Atlantis

Atlantis ist aus der Phantastik nicht wegzudenken. E.T.A. Hoffmann verarbeitete es in „Der goldne Topf“ (1814), Jules Verne in „20.000 Meilen unter dem Meer“ (1869-1870) und Thomas Mann in „Jonas und seine Brüder“ (1933-1943). In Walter Moers‘ „Die 13 1/2 Leben des Käpt’n Blaubär“ (1999) kam Atlantis ebenso vor wie in Michael Endes „Jim Knopf und die wilde 13“ (1962) oder im Asterix-Heft „Obelix auf Kreuzfahrt“ (1996). Wolfgang Hohlbein („Das Mädchen von Atlantis“, 2001) und Marion Zimmer Bradley („Das Licht von Atlantis“, 1984) schrieben darüber. Die Ähnlichkeiten zu Númenor bzw. Westernis aus J.R.R. Tolkiens „Der Herr der Ringe“ etc. ist wohl kein Zufall, heißt Númenor doch in einer der Elbensprachen Atalantë. Die Perry Rhodan-Serie thematisierte Atlantis erstmals 1962 und sowohl Marvel (Namor, seit 1939) als auch DC (Aquaman, seit 1941) haben den Mythos in ihre jeweiligen Comicuniversen eingebaut. Filmisch wären „Atlantis, the Lost Continent“ (1961), „MacGyver: „Lost Treasure of Atlantis“ (1994), Disneys „Atlantis: The Lost Empire“ (2001) und natürlich die TV-Serie „Stargate Atlantis“ (2004-2008) zu nennen. Unvergessen für Damen und Herren meiner Generation bleibt sicherlich Patrick Duffy als „Man from Atlantis“ (1977-1978). Den Jüngeren sind vielleicht „Die Nektons“ (ab 2015) vertrauter. Donovan, Modern Talking, Symphony X, Iron Savior und Atrocity behandelten das Thema musikalisch. Natürlich durfte Atlantis auch bei Computerspielen nicht fehlen. LucasArts thematisierte es erst in „Zak McKracken and the Alien Mindbenders“ (1988) und später ganz zentral in „Indiana Jones and the Fate of Atlantis“ (1992). In „Tomb Raider“ (1996) kommt Lara Croft nach Atlantis, das auch in „Age of Mythology“ (2002) oder in „Master of Atlantis: Poseidon“ (2001) eine große Rolle spielt. Bei den Rollenspielen kann ich mich noch daran erinnern, dass Atlantis in „Earthdawn“ und „Shadowrun“ vorkam. Was für ein Thema, was für eine Wirkungsgeschichte! Und dabei habe ich in dieser keineswegs auch nur annähernd vollständigen Liste nicht einmal alle Medien behandelt, könnte man doch auch noch auf Gemälde, Hörspiele etc. zu sprechen kommen.

Gemälde „Terror Antiquus“ von Léon Bakst (1908), Russisches Museum St. Petersburg. Das Gemälde zeigt die Zerstörung einer antiken Zivilisation und könnte sich auf Atlantis beziehen.

Wo kommt dieser wirkungsmächtige Atlantis-Mythos aber ursprünglich her? Unser ältestes und ausführlichstes Zeugnis für Atlantis stammt von dem Philosophen Platon (Dialoge Timaios 24e-25d und Kritias 113b-121c), der von 428/427 v.Chr. bis 348/347 v.Chr. in Athen lebte. Damit fangen dann auch bereits die Probleme an, weil sich keine von Platon unabhängige Version des Mythos nachweisen lässt und die Mehrheit der Forschung daher davon ausgeht, dass Platon als (politischer) Philosoph die Atlantis-Geschichte erfunden hat, um sie als Gegenspieler für sein als idealen Staat dargestelltes Ur-Athen in seinen Dialogen zu verwenden, während andere Personen, die größtenteils außerhalb der Forschung anzusiedeln sind, dies anders sehen. Dazu aber später mehr. Schauen wir uns zunächst an, was Platon denn über Atlantis berichtet:

