Frank Millers „Xerxes“ – Die Fortsetzung des Comics „300“

Frank Millers „300“ ist das Referenzwerk, wenn es um die Wahrnehmung Spartas in der zeitgenössischen Popkultur geht. Auf der einen Seite gibt es an „300“ sowie an Frank Miller selbst sicherlich einiges zu kritisieren (Stichwörter: Xenophobie, Islamophobie, Homophobie etc.), doch muss man dennoch festhalten, dass „300“ grundsätzlich ein gelungenes Comic ist, das hier in Kürze noch einmal gesondert besprochen werden wird. Heute legen wir aber zunächst den Fokus auf den Nachfolger „Xerxes“, der den Untertitel „Der Niedergang des Hauses Dareios und der Aufstieg Alexanders“ trägt und der mir vom Verlag als [REZENSIONSEXEMPLAR] zur Verfügung gestellt wurde. Der Film „300: Rise of an Empire“ basiert lose auf Teilen des Comics.

Da es mir um die Antikenrezeption geht, muss ich in meiner Besprechung zwangsläufig den Inhalt spoilern. Wenn Ihr das Comic gerne noch lesen möchtet, ohne bereits zu wissen, um was es genau geht, solltet Ihr die folgenden Kapitel überspringen und direkt zum Fazit übergehen.

Das Cover von „Xerxes“ (Photo: Michael Kleu)
Kapitel 1: Vom Ionischen Aufstand bis zur Schlacht bei Marathon

Das Buch ist in 5 Kapitel unterteilt, was vermutlich den Einzelheften entspricht, in denen „Xerxes“ ursprünglich erschienen ist. Das erste Kapitel beginnt mit dem Jahr 499 v.Chr. und dem Aufstand der ionischen Griechen Kleinasiens gegen das Perserreich (Ionischer Aufstand), der auf einer Seite abgehandelt wird. Auf Seite 2 befinden wir uns bereits im Jahr 490 v.Chr. Im ersten Panel dieser Seite zerstört ein Sturm eine persische Flotte, womit wohl der Untergang einer Flotte der Perser in der Nähe des Berges Athos gemeint sein dürfte, der sich in Wirklichkeit allerdings etwas vor 490 v.Chr. ereignete.

Aischylos

Weiter geht es dann mit der Schlacht bei Marathon (490 v.Chr.), in der die Athener unter Miltiades einen Sieg gegen persische Truppen erringen konnten. Wie in „300“ ist auch hier viel Pathos am Werk, doch ist es erfrischend, dass bewusst eine gewisse Distanz zum spartanischen Militarismus aufgebaut wird, wenn der athenische Erzähler betont, dass hier Töpfer, Schneider, Schmiede und Fischer für ihre Heimat kämpfen. Dennoch bleibt das Comic kriegs- und gewaltverherrlichend. So wird etwa ein Mann namens Aischylos prominent in Szene gesetzt, der mit einer sonderbaren von einer Reise mitgebrachten Waffe durch die Reihen der Perser wütet. Gemeint ist damit natürlich der große Tragödiendichter, der für Athen sowohl bei Marathon als auch bei Salamis in den Krieg zog. Als Feldherren werden Themistokles, den man eigentlich eher mit der Flotte verbindet, und der bereits oben erwähnte Militades vorgestellt, wobei letzterer sonderbar effeminiert dargestellt wird. Letzteres soll womöglich die an Größenwahn grenzende Überheblichkeit (Hybris) symbolisieren, die die antiken Quellen dem Aristokraten Miltiades nachsagen.

Miltiades (lange blonde Haare) und Themistokles (Glatze und Bart)

Im positiven Sinne überraschend ist, dass die Perser wesentlich menschlicher präsentiert werden als in „300“. So weist unser Erzähler ausdrücklich darauf hin, dass auch die „Barbaren“ tapfer kämpfen. Schließlich seien sie Männer wie die Griechen, die wie diese Frauen und Kinder hätten. An späterer Stelle (Kapitel 2) werden die persischen Gefallenen sogar als Helden bezeichnet. Auch wird darauf verwiesen, dass es letztlich wohl nicht so dramatisch gewesen wäre, wenn die Athener eine persische Oberhoheit anerkannt hätten. Doch können sich die Athener nicht beugen, da sie weniger für ihre Ehre als vielmehr für ihre Demokratie kämpfen, wobei der Erzähler jedoch kritisch die Frage in den Raum wirft, ob die demokratische Idee die vielen Toten wert sei.

