Circus Maximus (Kurzgeschichte von Holger Kellmeyer)

Vorbemerkungen Michael Kleu:

Die folgende Kurzgeschichte stammt von Holger Kellmeyer von Das Odeon und bezieht sich auf seinen Beitrag Walkers et circenses – Gladiatorenspiele in „Die Tribute von Panem“, „Mad Max III“ und „The Walking Dead“, der im Juli 2018 auf fantastischeantike.de veröffentlicht wurde. Die Geschichte wurde ursprĂĽnglich in zwei Teilen hier und hier publiziert. Holger ist auf seinem Blog und auch auf FB sehr aktiv. Schaut einmal bei ihm rein, wenn Euch seine Geschichte gefällt!

Circus Maximus (Teil 1/2):

Lanista hatte seit über einer Woche Stürme vorhergesagt. Und dann, am Donnerstag, wurde das Wetter tatsächlich miserabel. Der Regen peitschte schräg von der Seite und es gab immer wieder Windschübe, die so stark waren, dass sie einem den Boden unter den Füßen wegzogen.

„Das sind keine Kampfbedingungen.“, hatte ich Lanista gesagt. Aber der wollte natürlich nichts von meiner Meinung wissen. Wenigstens ignorierte er mich und hackte nicht auf mir rum. Die Zeit war zum Glück vorüber. Denn eins muss man Lanista lassen: er war fair genug, nur die Neuen wie Dreck zu behandeln und uns alte Hasen – so viele gab es ja nicht mehr, unser Job erlaubt nicht unbedingt, dass man alt und glücklich wird – behandelt er wenn schon nicht mir Respekt, dann immerhin mit Anstand und Ignoranz.

Wir mussten raus in die Arena, auch wenn die Zeichen auf Sturm standen.

„Und wenn da draußen nur ein Furz sitzt, der Eintritt bezahlt hat, dann ist das wenigstens ein Eintritt, der es verdient, euch kämpfen zu sehen!“

Das sagte er, als ob er die Schuld komplett auf die Drecksäcke im Publikum abwälzen wollte. Wer war schon so dämlich, bei diesem Wetter Eintritt zu bezahlen, um uns sterben zu sehen?

Rocko, der noch länger im Dienst war als ich, machte den altmodischen Witz, dass wir uns genauso gut „Lanistas Sturmtruppen“ hätten nennen können. Aber die meisten der Jungen verstanden den nicht und so blieb es bei einem mitleidigen, selbstgefälligen Kichern als Reaktion.

Als Lanista fort war, zog sich Rocko in meine Nähe und erleichterte seine Seele ein wenig mit dem üblichen Gemecker.

„Wann werden sie wenigstens das Essen besser würzen?“, fragte er und tat so, als schüttele er ein Salzfässchen über sich selbst aus. Er kicherte träge.

Noch am selben Nachmittag verlor Rocko zum ersten Mal in der Arena das Gleichgewicht. Er stĂĽrzte vor den Bestien, schlitterte ĂĽber dem vermaledeiten Boden in die falsche Richtung und wurde ohne einen einzigen Schrei von sich zu geben, bei lebendigem Leib zerfleischt.

„Glückwünsch!“, sagte Lanista. „Jetzt bist du der Dienstälteste. Aber erwarte keine Sonderbehandlung.“

„Gibt’s wenigstens eine goldene Uhr?“

Lanista schnaubte verächtlich. Aber mal im Ernst, wenn man Lanista lange genug kennt, dann kann man fast glauben, in seinen Augen so etwas ähnliches wie abgestumpftes Leiden ablesen zu können. Er sagte:

„Jeder auf der Welt hat seinen Job. Jeder macht das, was er macht. Wir stecken halt hier.“

Ich legte die Hand an die Gitter meines Käfigs. „Und es ist ein geiler Job, Chef.“

Er sah mich prĂĽfend an, dann nickte er.

„Androklus.“, sagte er und wir sahen uns gegenseitig in die Augen. „In einer scheiß Welt gibt es nur scheiß Jobs. Friss oder stirb.“

„Du meinst: Friss oder werd gefressen.“

Er nickte.