9.000 Jahre vor Solon, der um 600 v.Chr. lebte, sei Athen von Atlantis angegriffen worden, das so groß wie Asien und Lybien (Afrika) zusammen gewesen sei und außerhalb der Säulen des Herakles – also Gibraltar – gelegen habe. [Im 5. Jh. hatte man noch keine realistischen Vorstellungen von der wahren Größe dieser beiden Kontinente.] Als Gewährsmann für die Geschichte wird letztlich der bereits eingangs erwähnte athenische Gesetzgeber Solon genannt, der sie von ägyptischen Priestern aus 8.000 Jahre alten Schriften erfahren habe. Den Athenern war es jedenfalls gelungen, die übermächtigen Atlanter zurückzuschlagen. Später wurde Atlantis im Rahmen einer globalen Katastrophe innerhalb eines Tages durch Erdbeben und Überschwemmungen zerstört, wobei nur die am Nil lebenden Menschen von der damit einhergehenden Zerstörungswelle verschont blieben, weshalb auch nur sie sich an die Ereignisse vor der Katastrophe erinnern konnten. Es gab damals die Vorstellung, dass solche weltweiten Vernichtungswellen in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen auftraten. So gibt Platon ganz konkret an, dass die Katastrophe, bei der Atlantis vernichtet wurde, die dritte dieser Art vor der bekannten Deukalionischen Flut gewesen sei, die größere Ähnlichkeiten mit der biblischen Sintflut aufweist.

Die Insel wird als fruchtbar und reich an Bodenschätzen beschrieben, während die Beschreibung der kreisförmig-symmetrisch angelegten Stadt, die u.a. über Kanäle, drei Häfen und einen gewaltigen Poseidon-Tempel verfügt habe, an eine äußerst florierende Metropole erinnert. Der Meeresgott Poseidon war der Schutzherr der Stadt und Ahnherr des Königsgeschlechts. Denn Poseidon hatte mit der Menschenfrau Kleito fünf Paare von Zwillingssöhnen gezeugt. Während die Insel wie der Ozean nach Atlas, dem ältesten dieser 10 Söhne, benannt wurden und dieser zum Hauptkönig gemacht worden war, regierten seine 9 Brüder als kleinere Könige unter ihm. Atlantis gedieh unter der Herrschaft der Könige und konnte seinen Machtbereich immer weiter ausdehnen, sodass es bald über diverse Inseln und eine den Atlantik umschließende Landmasse sowie im Mittelmeer über Etrurien und Ägypten herrschte. Von Generation zu Generation sank der göttliche Anteil im Genpool der atlantischen Könige, wodurch diese mit der Zeit moralisch verkamen und von immer größerer Gier ergriffen wurden. Daher sei der Sieg der Athener über das mächtige Atlantis eine Strafe der Götter für die Hybris der Atlanter gewesen. Auch treten die Götter zusammen, um über Atlantis zu richten, doch wissen wir leider nicht wie es weitergeht, da der Kritias-Dialog unvollständig geblieben ist.

Für den Umstand, dass Platon die Geschichte erfunden hat, sprechen verschiedene Gründe. Zum einen geht er in seinen Dialogen davon aus, dass seine (athenische) Leserschaft nichts vom Kampf der alten Athener gegen Atlantis weiß, was sonderbar ist, da Solon doch schon mehr als 200 Jahre zuvor davon erfahren haben soll. Damit hängt auch das Problem zusammen, dass es keine parallele Überlieferung gibt, die nicht von Platons Erzählung abhängt. Platon stand der Schaffung neuer Mythen bekanntlich sehr offen gegenüber, was u.a. damit zusammenhängt, dass ihm die bereits vorhandene Mythologie nicht unbedingt für die Erziehung Heranwachsender geeignet zu sein schien, geht es hier doch nicht selten um Ehebruch, Vergewaltigung, Mord und andere Verbrechen. Auch ist es nicht untypisch für die griechische Gedankenwelt, dass altes Wissen aus Ägypten stammt. So lassen anekdotenhafte Erzählungen gleich mehrere griechische Gesetzesgeber Ägypten besuchen, was eben auch für Solon gilt.[1] Insofern ist es ein kluger Schachzug, die Atlantis-Geschichte von Solon herzuleiten, der Platons eigener Auffassung nach als einer der Sieben Weisen galt und in Athen in hohem Ansehen stand. Fest steht jedenfalls, dass die Datierung auf 9.000 Jahre vor Solon und die gewaltigen Angaben, die zu den atlantischen Streitkräften gemacht werden, unmöglich stimmen können, wobei Letzteres in der Antike natürlich kein ungewöhnliches Phänomen darstellt.