Athen

Von einer Demokratie zu sprechen ist für das Jahr 490 v.Chr. eigentlich noch ein bisschen zu früh, doch befand sich Athen zu diesem Zeitpunkt zumindest schon auf dem Weg zu einer demokratischen Staatsform, die spätestens 462/461 v.Chr. mit den Reformen des Ephialtes erreicht wurde. Und da manche Historikerinnen und Historiker die athenische Demokratie bereits 508/507 v.Chr. mit den Reformen des Kleisthenes beginnen lassen, können wir das hier mal so durchgehen lassen.

Kapitel 2: Der Tod des Dareios

Im zweiten Kapitel schleppen sich die erschöpften und kriegsmüden Sieger von Marathon angenehm unverherrlicht zurück nach Athen. Völlig zurecht wird darauf verwiesen, dass die Athener bei Marathon nicht die gesamten persischen Streitkräfte besiegt hatten, sondern nur einen kleinen Teil davon. Daher steht zu befürchten, dass sich die Flotte der Perser Athen nähert, woraufhin Themistokles das Kommando übernimmt und ein allerletztes militärisches Aufgebot in Position bringt, das teilweise aus kampfunfähigen Männern sowie verkleideten Frauen und Sklaven besteht und das lediglich der Ablenkung dient. Denn der Tragödiendichter Aischylos betätigt sich im Auftrag des Themistokles mit skythischen Speeren versehen als Attentäter und tötet den Perserkönig Dareios I., woraufhin dessen Sohn Xerxes I., der Antagonist aus „300“ die Herrschaft übernimmt.

Der sterbende Dareios I. in den Armen seines Sohnes Xerxes

Diese Ermordung des Dareios durch Aischylos sowie das „Heer“ des Themistokles sind frei erfunden. Tatsächlich starb der Perserkönig erst 486 v.Chr. wohl in Folge einer Erkrankung eines natürlichen Todes, nachdem er sich im Anschluss an die Schlacht bei Marathon aus Griechenland zurückgezogen hatte. Auch das „griechische Feuer„, das die Athener gegen die Perser verwenden, ist in diesem Kontext hinzugedichtet. In der Realität nutzte man dieses Feuer erst im 7. Jh. n.Chr. im Byzantinischen Reich.

Kapitel 3: Verwandlung, Hochzeit und Tod des Xerxes

Am Ende von Kapitel 2 und zu Beginn von Kapitel 3 wird angedeutet, wie Xerxes in der Wüste auf eine Art Mumie stößt und dadurch zu der sonderbaren Figur wird, die wir aus „300“ kennen. Denn bis zu diesem Zeitpunkt ist er in „Xerxes“ ein ganz normaler junger Mann.

Ein Zeitsprung führt uns ins Jahr 465 v.Chr., in dem Xerxes von führenden Persern ermordet wird, wobei diesbezüglich mehrere Möglichkeiten dargestellt werden, bevor die Frage aufgeworfen wird, ob Xerxes wirklich starb oder womöglich von allen verlassen weiterlebte.

Ein weiterer Zeitsprung bringt uns zurück ins Jahr 479 v.Chr., in dem Xerxes zu heiraten beschließt. Seine Wahl fällt auf die Jüdin Ester, was deren Volk nach drohenden Vertreibungen und Verfolgungen Sicherheit bringt und zur Einführung des Purimfests führt. Dieser Erzählstrang rührt daher, dass der Perserkönig Xerxes in der Regel mit dem im alttestamentarischen Buch Ester erwähnten König Achaschwerosch gleichsetzt wird.

Persepolis
Kapitel 4: Dareios III. und Alexander der Große – Die Schlacht bei Issos

Das vierte Kapitel beginnt etwas Wirr mit dem Bau von Persepolis, der eigentlich 520 v.Chr. unter Dareios I. begann, hier aber Dareios III. zugeordnet wird. Persepolis wird als moderne Stadt dargestellt, die sich – wortwörtlich –  in der Hand des Dareios III. befindet, was wohl als Metapher zu verstehen ist. Zum Jahr 336 v.Chr. erfahren wir, dass Dareios III. mit eiserner Hand regiert, bevor wir uns der Schlacht bei Issos (333 v.Chr.) und somit Alexander dem Großen zuwenden. Überraschender Weise wird Alexander, der bei Issos erst um die 23 Jahre alt war und sich immer bartlos präsentierte, als etwas älterer Mann mit Vollbart dargestellt.