Die Jungen wären nie auf die Idee gekommen, dass Lanista ein netter Kerl hätte sein können. Aber ich konnte mir vorstellen, dass in einer anderen Welt oder einer anderen Zeit, wir uns an einem Tresen hätten nebeneinander begegnen können. Zu einer Zeit, in der man in Arenen höchstens Fußbälle getreten hätte und nicht Menschen.

Wir hätten nebeneinander am Tresen gesessen, gemeinsam über die Ränder unserer Gläser auf den Bildschirm gestarrt und für die selbe Mannschaft gebrüllt. Der fette Lanista mit den großen, roten Flecken auf seinen Wangenknochen. Er hatte diesen stechenden Blick, der einem Angst einflößen sollte. Wenn er zu uns sprach, dann immer viel zu laut und mit zu viel Bass in der Stimme. Wenn er zu dem Punkt gereizt wurde, an dem normale Menschen in seiner Position wirklich geschrien hätten, verwandelte sich seine Stimme in dieses Gurgeln, das ihn wie ein Vulkangott klingen ließ. Aber einer der erbärmlichen Sorte. Diese Erbärmlichkeit, die du nur siehst, wenn du schon lange genug bei dem Spiel dabei bist, um dich nicht mehr von ihm und seinem Geschrei einschüchtern zu lassen.

Rocko hatte mal gesagt: Es gibt Menschen, die verdienen Respekt. Es gibt Menschen, die mĂĽssen brĂĽllen und Angst machen, um Respekt zu bekommen. Und es gibt unseren lieben Lanista, der brĂĽllt und Angst macht und nichts dafĂĽr bekommt auĂźer Blut und SchweiĂź. Wir wĂĽrden ihn ja respektieren, hatte Rocko gestanden, wenn er uns nicht jeden Tag in den Tod schicken wĂĽrde.

Vor lauter Kämpfen bleibt keine Zeit zum Respekt haben.

Im Unterschied zu Rocko hatte Androklus zwar das selbe Bild von Lanista, aber ein anderes Verhältnis zu ihm. Viele von den Jungen verstanden das nicht. Für sie war Lanista die Hand, die den Käfig jeden Tag zuschloss und jeden Abend noch einmal an den Schlössern rasselte, um zu überprüfen, dass auch alle sicher verwahrt waren. Sie übersahen, dass Lanista auch die Hand war, die ihnen das Essen reichte und die Waffen, ohne die man in der Arena keine Überlebenschance hatte.

Man beiĂźt nicht die Hand, die dich fĂĽttert.

Androklus hatte sein Lebtag nicht einmal nach Lanista ‚gebissen’. Im Gegenteil. Alles, was Lanista ihm je angeboten hatte, war auf den Ausdruck tiefster Dankbarkeit gestoßen. Selbst als er ihn direkt nach Rocko in die Arena orderte, um den ‚Dreck zu beenden’, hatte er „Danke, Lanista“ gesagt. Und dann war er eingetreten unter das kaum durch den Sturm dringende Johlen und Kreischen eines spärlichen Publikums.

FĂĽr diesen dreckigen Rest bist du gestorben, Rocko, dachte er bitter.

Sie hatten schon für ein größeres Publikum Großartigeres vollbracht. Vielleicht dreißig oder vierzig Personen saßen im steinernen Halbkreis, starrten auf ihn herunter.

Und Androklus packte die Lanze fester, ehe er sich auf die hungrige Meute stürzte. Durch den peitschenden Regen hindurch, schlitternd über diesen gefährlich schmierigen Untergrund, rammte er dem ersten die Lanze durch den Schädel und verschaffte sich und dem noch zuckenden Leichnam Rockos mit weit ausholenden Bewegungen mit dem Lanzenstil ein wenig Luft.

Er sah zu Rocko hinab: „Erinnerst du dich noch, wie ich dich gefragt habe, ob man sich je daran gewöhnen kann. An den Anblick dieser … Dinger?“

Er wusste noch, was Rocko geantwortet hatte: „Du gewöhnst dich an nichts. Aber du vergisst, dass es einmal Menschen waren, die da vor dir stehen. Du siehst nur noch ihre gefletschten Zähne, die dich in der Luft zerreißen wollen, siehst nur ihre Blasen schlagende Haut und riechst ihren süßlichen Atem des Todes. Sie stinken, als ob sie ihre Gesichter in die Scheißegruben der Hölle persönlich getunkt hätten. Und du wirst irgendwann so angewidert von ihnen sein und so stolz darauf, dass du verdammt noch mal immer noch am Leben bist, dass du deinen Arsch zusammenkneifst und den dümmsten Job der Welt erledigst.“

Androklus nickte.