Auf der anderen Seite ist es eine der Grundannahmen dieses Blogs, dass man Erzählungen nicht einfach so erfindet, sondern sich an bereits existierenden Mustern orientiert. So wie etwa J.R.R. Tolkien vielerlei Aspekte der germanischen und nordischen Welt, der Antike etc. zu einer neuen Erzählung zusammenfügte, darf man wohl davon ausgehen, dass auch Platon im Falle einer Erfindung auf reale Ereignisse und bereits vorhandene Mythen zurückgegriffen haben dürfte, woraus er dann etwas Neues schuf. Somit ist natürlich auch bei einer Erfindung von Atlantis möglich, dass die Erzählung über den ein oder anderen wahren Kern verfügt. Nicht ohne Grund werden u.a. der sogenannte Seevölkersturm oder der große Vulkanausbruch auf Thera (Santorini) mit der Atlantis-Erzählung in Verbindung gebracht. Vielleicht muss man hier noch stärker als bei Troja zwischen einer realen Stadt und deren dichterischer bzw. literarischer Verformung unterscheiden.

Die Wirkungsgeschichte von Platons Darstellung ist jedenfalls auch außerhalb der Phantastik gewaltig, wobei mir die Wikipedia da einen guten Überblick zu bieten scheint. Wer sich etwas intensiver mit dem Thema beschäftigen möchte, könnte einen Blick in Christopher Gills Einführung „Plato’s Atlantis Story. Text, Translation and Commentary“ werfen, zu der Ihr hier eine ausführliche Rezension findet. Wen die Sicht der Anhänger eines realen Atlantis interessiert, der oder dem sei die folgende Seite von Thorwald C. Franke empfohlen. Natürlich gibt es dann auch noch die Fraktion, die Atlantis mit Außerirdischen, mit Ur-Ariern, mit dem Bermudadreieck, mit höchst fortschrittlicher Technologie etc. in Verbindung bringt, doch zeigt meine Zusammenfassung der Dialoge Kritias und Timaios eindeutig, dass solcherlei Überlegungen nicht viel mit Platons Darstellung von Atlantis gemeinsam haben, sondern gänzlich in den Bereich der Phantastik gehören.

Unabhängig davon, ob Atlantis nun eine reale Grundlage hat oder nicht, ist es bemerkenswert, dass diese leider unvollständige Erzählung über Jahrtausende hinweg eine solche Wirkungsmacht auf die Menschheit hat. Wer darüber noch ein bisschen nachdenken mag, kann dies ja musikalisch vom passenden Soundtrack begleiten lassen:

[1] Zu den typischen Elementen der Geschichten um griechische Gesetzesgeber vgl. K.-J. Hölkeskamp: Schiedsrichter, Gesetzgeber und Gesetzgebung im archaischen Griechenland, Stuttgart 1999.

Literatur:

R. Bichler: Art. Atlantis, in: Der Neue Pauly

Atlantis in der Wikipedia

 

 

2 Kommentare zu „Atlantis

Gib deinen ab

  1. Hallo!
    Ein sehr interessanter Artikel mit vielen Details, die ich so noch nicht wusste, obwohl man immer glaubt, man kenne eben den Mythos Atlantis ganz gut. Da hat der Kopf wieder einiges zu verarbeiten. Vielen Dank dafür!

    Liebe Grüße!
    Gabriela

    1. Liebe Gabriela,

      freut mich, dass der Beitrag Dir gefallen hat!

      Das Thema ist so umfangreich, dass da noch ein paar Beiträge zur Behandlung des Mythos in der Phantastik folgen werden.

      Viele Grüße

      Michael

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Bitte stimme den Datenschutzbestimmungen zu.

Betrieben von WordPress | Theme: Baskerville 2 von Anders Noren.

Nach oben ↑