den „Chroniken von Narnia“ und in „Percy Jackson“ vor, wobei sie hier überwiegend positiv dargestellt werden. Dies trifft auch auf Michael Endes „Die unendliche Geschichte“ zu, in der der Schwarzkentaur Caíron als der berühmteste Arzt Phantasiens vorgestellt wird, während der Kentaur Foaly in „Artemis Fowl“ als besonders intelligent gilt. Nobel sind ferner die Kentauren in „Xena: Warrior Princess“. Interessant finde ich auch die Manga-Serie „A Centaur’s Life„, „a popular coming-of-age romance-oriented comedy-soap-opera manga about the life and worries (the original Japanese translates literally as ‘A Centaur’s Worries’) of a teenage centaur, Himeno Kimihara“ (Zitat: Liz Hale, Antipodean Odyssey). In „Perry Rhodan“ treten Kentauren in einer fiktiven Urzeit als künstlich geschaffene Gegenspieler einer ersten Menschheit auf und auch in „Star „Wars“ haben wir mit den Chironianern und den Beritten außerirdische Völker vorliegen, die offensichtlich von Kentauren inspiriert wurden. (Weitere Beispiele finden sich in der deutschen und besonders auch in der englischen Wikipedia.)

Die Chironianer aus „Star Wars“, der Erzieher Chiron aus „Percy Jackson“ und Caíron aus „Die unendliche Geschichte“ spielen namentlich auf Chiron an, den wohl berühmtesten Kentauren der griechisch-römischen Mythologie. Um die Nymphe Philyra zu verführen, verwandelte sich der Gott Kronos in ein Pferd, weshalb der gemeinsam gezeugte Sohn Chiron den Oberkörper eines Menschen und den Unterleib eines Pferdes besitzt. Den frühen Dichtern galt Chiron, der in einer Höhle im thessalischen Pelion-Gebirge gelebt haben soll, als besonders gerecht (Hom. Il. 11,832) und menschenfreundlich (Pind. P. 3,5). Als Experte der Heilkunst (vgl. Michael Endes Caíron) und der Jagd wird Chiron als Erzieher zahlreicher junger Helden genannt, zu denen z.B. Iason oder Achilles zählen (vgl. Chiron in „Percy Jackson“). Außerdem fungiert er als Berater des Peleus, des Vaters des Achilles. Eigentlich unsterblich, wird der Kentaur versehentlich von Herakles vergiftet, woraufhin er als Sternbild an den Himmel versetzt wird, was dazu passt, dass Chiron späteren Dichtern u.a. auch als Experte für Astronomie gilt. Herakles vergiftet übrigens auch den von Silos mit einer Nymphe gezeugten Kentauren Pholos versehentlich, der ebenfalls positiv dargestellt wird. (Wenn Ihr also mal in der Nähe seid, wenn Herakles anfängt, mit Gift zu hantieren, wisst Ihr, was Ihr zu tun habt!“)

Chiron unterrichtet den jungen Achilles. Fresko aus Herculaneum, Archäologisches Nationalmuseum Neapel. (Public Domain)

Ganz anders als der zivilisierte Lehrer und Heilkundige Chiron oder als der gastfreundliche Pholos werden die übrigen Kentauren dargestellt. Als der thessalische König Ixion der Göttin Hera nachstellte, erschuf deren Gatte Zeus ein Nephele (Wolke) genanntes Trugbild seiner Frau, mit dem sich Ixion dann vereinte und den ersten Kentauren zeugte. Auf diesen Zeugungsakt ist auch eine der möglichen etymologischen Herleitungen des Begriffs Kentaur zurückzuführen, kann man Kentaur doch mit „Windstecher“ übersetzen (kento = ich steche & aura = Luftzug/Wind). Wie aus diesem einen Kentaur plötzlich mehrere wurden, ist etwas unklar überliefert, jedoch ist es in der Folge noch zu Paarungen mit Pferden gekommen. Man kann zwischen verschiedenen Arten von Kentauren unterscheiden, doch würde das hier zu weit führen. Auch diese Kentauren werden jedenfalls in der Regel geographisch in Thessalien angesiedelt. Meist treten sie als wüste und trinkfreudige Gruppen auf, die Frauen rauben und anderes Unheil anrichten, bevor sie letztlich von einem oder mehreren Helden besiegt werden. Den berühmtesten Kampf dieser Art stellt sicherlich die Kentauromachie (dt. Kentaurenkampf) dar. Hierzu kam es, weil der König des mythischen Volks der Lapithen die Kentauren zu seiner Hochzeit eingeladen hatte, bei der einer der Kentauren dann aufgrund von Alkoholeinfluss etwas zu großes Interesse an der Braut zeigte (Hom. Od. 21,295–304; Ov. Met. 12,210-531; Hyginus Fabulae 33).

In der antiken Kunst gibt es zahlreiche Darstellungsformen, was damit zusammenhängen mag, dass es diesbezüglich unterschiedliche Überlieferungen gibt. So haben die Kentauren manchmal Fell und manchmal Pferdeohren, während die Vorderbeine sowohl vom Menschen als auch vom Pferd stammen können. Ab dem 5. Jh. v.Chr. finden wir auch weibliche Kentauren, was auf den Maler Zeuxis zurückzuführen sein könnte.