Das Ding, das vielleicht irgendwann einmal ein Mensch gewesen war, stürzte auf ihn zu und riss kreischend den Mund weit auf, als könne es Androklus mit einem Mal verschlingen. Und Androklus erledigte den dümmsten Job der Welt für den nutzlosesten Applaus im sinnlosesten Regen, um stumpf wie ein Holzmesser wieder zurück in den Käfig zu kriechen und sich von Lanista einen Eintopf servieren zu lassen.

„Danke, Lanista.“, sagte er brav.

„Halt’s Maul.“, antwortete Lanista wie immer.

 

Als der Sturm in den folgenden Tagen stärker wurde, blieb zum Glück auch das große Geld aus. Die Stimmung in den Käfigen unter der Arena war so lange gedrückt, bis man begriff, dass es so schnell keine Show mehr geben würde. Dann entspannten sich alle und trieben ihre Scherze über Lanista und was man alles mit ihm anstellen würde, wenn man nur könnte.

Androklus hielt sich zurück. Er war zu alt, um diesen Spott mitzumachen oder ihn lustig zu finden. Lanista kam um die Mittagszeit zu ihnen und diesmal war er zum ersten Mal seit langem nicht allein. Die anderen waren ausgelassen genug, laut zu grölen, gegen die Gitter zu schlagen und „Frischfleisch!“ zu rufen.

„Haltet’s Maul!“, rief Androklus. „Seht doch hin! Verdammt!“

Aber es half nicht. Sie lärmten, um den Neuen einzuschüchtern. Und das gelang ihnen so verdammt gut. Der Neue brach nämlich in Tränen aus. Ihm versagten die Knie und er stürzte auf den Boden, so dass er von Lanista an den Ketten über den Boden geschleift werden musste.

„Der Neue!“, rief Lanista. „Einer geht, einer kommt.“, so lautete die Regel. Rocko hatte einem neuen Gladiator Platz gemacht. Aber verdammt, Lanista!

Er schloss Androklus‘ TĂĽr auf und stieĂź den Neuen zu ihm in die Zelle.

„Bring ihm alles bei. Er geht zur nächsten Show raus.“

Androklus stürzte an die Käfigtür und bekam Lanistas Arm zu packen. Überrascht sah der Fette zu ihm hinab.

„Das kann nicht dein Ernst sein!“, sagte Androklus.

„Du kennst doch die Regeln. Einer geht, einer kommt.“

„Ja, aber … er ist noch ein Kind. Wie alt ist er? Sieben?“

„Er ist neun. Sagt er jedenfalls. Alt genug, findest du nicht? Alt genug, um in einem Käfig heutzutage am Leben gehalten zu werden und gefüttert zu werden. Oder soll ich ihn etwa rauslassen, wo diese … Monster … frei herum laufen? Und er keine Waffe bekommt.“

Androklus lieĂź los.

Widerwillig starrte er Lanista hinterher. Er musste ihn gehen lassen.

Auch wenn der Junge sich jetzt aus seiner Starre löste, zu ihm an die Käfigtür stürzte und laut um Gnade brüllte.

Ein kleiner Junge, also, dachte Androklus.

Willkommen in der Arena.

Photo: Holger Kellmeyer
Circus Maximus (Teil 2/2)

Androklus hatte sich oft gefragt, wie Lanista sich in der Arena schlagen wĂĽrde.

Wahrscheinlich wĂĽrde er keine fĂĽnf Minuten ĂĽberleben.

Die Fresser sahen aus wie Menschen. Sie rochen sogar wie Menschen. Da konnte man sagen, was man wollte. Aber Androklus erinnerte sich daran, wie es sich angefühlt hatte, in heißen Hochsommertagen in Straßenbahnen zu sitzen. Dieser derbe säuerliche Geruch, den einige Menschen ausdünsteten und der sich mit den Gerüchen von anderen vermengte, dass es in den Nasen biss und man das Würgen unterdrücken musste. Diese Mischung aus Kohl, Schweiß, Urin und ständiges Verwesen, das einem in der Arena entgegenschlug. Der Tod war schon immer widerwärtig gewesen. Aber noch nie so widerwärtig wie in der heutigen Zeit.