Alexander der Große nach der Schlacht
Kapitel 5: Die Schlacht bei Gaugamela und der Sieg Alexanders des Großen

Nach der Schlacht bei Issos bemühte sich Dareios III. vergeblich um einen Verständigungsfrieden, was in vereinfachter Form zu Beginn des fünften Kapitels dargestellt wird. Es folgt die Schlacht von Gaugamela, in der Dareios Alexander endgültig unterliegt. Zur Veranschaulichung wird ein Schema der Schlachtaufstellung geboten, das jedoch sehr lieblos geraten ist und enorm bei den Zahlenangaben übertreibt. Es folgt die jeweilige Einnahme von Babylon, Susa und Persepolis, bevor die Ermordung des Dareios durch den mit ihm verwandten Satrapen (Provinzstatthalter) Bessos gezeigt wird. Das Comic endet schließlich mit der ehrenvollen Beisetzung, die Alexander seinem persischen Rivalen zuteil werden ließ.

Dass Alexander dies tat, mag auf den ersten Blick überraschend wirken, doch ist es immer wieder in der Geschichte der Menschheit ein wichtiges Element einer legitimen Machtübernahme, den Vorgänger ehrenvoll bestatten zu lassen. Man könnte die Ermordung des Dareios durch einen eigenen Gefolgsmann als Glücksfall für Alexander bezeichnen, da ihm dieses Attentat die Möglichkeit gab, den Mörder zu bestrafen und den König zu rächen, was ihn – auch wenn er als Eroberer gekommen war – als legitimen Erben des Dareios erscheinen ließ.

Alexander der Große bei der Beisetzung des Dareios III.

Interessant erscheinen gewisse Anspielungen auf den letzten Seiten. Denn hier wird Dareios als „großer Vereiniger“ gepriesen, während Alexander im „Gespräch“ mit dem Leichnam des Großkönigs sagt, dass niemand außer den beiden Königen selbst verstehen könne, welche Absicht sie verfolgten. Nimmt man beides zusammen, so entsteht der Eindruck, dass Frank Miller hier auf eine Idee hinaus möchte, die Alexander seit der Antike nachgesagt wird. Es geht um die sehr umstrittene Frage, ob Alexander der Große plante, durch die Eroberung der damals bekannten Welt eine vereinte Menschheit zu schaffen, wofür besonders die Massenhochzeit von Susa gerne als Beleg herangezogen wird, da man diese als eine bewusste Verschmelzung von Makedonen/Griechen und Persern interpretieren kann. So könnte es sein, dass Dareios III. hier eine ähnliche Grundidee zugeschrieben wird. (Eine ähnliche Idee liegt auf China bezogen dem Film Hero (2002) zugrunde.) Vielleicht verstehe ich Frank Miller hier aber auch falsch und es geht allein um den unbedingten Willen zur Weltherrschaft, den beide Könige miteinander teilten.

Fazit

Alexander der Große und das durch ihn ausgelöste Zeitalter des Hellenismus zählt zu meinen Hauptarbeitsschwerpunkten als Althistoriker, weshalb ich mich sehr auf „Xerxes“ gefreut habe. Nach einem ersten Durchblättern war ich jedoch maßlos enttäuscht, da mir auf vielen Seiten der Zeichenstil nicht zusagt, was besonders für die Kapitel gilt, in denen Alexander und die Makedonen vorkommen. Nachdem ich das Comic jetzt gründlich durchgelesen habe, muss ich meine Meinung jedoch zumindest teilweise revidieren.

Das erste Kapitel hat mir letztlich ganz gut gefallen, was nicht zuletzt daran liegt, dass Frank Miller hier von der Verherrlichung des spartanischen Militarismus abrückt und durchaus kritische Töne durchblicken lässt. Besonders gut tut diesem Kapitel, dass hier eine durchgängige Geschichte erzählt wird. Dies gilt mit Abstrichen auch für Kapitel 2. Mit den Kapiteln 3, 4 und 5 konnte ich weniger anfangen, was wirklich bemerkenswert ist, da der Alexanderzug zu meinen bevorzugten Themengebieten zählt. Hier wird jedoch alles sehr scheibchenhaft erzählt und der Zeichenstil lässt sich für mich beim besten Willen nicht mit Alexander und seinem makedonischen Heer in Einklang bringen.