Kentaurin. Römisches Mosaik 2. Jh. n.Chr. Photo: Giorces

(CC BY 2.5)

Viele der hier genannten Aspekte hat Foe Rodens in ihrem Roman „Der Fluch des Schlangenmenschen“ aufgegriffen, auf den ich nun etwas ausführlicher eingehen möchte, da die Kentauren hier im Zentrum des Buches stehen und die Autorin themenrelevante Fächer (Latein und kurzeitig auch Klassische Archäologie) in Trier studiert hat, was sich deutlich in vielerlei Details der Erzählung zeigt. Schon im Prolog fliehen Menschen aus einer dem Untergang geweihten Stadt, wobei an einer Stelle explizit ein Mann erwähnt wird, der mit seinem Sohn und seinem Vater zu entkommen versucht, wodurch man natürlich gleich an Aeneas‘ Flucht aus dem brennenden Troja denken muss. (Die Autorin bestätigte mir auf Anfrage, dass sie diese Szene tatsächlich im Kopf hatte, als sie dies schrieb.) Und immer wieder finden sich so kleine Passagen, an denen klar ersichtlich wird, dass die Autorin hinsichtlich der Antike weiß, wovon sie schreibt, zum Beispiel, wenn die Protagonistin an einer Stelle des Buches über Sarissen (Spieße der makedonischen Armeen) sinniert. Die Protagonistin studiert in der Erzählung nämlich ein nicht näher definiertes altertumswissenschaftliches Fach in Trier und gerät durch gewisse Umstände in eine Welt, die Ähnlichkeiten mit unserer Antike bzw. einer mythischen Vorzeit unserer Antike aufweist, ohne jedoch mit dieser identisch zu sein. Und in dieser Welt leben Menschen und Kentauren als sich gegenseitig argwöhnisch beobachtende ehemalige Bundesgenossen in Nachbarschaft zueinander, wobei ein Krieg zwischen den Völkern zunehmend wahrscheinlicher wird.

Foe Rodens orientiert sich bei der Darstellung ihrer Kentauren eher an Chiron, also an kultivierten, freundlichen Kentauren, die jedoch – einmal in Rage geraten – durchaus auch hitzköpfig werden können. Dem oben beschriebenen negativen Bild der Kentauren entsprechen dann die Vorurteile, die die Menschen den Kentauren gegenüber pflegen. Sehr geschickt erklärt die Autorin, weshalb es unterschiedlich aussehende Kentauren gibt (s.o.) und auch weibliche Kentauren kommen vor. Chiron wird zwar – wenn ich mich richtig erinnere – kein Mal im Buch erwähnt, doch wird dessen Gifttod ganz offensichtlich aufgegriffen und auf eine Anfälligkeit aller Kentauren gegenüber Schlangengift übertragen.

Photo: Michael Kleu

Als Aufhänger dient Foe Rodens für ihre Geschichte übrigens ein Auszug aus Ovids Darstellung der Kentauromachie, mit dem das erste Kapitel beginnt und in dem die beiden Kentauren Kyllaros und Hylonome äußerst menschlich dargestellt werden. Ich zitiere den Ausschnitt direkt aus dem Roman (S. 6):

„Ungewiss ist, wer es tat: Von links schwirrte ein Wurfspieß heran und durchbohrte dich, Kyllaros, unterhalb des Halses, wo die Brust beginnt; das Herz, nur wenig verwundet, erkaltete wie der ganze Körper, als man den Speer herauszog.

Unmittelbar fing Hylonome seinen sterbenden Körper auf, presste ihre Finger auf die Wunde, um sein Leben zu bewahren, legte ihre Lippen auf seine, suchte seinen entfliehenden Geist zurückzuhalten.

Doch als sie sah, dass er gestorben war, da stürzte sie sich mit Worten, die der Tumult nicht zu meinen Ohren dringen ließ, auf den Speer, der ihren Kyllaros durchbohrt hatte, und starb, den Gatten in ihren Armen“

(Ovid. Met. 12,419-428)

Woher mag die Idee von den Kentauren aber ursprünglich gekommen sein? Einerseits repräsentierten sie ursprünglich durch ihren tierischen Anteil sicherlich das Wilde und Ungezähmte, das der Kultur und der Zivilisation der Menschen entgegengestellt werden soll. Gut denkbar ist, dass Reitervölker wie die Skythen sogar eine reale Grundlage für den Mythos bildeten, zumal die zweite Silbe von Kentaur auf die Taurer verweisen könnte, die vor den Skythen im Gebiet der heutigen Krim lebten und vom Benehmen her aus griechischer Sicht ähnlich beschrieben werden wie die Kentauren. Heute hat sich das Bild des Kentauren jedenfalls deutlich gewandelt, wie der kurze Überblick zu Beginn des Artikels verdeutlicht hat. Der wilde und gefährliche Kentaur hat dem zivilisierten Wesen à la Chiron Platz gemacht, bei dem es sich offensichtlich um den wirkungsmächtigsten aller Kentauren handelt.

 

[1] Ich spreche hier von den üblichen Verdächtigen, da die Autorinnen und Autoren dieser Werke alle von ihrer jeweiligen Ausbildung her einen starken Bezug zur Antike aufweisen, weshalb es nicht verwundern kann, dass die Antikenrezeption in ihren Werken stark ausgeprägt ist. Auf diesen Punkt werde ich in Kürze ausführlicher zu sprechen kommen.

 

Literatur:

Artikel „Chiron“ (Fr. Graf) „Kentauren“ (Chr. Walde/A. Ley) aus „Der Neue Pauly. Enzyklopädie der Antike“ sowie die im Text verlinkten Wikipediaartikel.

 

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