Rocko hatte gesagt, dass die stärkste Waffe der Fresser die Psychologie sei. Der Geruch und die Gesichter, alles ist so menschlich. Aber sie stürzen vor und wollen ihre fauligen Zähne in dein Gesicht schlagen und sie zerreißen dich, als wären es wilde Raubtiere. Du kannst ihnen nicht einfach entgegen treten und sie bekämpfen. Denn du siehst in ihren Augen etwas, das dich dazu bringt, mit ihnen reden zu wollen.

Ein paar Monate vor Rockos Tod – und bevor Lanista den Jungen zu Androklus in die Zelle geworfen hatte – war eine Gladiatorin bei dem Versuch drauf gegangen, die Fresser davon zu überzeugen, stehen zu bleiben.

Sie hatte gebrüllt: „Bleibt, wo ihr seid!“ und „Ich weiß, dass ihr mich hören könnt. Dass ihr mich versteht!“

Die Fresser hatten gebrüllt und gegrunzt, geschmatzt und gesabbert. Der Vorderste hatte tatsächlich inne gehalten. Den Kopf hatte er schräg zur Seite gelegt, als würde er lauschen. Und sie hatte gegrinst und die Arme ausgestreckt und gerufen: „Ja! Hören. Du kannst mich hören! Nicht wahr?“, so als rede sie nicht mit einem Fresser, sondern mit einem behinderten Kind, dem man nur laut genug ins Gehirn hineinbrüllen musste, damit es verstand, worum es hier ging.

Dann war der Fresser vorgetreten, hatte wirklich und wahrhaftig die Arme ausgebreitet und die Gladiatorin zu sich herangezogen. Er hatte sie umarmt, so wie ein Kind seine Mutter umarmt. Und sie hatte geweint und die Umarmung zugelassen. Sie hatte zugelassen, dass er ihr über den Rücken sabberte und ganz langsam und genüsslich ihr die Schneidezähne in das weiche Fleisch der Schulterpartie bohrte.

„So langsam und intensiv ist noch keiner von uns drauf gegangen.“, hatte Rocko das grauenvolle Geschehen kommentiert.

Nur, wenn du begreifst, dass du der Gladiator bist und die, die dir gegenĂĽber stehen, die Tiere sind, die Raubtiere, nur dann hast du eine Ăśberlebenschance.

„He, Kleiner.“, rief Androklus. Der Junge sah auf.

„Sag mir, wie du heißt.“

„Lusio.“

„Wie alt bist du?“

„Neun.“, er sagte es schnell und etwas undeutlich. Es klang wie ‚nein’.

„Ok. Lusio, ich möchte, dass du mir vertraust. Und dafür musst du mir eine Frage beantworten. Wenn du das tust, dann kann ich dir vielleicht helfen, etwas zu überleben, was schon härtere Brocken als du und ich … das Leben gekostet hat.“

Lusio nickte.

„Wie hast du da draußen überlebt?“

Er gab keine Antwort, statt dessen starrte Lusio ihn nur mit flackerndem Blick an. Androklus rĂĽckte zu dem Jungen hinĂĽber.

„Es gibt da draußen, ich meine außerhalb von den Käfigen, außerhalb von der Arena, eine Welt. Und die ist gefährlich geworden, ja, das ist sie, verdammt noch mal. Und ich weiß das, weil ich nicht mein Leben lang in diesem Käfig hier verbracht habe. Verstehst du? Ich hab da draußen Leute kennen gelernt, die nur überleben konnten, weil sie vor der Gefahr wegrennen konnten. Andere, weil sie in großen Teams durch das Land gewandert sind wie Nomaden. Ich habe Kämpfer kennengelernt, die keinem Kampf aus dem Weg gehen mussten. Es gibt so viele Strategien. Welche war deine?“