Schlachtszene

Vieles wird mir schlichtweg zu futuristisch dargestellt. Ich habe kein Problem damit, wenn ein Comic (oder ein Film oder ein Computerspiel) die Geschichte verändert und an die eigene Erzählung anpasst. Schließlich ist jeder Leserin und jedem Leser klar, dass „Xerxes“ kein Geschichtsbuch ist. So stört es mich z.B. nicht, wenn sich der Dichter Aischylos mit sonderbaren Waffen durch das Heer der Perser metzelt. Doch die angepasste Erzählung muss in sich stimmig und harmonisch sein bzw. als Ganzes überzeugen können. Dies ist aus meiner Sicht leider nur bei den ersten beiden Kapiteln der Fall. Ich gebe aber gerne zu, dass mein kritisches Urteil zu den Kapiteln 4 und 5 darauf beruhen könnte, dass es eben genau die Zeit ist, mit der ich mich beruflich befasse. Vielleicht wirken diese Kapitel auf unbefangene Leserinnen und Leser anders.

Grundsätzlich zeigt sich, dass sich Frank Miller aller Abweichungen zum Trotz gründlich mit den von ihm behandelten Themen auseinandergesetzt hat. So folgt er z.B. mit Recht nicht der häufig anzutreffenden Verherrlichung der Schlacht bei Marathon. Auch werden immer wieder schöne Details eingebaut, wie der berühmte Marathonläufer, der der Legende nach tot umfiel, als er nach seinem „Marathon“ in Athen ankam, um den Sieg der Griechen zu verkünden. Und auch wenn Aischylos etwas ungewöhnlich dargestellt wird, muss man doch festhalten, dass er wirklich bei Marathon (und bei Salamis) gekämpft hat.

Auffällig ist noch, dass die Göttinnen und Götter der Griechen in „Xerxes“ präsenter sind als ich es von „300“ in Erinnerung habe. Da vieles so scheibchenweise und ohne Erklärungen erzählt wird, könnte ich mir vorstellen, dass Leserinnen und Leser, die sich nicht so gut mit der im Comic behandelten Zeit auskennen, vieles nicht von selbst verstehen werden, wobei dies natürlich auch nicht zwingend nötig ist, um das Buch genießen zu können. Ich glaube aber dennoch, dass es besser gewesen wäre, die jeweiligen Kurzgeschichten wesentlich ausführlicher zu erzählen. Aus „Xerxes“ hätte man locker mehrere schöne Bände machen können.

Alexander der Große
Andere Besprechungen von „Xerxes“

Wenn Ihr ein bisschen googelt, findet Ihr schnell weitere Besprechungen von „Xerxes“, die – wenn ich richtig sehe – das Comic größtenteils recht positiv aufnehmen. Als sehr schöne alternative Meinung zu meinen Ansichten möchte ich auf den POW-ComicPodcast verweisen, der „300“ und „Xerxes“ in Episode 4 ab Minute 00:57:56 kritisch bespricht. Die drei Kollegen dieses Podcasts kennen sich mit dem Medium Comic wesentlich besser aus als ich und können Euch daher noch zusätzliche Informationen bieten, auf die ich hier nicht eingehen kann.

Literatur

Für die erste Recherche habe ich die entsprechenden Artikel der Wikipedia genutzt, die größtenteils auch im Text verlinkt wurden. Für tiefergehende Fragen habe ich wie immer das Standardwerk „Der Neue Pauly“ herangezogen.

 

 

 

 

 

2 Kommentare zu „Frank Millers „Xerxes“ – Die Fortsetzung des Comics „300“

Gib deinen ab

  1. Mir fiel beim lesen dieser Rezension auf, daß die Handlung des Comics sich offensichtlich sehr von dem Film 300: Rise of an Empire unterscheidet – der ja auf dem entsprechenden Kapitel der graphic novel basieren soll.
    Ich bin sicherlich kein Experte für die Geschichte der Antike aber selbst den ersten Film bzw Comic konnte ich nur unter der Rubrik Fantasy unterbringen.

    1. Vollkommen richtig. Ein Teil des Films basiert auf dem Xerxes-Comic. Grundsätzlich unterscheiden sich Buch und Comic aber sehr. Die ganze Artemisia-Geschichte kommt im Comic z.B. gar nicht vor. Gerade die hätte mich aber sehr interessiert.

      Definitiv. Das geht arg in Richtung Fantasy!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Bitte stimme den Datenschutzbestimmungen zu.

Betrieben von WordPress | Theme: Baskerville 2 von Anders Noren.

Nach oben ↑