Aber der Junge sagte nichts mehr. Mit keinem Wort konnte Androklus zu ihm durchdringen. Schließlich gab er es auf. „Gut.“, sagte er. „Schlafen wir. Aber pass auf, eine Sache: Wir sind in einem Käfig. Vielleicht hast du da draußen nie richtig geschlafen. Immer nur mit einem Auge offen und so. Wer weiß. Aber hier drin kannst du dir den Luxus erlauben, mit beiden Augen zu schlafen. Verstehst du? Leg dich hier genau in die Mitte des Käfigs, wenn du mir nicht glaubst. Du kannst ganz ruhig schlafen. Nirgendwo bist du sicherer heutzutage als in einem Käfig.“ Selbst wenn der Käfig keine zwei Räume von einem Raum voller Fresser entfernt ist. Aber diesen letzten Satz sagte er nicht. Den dachte Androklus nur. Er wusste, dass der Junge, wenn überhaupt, nur ausgeschlafen eine Chance hatte. Und wenn er nicht selbst von seinen Sätzen überzeugt gewesen wäre, dann hätte Androklus schon längst nicht mehr in der Arena in einem Käfig gelebt. So viel stand fest.

 

Die furchtbarsten Schreie weckten sie auf.

Androklus erwachte aber erst so richtig, als Lusio auch noch vor Angst zu schreien anfing.

„Ok!“, rief der Gladiator aus und stürzte auf den Jungen. Er nahm ihn, drückte sein Gesicht fest in seine Brust. „Beruhig dich. Es ist alles ok. Ich hätte dich warnen sollen. Tut mir leid. Ich hab es vergessen. Es ist so normal hier, dass ich es vergessen hab. Ruhig!“

„Normal?“, der arme Junge sah ihn mit panisch geweiteten Augen entsetzt an.

Die Augen waren ganz ruhig und dunkel. Aber der Blick flackerte und war so unstet und instabil, als ob man einer Seele beim Zerbrechen zuschauen wĂĽrde.

„Die Raubtiere werden gereizt.“

Androklus nahm den Kopf des Kleinen in beide Hände und zwang ihn so, ihm direkt in die Augen zu sehen.

„Sie führen Frischfleisch an den Käfigtüren der Fresser vorbei. Ok? Sie wollen, dass die Fresser ‚heiß’ sind. Sie sollen Essen riechen aber nichts bekommen. Das hat man früher auch mit Kampfhunden so gemacht. Erst hat man ihnen rohes Fleisch zum Essen und Blut zum Trinken gegeben und wenn die Tiere ‚Blut geleckt’ hatten, – verstehst du? Da kommt dieser Ausdruck her – dann hat man ihnen nichts mehr zum Essen gegeben, bis es zum Tag des Kampfes kam. Dann waren die Tiere heißhungrig und sie hätten alles getan, den Feind zu zerfleischen. Es war ein wilderes und gierigeres Spektakel. Denn genau darum geht es, verstehst du? Es ist Show. Es geht um ein wildes Spektakel.“

„Warum?“

Er dachte kurz nach, suchte Worte. Dann fragte er: „Hast du schon mal einen Film gesehen? Im Kino vielleicht?“

Der Junge schĂĽttelte den Kopf.

„Das war in einer alten Zeit.“, knurrte Androklus, der sich noch viel zu gut an Kinos erinnern konnte. „Man hat sich Geschichten angeschaut. Geschichten, die einem so gut waren wie das echte Leben. Und dadurch hat man alles genauso gefühlt, wie es die Geschichte gewollt hat. Man hat mit-erlebt ohne, dass man selbst etwas gelebt hat. So als könntest du kurz dein eigenes Leben verlassen und in ein Fantasieleben rein. Verstehst du? Ja, du verstehst das, du bist ein kluger Junge. Das kann ich dir ansehen. Wenn die Leute traurig waren, dann haben sie sich einen traurigen Film angeschaut. Und dann konnten sie über die erfundene Geschichte weinen, weil sie sich das nicht in Wirklichkeit getraut hatten. Niemand wollte über sein eigenes Leben weinen. Das wäre ja erbärmlich gewesen. Aber über das Leben eines anderen, das war ok. Weil es den anderen ja nicht gab. Weil es ja nur Show war. Man identifiziert sich mit dem, was man sieht und man kann all die Gefühle rauslassen, die einem im echten Leben grad im Weg sind. Dadurch bleibt die Seele gesund. Das machen wir hier auch.

Wir sind Psychiater. Wir kämpfen gegen die Fresser genauso wie die Besucher unserer Shows auch jeden Tag gegen Fresser kämpfen müssen. Und dann gewinnen wir den Kampf und alle gehen glücklich und zufrieden zurück nach Hause. Vielleicht bilden sie sich auch ein, dass sie durch das Zuschauen sogar noch was für den eigenen Kampf lernen können, wer weiß. Ich jedenfalls nicht.

Wir helfen den Leuten dabei, dass sie überleben können. Sie würden, wenn sie jeden Tag einfach nur kämpfen müssten, nämlich keine Sekunde überleben. Sie würden kaputt gehen daran, dass das Kämpfen nie aufhört.

Das war schon immer so.“

Dann griff Androklus plötzlich neben sich. Er packte sein Kopfkissen, trennte die Naht auf und griff in die Füllung des Kissens hinein. Er zog ein vergilbtes Stück Papier heraus.

„Du bist zu jung, das hier zu verstehen. Neun. Was ist das schon. Aber trotzdem. Pass auf. Ich les es dir vor, ja. Das ist von einem Typen, der hieß Hölderlin. Das war ein … naja … egal. Er schreibt hier etwas, das ist das, was ich für das einzig Wahre halte an diesem Ort hier. Hör gut zu:

Die Darstellung des Tragischen beruht darauf, dass das Ungeheure, wie der Gott und Mensch sich paar, und grenzenlos die Naturmacht und des Menschen Innerstes Im Zorn eins wird, dadurch sich begreift, dass das grenzenlose Einswerden durch grenzenloses Scheiden sich reiniget. In solchen Momenten vergisst der Mensch sich und den Gott, und kehret, freilich heiliger Weise, wie ein Verräter sich um. – In der äußersten Grenze des Leidens besteht nämlich nichts mehr, als die Bedingungen der Zeit oder des Raums.

Das ist schwer, nicht wahr?

Ich weiß auch nicht, warum ich es dir vorgelesen habe. Ich …“, Androklus wollte das Papier wieder zurückstecken. Aber der Junge hielt ihn auf. Er nahm es an sich und las es selbst mehrmals hintereinander durch.

„Früher habe ich Gedichte gesammelt.“, verriet ihm Androklus. „Gedichte, die mir geholfen haben. Aber es war unfassbar schwer, an Gedichte heranzukommen. Das war in einer Zeit, bevor ich hier im Käfig gelebt habe. Da hatte ich in einem anderen Käfig gelebt, weißt du. An einem Ort, den man früher Bibliothek nannte. Aber es war tatsächlich eine Bibliothek, in der es nur wenig Gedichtsbände gab. Also habe ich angefangen, alles andere zu lesen. Um einen Weg zu finden, wie man in dieser Zeit weiter machen kann. Dann bin ich auf Hölderlin gestoßen. Und … darauf.“, er tippte mit dem Finger auf das aus einem Buch herausgerissene Blatt.

„Nur deshalb bin ich hier gelandet.“

„Du bist freiwillig hier?“, fragte der Junge ungläubig.

Androklus nickte.

„Klingt verrückt, nicht wahr?“

„Warum?“

„Nun, weil es egal ist, in welchem Käfig man sich sicher fühlt. Aber es nicht egal ist, wie man sich in seinem Käfig einrichtet. Der Mensch braucht einen Grund, um weiter zu machen.“

„Wir hatten auch in einem Käfig gelebt.“, sagte Lusio plötzlich. „Ein Haus tief im Wald. Eigentlich eine Art Burg. Mit Graben und Mauer. Aber keine Zugbrücke.“, er grinste etwas schief. „Jeden Tag musste er raus und uns etwas zum Essen besorgen und wir haben in der Burg auf ihn gewartet. Manchmal fand er genug für eine ganze Woche. Aber irgendwann musste man immer den Käfig verlassen.“

„Und dann?“

„Ist er nicht mehr wieder gekommen. Und als nächstes mussten wir den Käfig verlassen. Und wir sind auch nicht mehr wieder gekommen.“

„Du wurdest von Lanista gefangen.“

Er schĂĽttelte den Kopf.

„Von Sklavenfängern. Wir wurden verkauft. Jeder in eine andere Himmelsrichtung.“

„Und jetzt bist du hier.“, stellte Androklus fest. „In einem neuen Käfig. Und nichts hat sich zum Überleben geändert. Heute Mittag müssen wir den Käfig verlassen und auf die Jagd gehen. Wir müssen den Fressern gegenüber treten und wir müssen kämpfen, damit wir wieder zurück in den Schutz unseres Käfigs kehren können. Hast du heute Nacht gut geschlafen?“, Androklus kannte die Antwort bereits. Aber er wartete doch geduldig ab, bis Lusio nickte.

„Und das hat seinen Preis.“

„Die Fresser.“, sagte Lusio.

Androklus schĂĽttelte den Kopf.

„Die Arena.“

Mach nie den Fehler und verwechsle das, Junge, schoss es ihm durch den Kopf. Vergiss nie, wer dein wahrer Feind war. Und wen es zu bekämpfen galt. Das waren nämlich zwei völlig verschiedene Dinge.

Lusio gab ihm den Zettel zurĂĽck.

„Was bedeutet das?“, fragte er und zeigte auf den letzten Satz.

Androklus las wieder vor: In der äußersten Grenze des Leidens besteht nämlich nichts mehr, als die Bedingungen der Zeit oder des Raums.

„Das bedeutet, dass wenn du da draußen bist, nichts anderes zählt als dieser eine Augenblick und dieser eine Ort. Mit dem Schlamm auf dem Boden“, der Rocko das Leben gekostet hat, „mit der Sonne in den Augen. Und mit diesen Raubtieren, die sich tarnen als Menschen. Die so stinken, dass du am liebsten davon rennen würdest. Die zählen. Nicht die Burg, und dass er nicht mehr wiederkam. Nicht, dass du von Sklavenfängern verkauft worden bist. Nicht, dass du Hunger hast, deine Familie vermisst, dass du einen Stein im Schuh hast, dass das Leben unfair ist. Nichts davon. Hast du das verstanden?“

Lusio nickte zögernd. Dann sah er mit weit aufgerissenen Augen an Androklus vorbei.

Lanista trat ein, näherte sich ihrem Käfig und öffnete ihn.

„Wir fangen mit dir an, Junge.“, sagte Lanista selbstgefällig. „Das heizt die Stimmung ein wenig an.

„Lanista!“, zischte Androklus.

„Was willst du? Willst du mir sagen, wie ich meinen Job zu machen habe? Willst du mich beschimpfen, bespucken oder verfluchen? Um Gnade winseln? Haben wir das nicht hinter uns, Androklus?“

Der Gladiator schĂĽttelte den Kopf.

„Wir gehen zusammen raus.“, sagte er bestimmt. Und dann bückte sich der alte Gladiator unter der Tür ins Freie und hielt, ohne Lanista anzublicken, Lusio die Hand entgegen. „Komm. Ich zeig dir, was ich meine!“

Der Junge lieĂź die Hand nicht los. Sie traten nebeneinander in die grell erleuchtete Arena.

Im Durchgang griff Androklus nach einer Lanze und einem Netz. Die Lanze drĂĽckte er Lusio gegen die Brust.

„Vergiss ja nicht, was ich dir gesagt habe.

Jetzt erst sah Androklus, dass der Kleine immer noch seine Buchseite in den Händen hielt und nach einem Ort suchte, wo er es unterbringen konnte.

Androklus nahm es, knĂĽllte es zusammen und steckte es ihm unter das Shirt auf die Brust. Er klopfte ein paar Mal darauf.

„Jetzt kann dir keiner das Herz fressen, ohne nicht wenigstens auf diesen Brocken von Hölderlin zu beißen.“, grinste er den Jungen an.

„Wird es weh tun?“, flüsterte der Junge.

„Klar.“, sagte Androklus, der keine Lust darauf hatte, einen Neunjährigen anzulügen. „Überleben tut immer weh. Hat dir das noch keiner gesagt?“

Beifall brandete auf. Sie traten ein und nur langsam gewöhnten sich die Augen an das gleissende Licht.

„Letzter Tipp?“, fragte der Junge.

„Rutsch nicht aus.“, knurrte Androklus. „Und wenn du hinfällst, steh verdammt noch mal wieder auf.“

Dann konnte Androklus endlich etwas sehen. Nämlich wie die Tore sich öffneten und die Fresser mit furchtbaren Fratzen in die Arena stürmten. Es begann zu stinken. Nach Mensch. Und nach Tod. Nach Blut.

„Salve, Lanista. Die Todgeweihten grüßen dich!“, schrie Androklus.

Der Kampf begann.

Photo: Holger Kellmeyer

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